Larissa Meyer hat vor einem Jahr ihren Job gekündigt. Die ehemalige Vertriebsmitarbeiterin war ständig müde, konnte sich schlecht konzentrieren und noch schlechter motivieren. Die Arbeit machte keinen Spaß mehr und reizte sie immer weniger. Zunehmend fiel es ihr schwer, sich morgens aus dem Bett zu quälen. Und es frustrierte sie, dass sie durch ihren Job zu wenig Zeit fand, Sport zu treiben und in die Natur zu gehen. Dabei wohnt die Schleswig-Holsteinerin nah an der Ostsee. Irgendwann zog die Enddreißigerin die Reißleine – und kündigte von sich aus. In ihrem Job hatte die Kinderlose gut verdient und genügend Geld angespart, sodass sie eine Weile ohne Einkommen überbrücken konnte. Seitdem sie ohne Job ist, kommt sie fast jeden Morgen ans Meer, um den Tag in Ruhe zu beginnen und die Natur zu genießen. "Ich genieße es, dass ich mich wieder konzentrieren kann", sagt sie.

In einer Zeit, in der die Menschen ihr Leben immer mehr für die Arbeit hergeben, ist es mutig, seinen Job von sich aus zu kündigen und sich eine Auszeit zu gönnen. Aber man muss es sich wie Meyer finanziell leisten können. Für die Enddreißigerin hat ihre Entscheidung auch etwas mit Ehrlichkeit zu tun – sich selbst gegenüber – und der "Fähigkeit, zu erkennen, wann die eigenen Batterien leergelaufen sind". Vor einer drohenden Langzeitarbeitslosigkeit hatte sie keine Angst. "Im Gegenteil", sagt sie, "ich wusste, wenn ich mich wieder fit und startklar fühle, hole ich mir den Job, der zu mir passt."

So eine Einstellung erfordert ein gesundes Selbstbewusstsein – und die Selbstsicherheit, auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich gefragt zu sein.

Genau das fehlt vielen Arbeitnehmern. Die meisten Beschäftigten fürchten sich heute davor, jederzeit ersetzbar zu sein. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist für die meisten Menschen nicht nur aus finanziellen Gründen ein Desaster. Arbeit definiert die soziale Stellung in der Gesellschaft. Der Beruf ist für viele auch identitätsstiftend. Hinzu kommt, dass eine Auszeit mit Faulheit gleichgesetzt wird. Müßiggang ist in der modernen Arbeitswelt nicht vorgesehen.

Dabei brauchen sich Arbeitnehmer nicht zu fürchten, wenn sie nach einer längeren Auszeit wieder auf dem Arbeitsmarkt für sich werben. Einer Studie der Technischen Universität Berlin zufolge wird eine Lücke im Lebenslauf von den meisten Personalverantwortlichen wohlwollend betrachtet – solange sie nur sinnvoll genutzt wurde.

Aber was genau heißt sinnvoll? Was sinnvoll für einen Arbeitnehmer ist, muss nicht notwendigerweise auch sinnvoll aus Sicht eines Arbeitgebers sein. Und trotzdem lässt sich bei jeder Erwerbsunterbrechung auch etwas Positives finden, das durchaus einen Mehrwert für ein Unternehmen darstellen kann.

Als Bewerbungsberater ermutige ich Jobsuchende, möglichst offen mit ihren Werdegängen umzugehen. Denn jede Lücke hat eine positive Seite. Wer etwa ein Sabbatical genommen hat und in dieser Zeit beispielsweise durch die USA gereist ist, kann die praktische Schulung seiner Englischkenntnisse betonen. Die Pflege eines Familienangehörigen zeugt von emotionaler und sozialer Kompetenz. Das Gleiche gilt für Erziehungszeiten von Kindern. Und wer die Arbeitslosigkeit genutzt hat, um sich selbst ein bisschen mehr zu verstehen, kann stolz auf die Ergebnisse seiner Selbstfindung blicken.

Neues an sich selbst entdecken

Dazu ist es wichtig, dass sich jeder Bewerber zunächst einmal selbst reflektieren lernt. Wer bin ich? Wo komme ich her und wo will ich hin? Was bedeutet mir das Leben? Was gibt mir einen Sinn? Dabei stellen sich oft interessante Zusammenhänge heraus, die auch die Lücke im Lebenslauf erklären. Im Idealfall erkennen die Bewerber plötzlich Fähigkeiten an sich selbst, die abseits ihrer bisherigen Laufbahn liegen und beruflich noch kaum gefördert wurden.

Auch Larissa Meyer zählt zu denen, die sich aufgrund ihrer beruflichen Auszeit erst richtig finden konnten. Sie hat in ihrer Auszeit beschlossen, den Job zu wechseln und als Trainerin im Bereich Fitness und Wellness zu arbeiten. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, daher fällt ein Wechsel in dieses Feld leichter als in einen staatlich anerkannten Beruf, der einen offiziellen Berufsabschluss erfordert. Allerdings muss Meyer auch für eine Tätigkeit als Wellnesstrainerin kostenpflichtige Weiterbildungen absolvieren. Das geht jedoch auch nach und nach. In ihrem ersten Beruf konnte sie ein ausreichendes Polster ansparen, das ihr nun den Wechsel ermöglicht. Zugleich tritt sie offensiv bei der Agentur für Arbeit auf und besucht auch eine Gründerberatung. Hier überzeugt Meyer die zuständigen Berater. Denn in ihrer Auszeit ist ihr klar geworden, dass sie aus ihrem Job als Vertriebsexpertin sehr viel Berufserfahrung mitbringt, die sie nun einfach übertragen kann. Sie baut auf ein festes Fundament – und das ist von Vorteil. Ihre Vision: mit einer Mischung aus selbständiger Tätigkeit und festen Jobs als Trainerin in Fitnessstudios, Wellnesshotels und Kurkliniken sowie für Einzelklienten arbeiten.