Keine Chance auf den Jobeinstieg? Vielen qualifizierten Menschen, die älter als 50 Jahre und arbeitslos sind, fällt es schwer, wieder einen neuen Job zu finden. Doch einige Unternehmen setzen ganz bewusst auf die Älteren als Leistungsträger. Zum Beispiel das Ingenieurbüro Fahrion Engineering in Kornwestheim am Rand von Stuttgart: In einem Besprechungszimmer trifft sich dort ein 20-köpfiges Team von Ingenieuren, Technikern und Konstrukteuren. Projektleiter im Team ist der 62-jährige Helmut Grollmuss. "Wir entwickeln gerade eine neue und zusätzliche Produktionsstätte für einen Solaranlagenhersteller in Kanada ", sagt Grollmuss. Heute plant er den Bau großer Fabriken – zuvor war er über ein Jahr verzweifelt auf Stellensuche .

Er hatte 50 Bewerbungen geschrieben. "Oft hatten mir die Firmen nicht einmal geantwortet", sagt er. Einen Job fand er erst im Ingenieurbüro. Sein heutiger Arbeitgeber hatte keine Scheu, einen 57-Jährigen einzustellen.

Firmeninhaber ist der 71-jährige Otmar Fahrion. Er beschäftigt insgesamt 85 Ingenieure und Techniker, die Hälfte von ihnen ist älter als 50 Jahre alt. Der Ingenieurdienstleister steht gut da. Er entwickelt mit seinem Team Produktionsstätten für Audi und Bosch , für Luftfahrtunternehmen, Werften und Solartechnik. Und nicht nur in Deutschland, auch in Südamerika und den USA , in Kanada und Slowenien .

Aber warum setzt Fahrion auf ältere Mitarbeiter? Weil er keine jungen Ingenieure fand, die zu seinem Unternehmen passten. Als Mittelständler hatte Fahrion bei den jungen Hochschulabsolventen und Berufseinsteigern das Nachsehen. Für viele ist ein Job in einem internationalen Großkonzern für den Einstieg attraktiver – die Löhne sind meist höher und die Konzerne können Karriereprogramme bieten, bei denen ein Betrieb von mittlerer Größe nicht mithalten kann. 

Mit Älteren ein besseres Betriebsergebnis

Also änderte der schwäbische Ingenieurdienstleister seine Strategie. Er warb mit einer provozierenden und plakativen Stellenanzeige: "Mit 45 zu alt, mit 55 überflüssig? Wir suchen Ingenieure, Techniker und Meister bis 65." Prompt stapelten sich über 500 Bewerbungen auf dem Schreibtisch des Firmenchefs. "Unter den Bewerbern waren 180 motivierte und hochqualifizierte Ingenieure", erinnert sich Fahrion. Seither setzt er im Recruiting auf Ältere. Mindestens die Hälfte sollen über 50 Jahre alt sein. Das habe auch Vorteile für sein Unternehmen, hat der Arbeitgeber festgestellt.

"Ein Über-50-Jähriger wirkt aus Sicht unseres Kunden vor Ort in den Projekten glaubwürdiger als ein junger Ingenieur." Die meisten seiner älteren Mitarbeiter übernehmen bald nach der Einarbeitung eine Projektleitung. "Die Älteren kennen die komplexen Werkstrukturen und sind oft flexibler als Berufsanfänger", sagt Fahrion. Heute ist eine Werkzeugmaschinenfabrik das Thema, morgen geht es um eine Werft. Dass die Älteren häufiger krank sind, beobachtet der Firmeninhaber nicht. "Der Krankenstand ist nicht höher als im Durchschnitt aller Firmen."

Das Potenzial der Silver Workers ist auch bei Katjes Fassin gefragt. Das Werk Potsdam-Babelsberg stellt Gletschereis, Lakritz- und Fruchtbonbons her. "Rund die Hälfte unserer 78 Mitarbeiter ist über 50 Jahre alt", berichtet Werksleiter Manfred Kappler, 62. Fast alle von ihnen waren zuvor langzeitarbeitslos. Umsatz und Produktion steigen Jahr für Jahr stetig an. Kappler ist sich sicher, dass das gute Betriebsergebnis mit der hohen Motivation und der Erfahrung der Älteren zusammenhängt.

Für die Eingliederung älterer Langzeitarbeitsloser bekam Katjes es einen staatlichen Zuschuss, diesen Anreiz habe das Unternehmen aber nicht gebraucht. Die guten Erfahrungen mit älteren Beschäftigten sprächen für sich, sagt Kappler. Die allermeisten Mitarbeiter bleiben im Unternehmen bis zur Rente.