ZEIT ONLINE: Frau Leitner, verdeckte Psychospielchen im Büro sind eine Form von Mobbing. Wie kommt es dazu?

Madeleine Leitner: In solchen Unternehmen geht es primär um Macht und Machtspielchen, weniger um Leistung. Opfer werden Mitarbeiter, die in ihrem Selbstwertgefühl nicht stark gefestigt und die daher irritierbar sind. Der Grund dafür kann zum Beispiel in der Erziehung während der Kindheit oder Jugend liegen. Denn unser Selbstbild ist letztlich ein Spiegel dafür, wie wir mal behandelt wurden. Psychospielchen fallen dann extrem auf fruchtbaren Boden, wenn man sich den Schuh auch anzieht. Besonders anfällig dafür sind Menschen, die eine familiäre "Baustelle" mit sich rumtragen – und die dann auch noch dem Verhaltensmuster des Vorgesetzten entspricht.

ZEIT ONLINE: Sind Frauen häufiger Opfer?

Leitner: Ja, auch das hat mit der Erziehung zu tun. Frauen – auch in exponierten Positionen – lassen sich leicht verunsichern und rutschen in die Opferrolle hinein. Das hängt natürlich mit der traditionellen Mädchen- und Frauenrolle zusammen, die vielen von uns als Kindern vermittelt wurde.

ZEIT ONLINE: Was motiviert Chefs, sich wie ein Psychopath zu verhalten?

Leitner: Die Motive können vielfältig sein. Meist ist es der Wunsch nach Macht, weil sie sich selbst nicht wirklich kompetent und damit auch nicht souverän fühlen. Viele möchten sich daher keine Konkurrenz heranzüchten. Tritt beispielsweise ein potenzieller Nachfolger auf den Plan, wird der mit Psychospielchen mürbe gemacht und einfach weggemobbt. Stattdessen wird eine Hausmacht von Jasagern herangezüchtet und befördert.

ZEIT ONLINE: Wie erkenne ich denn, dass es sich um Psychospiele handelt und ich nicht etwa einfach etwas falsch verstanden habe?

Leitner: Führungskräfte, die sich so verhalten, wollen den Mitarbeiter verunsichern, sodass er oder sie nicht mehr ihrer eigenen Wahrnehmung glaubt. Klassisch sind falsche Beschuldigungen oder Informationen zurückzuhalten und bewusst falsch zu informieren. Macht der Mitarbeiter dann Fehler, wird er dafür oft hart kritisiert und bloßgestellt.

Solche Spielchen fangen relativ harmlos an. Typisch ist etwa, einen Mitarbeiter trotz eines festen Termins lange warten zu lassen. Das macht die Machtverhältnisse schon einmal klar und schüchtert ein. Wenn das funktioniert hat, kommt es zu weiteren Eskalationen. Im Beisein anderer Kollegen wird dann etwa massiv kritisiert. Oft bieten solche Chefs auch offiziell Gespräche über das "problematische Verhalten" an, in denen die Probleme aber nicht gelöst werden. Auch achten solche Führungskräfte häufig peinlich darauf, für offene Angriffe keine Zeugen zu haben, um nicht angreifbar zu werden.

Zu den Spielchen gehört auch, die Verantwortung gezielt auf die Mitarbeiter abzuwälzen. Solche Chefs sind besonders geschickt darin, sich nie festlegen, schon gar nicht schriftlich. Das sollen, besonders in heiklen Fällen, gefälligst die Mitarbeiter tun. Am Ende muss der gemobbte Mitarbeiter für schriftlichen Ausführungen geradestehen und nicht der Vorgesetzte.

ZEIT ONLINE: Was können Betroffene tun, um nicht zum Opfer zu werden?

Leitner: Man muss diese Spielchen zunächst überhaupt durchschauen können und wissen, wie so eine Dynamik wirkt. Da hilft schon einmal, sich selbst wieder sicherer zu fühlen und der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Die Lektüre von Ratgebern zum Thema Mobbing reicht meist aus, um die billigen Tricks zu enttarnen.

Je früher man bemerkt, dass der Chef dieses Verhalten an den Tag legt, desto besser kann man sich auch dagegen wehren. Man muss zum Beispiel nicht warten, bis der Chef die Gnade hat, den zugesagten Termin auch wahrzunehmen, sondern kann auch nach 15 Minuten gehen – denn man hat ja viel zu tun. Man sollte aber auf jeden Fall versuchen, ruhig zu bleiben und auf Provokationen wie persönlich gemeinte Bemerkungen nicht einzugehen, und das auch in der Öffentlichkeit, damit man im Zweifelsfall auch Zeugen hat. Wichtig ist auch, die Vorfälle zu dokumentieren.

ZEIT ONLINE: Wie sollen Führungskräfte sich verhalten, wenn sie so ein Verhalten mitbekommen?

Leitner: Sie sollten dringend handeln. Problematisch ist, dass Bossing vor allem in solchen Unternehmen vorkommt, in denen eine Kultur des Konkurrenzkampfes herrscht. Führungskräfte, die mit Psychospielchen agieren, wurden in der Regel von jemandem eingestellt, der ähnlich fies tickt. Wenn man als Chef so ein Verhalten nicht duldet und es ernsthaft unterbinden möchte, muss man sofort Grenzen setzen, bevor die Dinge eine Eigendynamik annehmen. Außerdem sollte man bedenken, dass man sonst das nächste Opfer sein könnte.

ZEIT ONLINE: Kann ich als Bewerber im Vorfeld herausfinden, wie die Chefs ticken?

Leitner: Ich habe beobachtet, dass mittelständische Unternehmen anders ticken. Wenn man die Hälfte der Arbeitszeit mit Machtspielchen verbringt, ist das nicht produktiv. Kleinere Unternehmen können sich das nicht erlauben. Echte Fieslinge sind meist Konzerngeschöpfe. Man sollte sich daher unbedingt die Historie des Unternehmens und der Führungskraft näher anschauen.