Ältere BewerberAuf Stellensuche im besten Alter

Je älter ein Arbeitsloser ist, desto geringer sind seine Chancen einen neuen Job zu finden. Einige Unternehmen haben es jedoch auf Ältere abgesehen.

Als Helga Grzanna sich 1975 in ihrer Heimatstadt Marl nach der Realschule um eine Lehrstelle bewarb, erhielt sie immer wieder Absagen mit der Begründung, dass die Firmen lieber Männer einstellen. "Das war hart", sagt die 55-jährige heute, "aber die Erfahrung, als über 50-Jährige eine Stelle zu suchen, ist noch frustrierender."

Die Automobilkauffrau hatte sich zur Geschäftsführerin eines Wohlfahrtverbandes hochgearbeitet, bildete sich zur Kommunikationswirtin fort und war dann Assistentin der Geschäftsführung einer gemeinnützigen Stiftung. 2006 wurde ihre Stelle gestrichen und zur gleichen Zeit erkrankten ihre Eltern. Grzanna übernahm die häusliche Pflege. Nach dem Tod der Eltern fing sie an, sich zu bewerben. "Ich lebte von Hartz IV und fühlte mich ganz unten", erzählt sie. "Die Politiker sagen, dass wir Älteren noch gebraucht werden und erst mit 67 in Rente gehen sollen, aber die Realität sieht doch ganz anders aus." Immer wieder zog sie große, braune Umschläge aus dem Briefkasten. Manche Unternehmen begründeten ihre Absage tatsächlich mit dem Alter, andere hielten sich bei Angabe von Gründen bedeckt.

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Durch die Bundesagentur für Arbeit erfuhr Grzanna von der Initiative Best Ager, einem Beschäftigungspakt für ältere Bewerber im Ruhrgebiet. Grzanna war skeptisch: "Best Ager klang für mich wie eine Nachtcreme, ich fühlte mich verschaukelt." Doch sie nutzte die angebotenen Computerkurse und beteiligte sich in einem Workshop an dem Buchprojekt "Gedanken… 50 plus". Dabei traf Grzanna Menschen, die in sich in der gleichen Situation befinden. "Das hat mir Mut gemacht und in diesem Netzwerk habe ich tatsächlich endlich einen neuen Job gefunden." Nach vier Jahren Suche arbeitet sie seit November 2011 als Sachbearbeiterin für eine Personalleasinggesellschaft. "Ich bin stolz, dass ich nicht aufgeben habe und das Tief überwunden habe", sagt sie.

Ab 50 kaum zu vermitteln

Trotz Fachkräftemangels haben es ältere Arbeitslose immer noch schwer, wieder einen Job zu finden. Das belegte zuletzt eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Je älter ein Bewerber ist, desto geringer sind die Chancen, eine neue Stelle zu finden – egal, wie hoch qualifiziert er oder sie ist. Etwa 20 Prozent der Arbeitssuchenden sind über 50 Jahre. An sie richtet sich ein Projekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das seit 2005 läuft. Die "Perspektive 50plus" soll Ältere schneller in neue Jobs vermitteln. An die Initiative sind mittlerweile bundesweit 78 regionale Beschäftigungspakte angeschlossen, zu denen auch das Projekt zählt, über das Grzanna einen neuen Job fand.

Stefan Lob leitet die Best-Ager-Initiative im Ruhrgebiet. Er und seine Mitarbeiter betreuen etwa 10.000 Bewerber, die älter als 50 Jahre sind. "Sie sind ebenso fit wie erfahren, werden aber oft erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen", sagt Lob. Er hat beobachtet, dass sich die Jobchancen von Älteren deutlich verbessern, sobald sie die Chance haben, sich persönlich vorzustellen. "Wir müssen neue Wege finden", sagt der Arbeitsberater.

2010 organisierte Lob mit 1.000 Arbeitslosen und 80 Arbeitgebern ein Job-Speed-Dating in Bochum. Das habe viele wieder in Lohn und Brot gebracht. Allerdings, betont der Berater: "Viele Ältere brauchen eine ähnlich intensive Betreuung wie die Schulabgänger". Viele haben seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr nach einer neuen Stelle gesucht. Sie sind sehr unsicher. Da helfen Bewerbungs- und Rhetoriktraining, Computerschulungen, Kontakte zu Unternehmen und persönliche Gespräche. Das Allerwichtigste sei jedoch, das Selbstwertgefühl der Bewerber zu stärken.

Aber es gibt auch Unternehmen, die es speziell auf ältere Fachkräfte abgesehen haben. Dazu zählt beispielsweise die DB-Services, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Das Unternehmen leidet unter Personalmangel. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit entwickelte DB Services 2008 ein Qualifizierungsprogramm für langzeitarbeitslose Ingenieure, die älter als 50 sind. 

Gernot Scaar (56) ist einer von ihnen. Er wurde als einer von 16 unter 200 Bewerbern ausgewählt. Davor war der gelernte Mechaniker aus Brandenburg sechs Jahre erwerbslos; er arbeitete in unterschiedlichen Umschulungs- und Beschäftigungsmaßnahmen, alle ohne langfristige Perspektive. "Ich habe mich nie gehen lassen, ich habe versucht, immer in Schwung zu bleiben", sagt Scaar. Das Programm der Bahn sieht für ihn zunächst eine Umschulung zum Ingenieur für Verkehrstechnik vor, anschließend wird er gemeinsam mit neun weiteren umgeschulten Ingenieuren von DB Services übernommen – unbefristet.

Dafür muss er flexibel sein, er geht dahin, wo die Bahn ihn braucht. Scaar wohnt jetzt im 765 Bahnkilometer von seiner Heimat entfernten München und seit zwei Monaten pendelt er von dort täglich nach Nürnberg. "Ich bin froh über die Chance, die ich bekommen habe", sagt er.

Eine neue Chance für Ältere

Auch Klaus Peter Rolke hat im Best-Ager-Programm der Deutschen Bahn wieder eine neue Arbeitsstelle gefunden. Der 51-jährige ist in der DDR aufgewachsen und studierte an der Militärakademie der NVA. Nach der Wiedervereinigung verkaufte er Versicherungen und Töpfe. 1999 zog er mit seiner Tochter zunächst nach Bayern und dann ins Ruhrgebiet. Er hielt sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, bis er vor etwa vier Jahren arbeitslos wurde. "Ich habe zwei Jahre lang etwa 500 Bewerbungen geschrieben, ohne Erfolg", erzählt er. Viele Unternehmen hätten nicht einmal geantwortet. 

Als er die Anzeige der Deutschen Bahn im Internet entdeckt, die explizit Bewerber über 50 Jahren anspricht, um sie zum Industriemechaniker umzuschulen, bewarb sich Rolke sofort. Mit Erfolg: Nach zwei Jahren Umschulung, die von der Bundesagentur für Arbeit finanziert wurde, bekommt er beim DB Services gleich einen unbefristeten Job und wird am Standort Basel eingesetzt. Er freut sich über diese Chance: "Ich bin nicht zu alt, um Neues zu lernen und mir Ziele zu setzen."

 
Leserkommentare
  1. Ich finde, man kann als jüngerer Mensch sehr viel von der Erfahrung und Expertise älterer Menschen profitieren.

    Ich selbst habe bereits bei "Alt hilft Jung" Kontakte dahingehend aufgebaut (http://www.althilftjung-n...).

    Eine Leserempfehlung
    • Kriton
    • 25.01.2012 um 18:25 Uhr

    "haben es jedoch als Ältere abgesehen"?? ich schätze es soll "auf Ältere" heißen.

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    sie sollten sich umbenennen

    sie sollten sich umbenennen

    • Kriton
    • 25.01.2012 um 18:27 Uhr

    "Bundesagentur von Arbeit"?? für - soweit ich weiß

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    Redaktion

    Diese LeserInnen.... die entdecken auch einfach alles! :-)

    Hallo Kriton,

    Wir sollten Sie in unserem Lektorat einstellen! :-) Haben Sie herzlichen Dank für die Rechtschreibhinweise. Sehr peinlich, da war die Redakteurin wohl durch den Wind. Wir haben die Fehler natürlich korrigiert und sagen Danke!

    viele herzliche Grüße aus der ZON-Redaktion,

    Tina Groll

    Redaktion

    Diese LeserInnen.... die entdecken auch einfach alles! :-)

    Hallo Kriton,

    Wir sollten Sie in unserem Lektorat einstellen! :-) Haben Sie herzlichen Dank für die Rechtschreibhinweise. Sehr peinlich, da war die Redakteurin wohl durch den Wind. Wir haben die Fehler natürlich korrigiert und sagen Danke!

    viele herzliche Grüße aus der ZON-Redaktion,

    Tina Groll

  2. Redaktion

    Diese LeserInnen.... die entdecken auch einfach alles! :-)

    Hallo Kriton,

    Wir sollten Sie in unserem Lektorat einstellen! :-) Haben Sie herzlichen Dank für die Rechtschreibhinweise. Sehr peinlich, da war die Redakteurin wohl durch den Wind. Wir haben die Fehler natürlich korrigiert und sagen Danke!

    viele herzliche Grüße aus der ZON-Redaktion,

    Tina Groll

    2 Leserempfehlungen
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    • Kriton
    • 25.01.2012 um 18:43 Uhr

    ...habe ich der Autorin dann direkt geschickt - aber Sie finden sie sicher auch so :-)
    mit herzlichen Grüßen

    Und wenn Kriton über 50 ist, kann die ZEIT gleich mit gutem Beispiel voran gehen. :)

    • Kriton
    • 25.01.2012 um 18:43 Uhr

    ...habe ich der Autorin dann direkt geschickt - aber Sie finden sie sicher auch so :-)
    mit herzlichen Grüßen

    Und wenn Kriton über 50 ist, kann die ZEIT gleich mit gutem Beispiel voran gehen. :)

    • Kriton
    • 25.01.2012 um 18:43 Uhr

    ...habe ich der Autorin dann direkt geschickt - aber Sie finden sie sicher auch so :-)
    mit herzlichen Grüßen

    Antwort auf "Erwischt!"
  3. Irgendwie praktisch, wenn man mit Mitte 50 "nur" vier Jahre nach Arbeit suchen muss. Und dann, weil langzeitarbeitslos, erst einmal weiterqualifiziert wird.

    Den Best-Ager-Agent habe ich auch schon kennengelernt. Er guckte mich mitleidig an. "Wenn sie bloß nicht so qualifiziert wären." ....dann könnte er mir eine Putzstelle vermitteln.

    Eine einzige Stelle bot er mir schließlich an. Ich sollte für einen Hungerlohn 600 km vom momentanen Wohnsitz entfernt eine Arbeit annehmen, für die ich wirklich sehr überqualifiziert gewesen wäre. Und noch den Dienstwagen selber stellen und finanzieren. Die Firma sagte nicht einmal ab. Als ich anrief, was denn nun sei, meinte man, ich hätte doch nicht ernsthaft geglaubt, dass man Interesse an mir hätte.

    Auf dem freien Markt ist das einfacher. Ich habe einfach neue Projekte akquiriert und bleibe jetzt selbstständig.

    Eine Leserempfehlung
  4. 7. Super!

    Jetzt muß ich noch ca. 10 Jahre warten (bis Mitte 50), und bekomme dann eine "normal bezahlte" Arbeit!?

    Fachkräftemangel?
    Ich bin gut ausgebildet, bekomme trotzdem nichts "vernünftiges" - und mit Mitte/Ende 50 sag ich dann zu den Firmen: *hier_eine_übles_Schimpfwort_einfügen*!

    P.S. Rente gibts eh keine!

    5 Leserempfehlungen
  5. Man kann es drehen und wenden wie man will. Das Problem, dass Ältere schwerer vermittelbar sind, besteht schon lange und man hat schon alles mögliche Versucht, um dieses zu beheben. Im Grunde genommen ist es doch in erster Linie ein Problem der Sichtweise der Unternehmen. Solange die immer nur Stur nach Leuten bis ca. 35-40 suchen wird sich daran nichts ändern und man wird immer wieder irgendwelche Programme aufziehen müssen, um da korrigierend, aber keinesfalls helfend, helfend einzugreifen. Stichworte wie "War for Talents" zeigen ganz deutlich, dass Unternehmen ihre sture und engstirnige Sichtweise nicht aufgeben wollen und weiter die Erfahrung und das Know-how von erfahrenen Mitarbeiter nicht nutzen wollen und der Staat mit kostenaufwendigen Maßnahmen immer schön brav korrigieren soll. Wir warten geduldig auf Runde 99 der Diskussion um die Schwervermittelbarkeit von "Best Agern". Ich bin mir aber sich, dass wir nichts Neues zu hören bekommen werden.

    3 Leserempfehlungen
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    Wenn nach jungen Leuten gesucht wird, wieso sucht man dann nach Studienende viele Jahre Arbeit und bekommt nichts, wegen fehlender Erfahrung?
    Irgendwie habe ich das Gefühl, da dreht sich einiges im Kreis. Man soll jung sein, aber viel Erfahrung haben! Somit haben junge UND alte Leute gleich schlechte Karten.

    Wenn nach jungen Leuten gesucht wird, wieso sucht man dann nach Studienende viele Jahre Arbeit und bekommt nichts, wegen fehlender Erfahrung?
    Irgendwie habe ich das Gefühl, da dreht sich einiges im Kreis. Man soll jung sein, aber viel Erfahrung haben! Somit haben junge UND alte Leute gleich schlechte Karten.

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