Das Vorstellungsgespräch war für 9.30 Uhr angesetzt. Kein Wölkchen trübte den blauen Himmel, die Züge verkehrten pünktlich wie ein Uhrwerk. Nur Matthias Busold war an diesem Morgen alles andere als entspannt, denn der Hamburger Personalberater wartete auf einen Bewerber. Mit exzellenten Noten und Referenzen hatte der Wirtschaftsinformatiker ihn und seinen Auftraggeber überzeugt, auch im Vorgespräch präsentierte er sich als perfekter Kandidat. Doch an diesen Morgen war der vielversprechende Aspirant auf einen gut dotierten Job wie vom Erdboden verschluckt. "Ich habe zig Mal bei ihm angerufen, auf seine Mailbox gesprochen – vergebens." 

Der Termin platzte, die Chance auf diesen interessanten Arbeitsplatz war dahin. Auch viele Monate später merkt man dem Headhunter noch die Verwunderung an, wenn er die Anekdote erzählt. Später erfuhr Busold, dass der Kandidat zunächst den Zug verpasst hatte und auch der Akku seines Handys leer war. Eigentlich hätte Busold erwartet, dass ein Hochschulabsolvent mit hervorragenden Noten dieses Alltagsproblem pragmatisch löst. Doch statt einen Passanten um ein Mobiltelefon zu bitten oder einen öffentlichen Münzfernsprecher zu nutzen, um sich zu entschuldigen, entschied sich der Bewerber dafür, einfach nichts zu tun.

"Es ist so einfach, die Basics hinzubekommen, das ist die halbe Miete", sagt der Personalberater, der in Hamburg die Busold Human Values Consultants leitet. Manche Kandidaten bringen hervorragende Studienleistungen mit, doch an Grundlegendem wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, einem gepflegten Erscheinungsbild und angemessener Kleidung scheitern sie. "Oft ist es besser, weniger authentisch aufzutreten und dafür die Regeln des Geschäftslebens einzuhalten", sagt Busold hanseatisch vorsichtig und denkt dabei an einen anderen Bewerber, der mit löchrigem Pulli und zerrissener Jeans zum Vorgespräch kam. Solches Verhalten gegenüber potenziellen Arbeitgebern lässt auch fehlenden Respekt vermuten.

Soft Skills bleiben gefragt

Fachwissen und Spezialkenntnisse bescheinigen Zeugnisse, mit Referenzen im Lebenslauf weisen Bewerber auf ihre Qualitäten hin. Doch ob jemand die sogenannten sozialen Kompetenzen mitbringt, belegen solche Nachweise selten. Deshalb versuchen Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch diese wichtigen Qualifikationen abzuklopfen. Neben gepflegten Umgangsformen und Höflichkeit erwarten Arbeitgeber im Job von ihren Mitarbeitern eine ganze Reihe von weiteren Soft Skills.

Auch Naturwissenschaftler und Techniker brauchen sie, denn heute tüfteln die weniges alleine an einer Aufgabe. "Kommunikative Fähigkeiten sind besonders wichtig, denn Informatikern kommt beispielsweise oft die Rolle eines Vermittlers im Unternehmen zu", sagt Busold. Über Technik, Trends und Innovationen sprechen, komplizierte Sachverhalte auch einem größeren Publikum verständlich erklären oder Auftraggeber von einem Projekt überzeugen – all das zählt im späteren Berufsleben für viele zum Alltag. Alleine im Keller sitzen und tagelang für sich alleine tüfteln und sich nur mit anderen Experten austauschen, solche Aufgaben finden sich selbst in der Forschung nur noch selten, denn auch dort arbeiten Experten aus unterschiedlichen Disziplinen im Team zusammen.

Sprachkenntnissen und kulturelle Kompetenz

Gerade weil die internationalen Beziehungen wichtiger werden und die Wirtschaft globaler, brauchen viele Mitarbeiter zusätzlich solide Englischkenntnisse und bringen idealerweise auch interkulturelle Kompetenzen mit. Oftmals brüten Entwicklerteams rund um den Globus an einem Problem, tüfteln Kollegen in Rumänien, Indien, den USA und Deutschland gemeinsam an einer Lösung. Aber auch im Marketing oder Vertrieb agieren einzelne Ländergesellschaft nicht alleine, sondern tauschen sich mit ihren Kollegen aus. Arbeitgeber erwarten heute, dass die Zusammenarbeit im Team und über Grenzen hinweg reibungslos läuft. Deshalb sind Fachkräfte gut beraten, sich neben Fremdsprachen auch kulturelle Kompetenzen anzueignen, um zumindest in groben Zügen die Gepflogenheiten und Traditionen der Kollegen zu kennen.

Jens Asendorpf, Psychologieprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin, fasst den Begriff der "sozialen Kompetenz" in seinem Lehrbuch weiter als die Praktiker aus der Arbeitswelt. Für ihn zählen dazu vor allem zwei Eigenschaften, nämlich Durchsetzungsfähigkeit, also eigene Interessen gegenüber anderen wahren sowie Beziehungsfähigkeit, also fähig sein, eine tragfähige Beziehung zu anderen einzugehen und aufrecht zu erhalten. "Sozial kompetent ist, wer beide Fähigkeiten hat und so in der Lage ist, zwischen seinen eigenen Interessen und den Interessen anderer ein balanciertes Verhältnis herzustellen", schreibt Asendorpf.

Bringen Bewerber zumindest einen Teil der geforderten Kompetenzen mit, erleichtern sie damit ihren Berufseinstieg und verfügen über eine solide Grundlage. Vieles lässt sich auch im Arbeitsalltag erlernen – selbst Smalltalk mit dem Chef im Lift muss kein Martyrium sein, wenn erst einmal ein paar Kniffe eingeübt sind. Selbst wer hier Nachholbedarf hat, finden ein großes Kursangebot. Motivierend für sie könnte sein, dass sozial kompetente Menschen lässiger und glücklicher durchs Leben spazieren.