Fragt ein Interviewer im Vorstellungsgespräch nach den Stärken, kommen den meisten Bewerbern die Worte leicht über die Lippen. Aber bei der Frage nach den Schwächen geraten viele ins Stocken. Wie sollen Bewerber darauf auch reagieren? Schließlich möchten sie sich von ihrer guten Seite zeigen, um den Job zu bekommen. Sie könnten Bertolt Brecht zitieren: "Schwächen: Du hattest keine. Ich hatte eine. Ich liebte." Molières Menschenfeind wäre in dem Zusammenhang noch besser: "Meine Schwäche besteht darin, dass ich offen spreche." Postulieren Unternehmen in ihren Führungsgrundsätzen nicht die authentische Kommunikation?

Im Fragebogen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lautet eine Frage: Was ist Ihr größter Fehler? Viele Prominente wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki oder der Schauspieler Til Schweiger haben die gleiche Antwort gegeben: Ungeduld. Wer Einstellungsgespräche mit Führungskräften führt, kennt diese Antwort. Der Erkenntnisgewinn ist gleich null. Denn eigentlich reden sie damit von einer Stärke: Es geht ihnen alles nicht schnell genug; sie werden den Mitarbeitern schon Beine machen.

Was will ein Unternehmen von einem Bewerber wissen? Doch nicht nur, welche Erfolge er vorzuweisen hat, sondern auch, woran jemand gescheitert ist und was er aus den Fehlern gelernt hat. Daher sollte die Frage konkreter sein. Was war bisher ihr größter Flop? An welcher Aufgabe, an welchem Projekt sind Sie gescheitert? So erhält der Interviewer Informationen, die für die Beurteilung der Eignung eine Rolle spielen können.

Bewerber sollten eine solche Frage dazu nutzen, dem Gesprächspartner zu zeigen, dass sie souverän und mit Humor reagieren können. Das ist sicherlich nicht ganz leicht und kann auch schief gehen. Denn in einem Bewerbungsgespräch um den Posten als Vorstandsassistent könnte der Bewerber sagen: "Wenn meine kleine Tochter mich um etwas bittet und mich dabei mit ihren großen braunen Augen anschaut, werde ich schwach." Aber das ist es ja nicht, was Sie meinen. Doch kommt es der Sache recht nahe: "Ich kann schlecht nein sagen, wenn ein Kollege mich um etwas bittet. Manchmal ärgere ich mich darüber, dass ich so nachgiebig bin." Er fängt ganz locker an, und ehrlich ist er auch noch. Aber junge Führungskräfte dürfen gerade im Umgang mit Kollegen oder Untergebenen nicht ständig weich werden.

Richtig macht es die Bewerberin um den Posten als Personalreferentin, die auf die Frage nach einer Schwäche antwortet: "Ich bin immer noch etwas unsicher bei schwierigen Mitarbeitergesprächen, vor allem wenn es um Kündigungen geht. Ich bin irritiert, wenn Mitarbeiter, meistens Frauen, anfangen zu weinen. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Soll ich sie weinen lassen? Ich würde gerne einmal ein Seminar zu diesem Thema besuchen, um mehr Souveränität in der Gesprächsführung zu bekommen."

Das ist eine überzeugende Antwort, wenn man bedenkt, dass viele Führungskräfte bei Kündigungsgesprächen unsicher sind. Zugleich zeigt die Bewerberin, dass sie an dieser Schwäche arbeiten möchte, um Souveränität zu erlangen und in der sensiblen Situation besser reagieren zu können.