Bewerbung und Betrug : "Zehn Prozent sind Lügner"

Der Kriminalist Marco Löw erklärt Personalverantwortlichen, wie sie Betrüger schon an ihrer Bewerbung erkennen können. Im Interview verrät er seine Tricks.

ZEIT ONLINE: Herr Löw, Sie helfen Unternehmen dabei, Betrüger unter ihren Bewerbern ausfindig zu machen. Reicht dafür die Menschenkenntnis nicht aus?

Marco Löw: Um Himmels Willen, nein. Menschenkenntnis ist doch nichts weiter als die Widerspiegelung der eigenen Erfahrung. Eine Frau beispielsweise, die mit zwei Männern auf die Nase gefallen ist, hat ein anderes Männerbild als eine, der so etwas nicht passiert ist. Genauso ist das auch mit Personalentscheidern: Skeptisch sind nur die, die einmal einem Betrug aufgesessen sind.

ZEIT ONLINE: Was also bringen Sie Personalern in Ihren Seminaren bei?

Löw: Betrüger, die einem Unternehmen großen Schaden zufügen können, möglichst früh herauszufiltern. Untersuchungen zeigen, dass Mitarbeiter, die schon in ihrer Bewerbung lügen, mit  70-prozentiger Wahrscheinlichkeit später auch in Fälle von Mitarbeiterkriminalität verstrickt sind.

Marco Löw

Marco Löw war 15 Jahre lang bei der Kriminalpolizei als Betrugsermittler und Vernehmungsexperte tätig. Dann machte er sich mit einer kriminalistischen Unternehmensberatung selbständig. Gerade ist sein Ratgeber Falle Bewerbungsbetrug: Erkennen und vermeiden erschienen.

ZEIT ONLINE: Aber ist denn schon ein Betrüger, wer im Lebenslauf mal "Traineeship" schreibt statt "Praktikum"?

Löw: Ich bewege mich eher in dem Bereich, der strafrechtlich relevant wird – wie die Fälschung von Zeugnissen. Um Beschönigungen wie "Traineeship" statt "Praktikum" geht es mir gar nicht.

ZEIT ONLINE: Wie erkennen Sie denn in einer schriftlichen Bewerbung einen Lügner ?

Löw: Man muss auf Kleinigkeiten achten. Tauchen zum Beispiel in einem Zeugnis, das angeblich vor der Rechtschreibreform ausgestellt wurde, neue Schreibweisen auf? Werden in einem älteren Dokument fünfstellige Postleitzahlen angegeben? Das können Anzeichen für eine Fälschung sein. Jeder Mensch hat sprachliche Vorlieben. Wenn dasselbe Fremdwort in mehreren Zeugnissen vorkommt, die angeblich von unterschiedlichen Personalern stammen, wäre ich skeptisch. Manche neigen auch zu Schachtelsätzen; das findet sich dann auch an mehreren Stellen wieder.

ZEIT ONLINE: Betrugsprofis passieren solche Fehler bestimmt nicht.

Löw: Dann muss man sie eben im persönlichen Gespräch erwischen.

ZEIT ONLINE: Das Vorstellungsgespräch wird also zum Verhör ?

Löw: Sie dürfen sich jetzt keine Schimanski-Szenerie vorstellen mit einem dunklen Raum, in dem der Bewerber von einer Neonlampe angestrahlt wird.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Löw:Ein ganz normales Bewerbungsgespräch – nur dass der Personaler eben mit Tricks der taktischen Vernehmungsführung vertraut ist und weiß, woran man Lügen erkennt. Welche Farbe hat Ihr Auto?

ZEIT ONLINE: Silber.

Löw: Groß? Klein?

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Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Weil...

...ihr Betrug rein fachlich keinen Einfluss auf ihre Qualifikation als Politiker hat.
Ein erfolgreicher Politiker wird man nicht in dem man in Berlin seine Bewerbungsmappe auf den Tisch legt, sondern indem man demokratisch vom Volk gewählt wird. Und den demokratischen Grundprinzipien ist es eben auch zu verdanken, dass (zumindest theoretisch) auch ein Schulabbrecher Bunderkanzler werden kann.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will auf keinen Fall die Fälschung einer Doktorarbeit trivialisieren, aber auf die Qualifikation eine(s/r) Politiker(s/in) hat sie keinen Einfluss.

Er oder sie kann einen guten Job machen und trotzdem ein Ar******* sein ;)

@rhododendron

Ihrer Argumentation kann ich nicht zustimmen:
1. spielt die Qualifikation und der Lebenslauf eines Politikers sowohl eine Rolle, zmindest innerparteilich

2. sollten Politiker als Volksvertreter über jeden Zweifel erhaben sein

3. wieso sollte Ihre Argumentation "Er oder sie kann einen guten Job machen und trotzdem ein Ar******* sein"
nicht für normale Arbeitnehmer gelten

4. Ihre Aussage: "Ein erfolgreicher Politiker wird man nicht in dem man in Berlin seine Bewerbungsmappe auf den Tisch legt, sondern indem man demokratisch vom Volk gewählt wird."
Auch hier scheinen Sie falsche Vorstellungen von den politischen Abläufen zu haben.
Denn das Volk kann nur die zur Verrfügung stehenden Kandidaten wählen, die Kandidaten selber aber innerhalb der Partei anhand anderer Kriterien gestellt.

Auf die Qualifikation vielleicht nicht

aber auf die persönliche Eignung ja schon!

Wer bei der Doktorarbeit abschreibt oder anderswie betrügt, tut das ja bei vollem Bewusstsein, um sich den Doktorgrad zu erschwindeln. Da kann man schon die Frage stellen, ob so jemand als Volksvertreter oder gar Entscheidungsträger zu fungieren.

Ich habe die Arbeit von Herrn Löw auch mehr in dem Sinne verstanden, wenn Bewerber in strafrechtlich relevanter Form betrügen, also Zeugnisse fälschen oder Beschäftigungszeiten vortäuschen. Dabei kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass das bei 10% der Bewerbungen der Fall sein soll.

Personaler lügen erfahrungsgemäss ...

.
... wesentlich dreister als Bewerber, nicht nur wenn's um Zeitkonten geht.

Letzlich aber ist völlig simpel festzustellen:
Wer glaubt, Mitarbeiter liessen sich sowieso prinzipiell nur dafür im Unternehmen anstellen, um zu klauen, zu betrügen und zu pfuschen, der ist als Unternehmer oder auch als Personaler grundsätzlich ungeeignet, ähnlich wie ein gewohnheitsmässiger Trinker zur Teilnahme am Strassenverkehr eben auch grundsätzlich ungeeignet ist.

Dafür gibt es ein gutes dt. Sprichwort,

"Was ich selber denk und tu, das traue ich auch Anderen zu."

@Thema
Und hier mal eine Stellenausschreibung für ein prekäre Akademikerbeschäftigung

http://www.mbeg.de/images...

Da muss man doch als Bewerber Daten massieren, denn diese eierlegene Wollmilchsau gibt es nicht. Da brauchen sich imho dt. Unternehmen auch nicht wundern, das Leute die Arbeitsuchen etwas flexibler mit der Bewerbung sind.

Bin nur froh,das hier in Canada der Lebenslauf und Referenzen ausreichen, um eine gut bezahlte unbefristete Stelle zu bekommen.

Aber Glückwunsch Herr Löw, staatliche Pension nach 15 Jahren sicher, angebliche Marktlücke mit ZEIT Unterstützung beworben und so relativ risikofrei eine Firma aufgemacht. Fällt für mich in die selbe Kategorie wie Psychologen.

@ Giuseppe

"Mitarbeiter liessen sich sowieso prinzipiell nur dafür im Unternehmen anstellen, um zu klauen, zu betrügen und zu pfuschen"

Ich kann Ihren Ausführungen zustimmen.

Man muss leider auch aufpassen, dass man nicht so einen Chef kriegt, der einem diese Paranoia mit Weisungsgebundenheit versucht unterzuschieben.

Der lügende Chef ist nicht so selten wie man es sich wünschen würde. Hatte mal so einen, der lauter miese Anfragen über Mitarbeiter bei mir in Auftrag gab. Am Anfang merkt man das nicht, vor allem wenn man eher positiv und sachlich an die Arbeit ran geht. "Der wird die Situation und seine Pappenheimer schon kennen" sagt sich der Neuling dann und sollte sich langsam rantasten, viel hinterfragen (v.a. was vom Chef kommt...), um nicht gleich auf die Schnauze zu fallen. Denn am Anfang muss auch der Neuling v.a. auf Außenorientierung setzen (vgl. Cialdini) und sehen was im Unternehmen richtig ist. Zunächst einmal eben auch der Chef und seine vermeintlichen Lügen.

Bei mir dauerte es eine Weile, bis ich merkte,dass der Chef der Brandstifter war, nicht die Mitarbeiter. In solchen Situationen wird gerne Sand gestreut, um die Sicht zu vernebeln.

Auch wenn man hinterfragt, Zeit kauft, um bessere Einsichten zu gewinnen und Zugang zu den Mitarbeitern, kann so eine Lügenchefstrategie leider manchmal fruchten, da sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Dumm.

Wenn das prekär sein soll...

@lepkeb: wenn der Hydrologe ein "prekär beschäftigter Akademiker" sein soll, dann sind alle Akademiker mit einem Jahresgehalt unter 80 k€ prekär beschäftigt???
Eine Frau/Mann die dem von ihnen verlinkten Profil halbwegs gerecht wird (solche Leute gibt es durchaus, es werden ja nur Kenntnisse und Grundkenntnisse, aber keine vertieften Kenntnisse verlangt), kann je nach Erfahrung wahrscheinlich auch 100 k€ oder mehr verlangen (wenn das Unternehmen das zahlen will). Unter 70 k€ wird wahrscheinlich keiner den Job machen.