Steht bei Ihnen demnächst ein Bewerbungsgespräch an? Und falls ja: Haben Sie sich schon anhand der entsprechenden Ratgeber fit gemacht? Haben Sie sich bereits Antworten zurechtgelegt, um ein perfektes Bild für den Personaler abzugeben?

Vielleicht sollten Sie das lassen.

Publikationen rund um das Thema der erfolgreichen Bewerbung sind Dauerbrenner. Die Ratgeber versprechen, dem geneigten Leser beizubringen, wie er die "zehn fiesesten Killer-Fragen des Personalers" knacken könne oder Antworten auf Fragen wie: "Was ist Ihre größte Schwäche?". Die Tipps mögen richtig oder falsch sein. Das Problem liegt zwischen den Zeilen.

Ein Bewerbungsgespräch ist kein Ringkampf

Solche Texte suggerieren eine Art feindlicher Beziehung zwischen Bewerbern und einstellenden Unternehmen. Das zeigt zum einen die martialische Sprache, zum anderen die Schwerpunktlegung auf sogenannte Stressfragen, mit denen Bewerber bewusst unter Druck gesetzt werden (können).

In vielen Gesprächen kommen diese jedoch überhaupt nicht zum Einsatz oder nehmen nur einen verschwindend geringen Teil der Gesprächsdauer ein. Durch den starken Fokus in der Ratgeberliteratur wird jedoch der Eindruck erweckt, dass Personaler darauf erpicht seien, Kandidaten in die Enge zu treiben oder gar bloßzustellen und Bewerber sich als Gegenmaßnahme hochrüsten müssen, um den Prozess erfolgreich zu bestehen.

Beides ist nach meiner Erfahrung aus mehr als zehn Jahren im Recruiting schlichtweg falsch. Das Resultat der einseitigen Fokussierung auf Stressfragen sind übernervöse Bewerber auf der einen Seite – und auf der anderen Seite Personaler, die sich mit auswendig gelernten und somit wenig authentischen Antworten zufriedengeben müssen. Das ist nicht zielführend.

Ein Bewerbungsgespräch wie eine gute erste Verabredung

Zunächst einmal: Die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ist ein Grund zur Freude. Die Tatsache, dass ein Unternehmen Sie zu einem Gespräch bittet, bedeutet, dass Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit bestens für den ausgeschriebenen Job geeignet sind. Sie haben an dieser Stelle bereits einen immensen Teil der Konkurrenz hinter sich gelassen. Herzlichen Glückwunsch!

Und was macht man bei einer Verabredung, nachdem man sich am Wochenende zuvor kennengelernt hat? Man trifft sich auf einen Kaffee oder Wein und schaut, ob man die gleichen Filme mag, wer welchen Sport macht und ob man den Musikgeschmack des anderen ertragen könnte. Bestenfalls erzählt man sich sogar von seinen Zielen, Wünschen und Träumen.

Genau dies ist auch das Kernanliegen eines Vorstellungsgesprächs. Ihr Können steht meist gar nicht mehr zur Debatte. Ausnahmen sind beispielsweise Bewerbungen bei Unternehmensberatungen mittels Fallstudieninterviews, wo tatsächlich Ihr Zahlengefühl oder Ihr deduktives Denkvermögen auf die Probe gestellt werden. 

Stattdessen geht es vor allem um Ihre Motivation und die Übereinstimmung Ihrer Ziele und Wünsche mit denen der Organisation. Ein Bewerbungsgespräch ist eine Gelegenheit herauszufinden, ob Sie den Job wirklich wollen und ob Mensch und Aufgabe füreinander gemacht sind. An dieser Stelle sind Stressfragen völlig nutzlos. Nötig ist in erster Linie gegenseitige Offenheit. Die entsteht aber nicht unter Druck.