Es ist fast unmöglich herauszufinden, was hierzulande zum Beispiel ein Bauingenieur verdienen würde – zumindest wenn man sich nur auf die Angaben in Stellenanzeigen verlässt. Der Check auf verschiedenen Jobportalen zeigt: Konkrete Summen fehlen. Eine "attraktive Bezahlung", stellt da ein Arbeitgeber in Aussicht. Ein anderer wirbt mit einer "leistungsgerechten Vergütung". Ein weiteres Büro umschreibt die Bezahlung schlicht als "fair". Immerhin ein Baulogistiker mit rund 100 Mitarbeitern aus einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebietes sucht mit einer Gehaltspanne nach einem neuen Mitarbeiter: "35.000 bis 45.000 Euro Jahresbrutto je nach Vorkenntnissen" will die Firma zahlen, heißt es in der Anzeige. 

Ein Anruf. Man habe jetzt zum ersten Mal eine Summe in die Annonce geschrieben, erklärt die Personalsachbearbeiterin der Firma. "Das siebt ein bisschen aus." Die Ziffern seien ein Signal an die Bewerber da draußen, meint sie. Die Gehaltsangabe quantifizierte, welche Verantwortung die Stelle mit sich bringe. Und es gebe noch einen weiteren Vorteil, so die Personalerin: Kandidaten mit höheren Gehaltsvorstellungen würden darauf verzichten, ihre Unterlagen einzuschicken. Das erspart beiden Seiten Arbeit.

Transparenz, sagt die Verantwortliche für die Stellenanzeige, könne nicht schaden: Was gibt es zu verbergen, solange es fair zugeht? In einem Artikel nennen soll man die Firma dann aber doch nicht. Selbst wer einigermaßen offen mit Geld umgeht, macht das lieber möglichst klandestin.

Wo es keine Tarifverträge gibt, ist die Bezahlung Verhandlungssache. Oder eine Frage des Glücks. Man einigt sich mit dem Vorgesetzten, verlangt mutig mehr oder nimmt, was man bekommen kann. Und dann schweigen alle. Manche Arbeitsverträge untersagen es Angestellten sogar, mit anderen über ihre Bezahlung zu sprechen. Das ist arbeitsrechtlich zwar gar nicht erlaubt, aber die meisten Beschäftigten halten sich auch an solch unwirksame Klauseln.

Mit der Geheimhaltung könnte es jedoch bald vorbei sein. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will mit einem neuen Gesetz Transparenz schaffen. Unternehmen will sie verpflichten, bereits im Stelleninserat ein Mindestgehalt zu nennen. Das soll dazu beitragen, dass sich die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen schließt. Bis Ende des Jahres soll das Entgeltgleichheitsgesetz stehen.

Schafft man nur mit gesetzlichem Zwang Gehaltstransparenz? Wir machen den Test und fragen als angeblicher Bauingenieur stichprobenartig bei verschiedenen Firmen an, die gerade auf Personalsuche sind. Man würde sich gern bewerben, klingt ja auch alles wunderbar: leistungsgerecht, attraktiv, fair. Aber was heißt das in Euro und Cent?

Das Ergebnis ist ernüchternd. Von 29 angefragten Arbeitgebern reagieren sieben gar nicht auf die Nachfrage ihres potenziellen Bewerbers. Von einer weiteren Firma kommt lediglich eine automatische Antwort: "Wir bedanken uns herzlich für Ihre Bewerbung und das damit verbundene Interesse an unserem Unternehmen."

Die übrigen winden sich, als hätten sie eine außereheliche Affäre zu verbergen. Man könne hier "keine pauschale Antwort geben", heißt es von einem Unternehmen. Man brauche erst die Bewerbungsunterlagen, erklärt ein anderes. Und ein Büro konkretisiert die "attraktiven Konditionen" aus dem Inserat schließlich so:"Die von uns gezahlten Gehälter sind nicht an die zu besetzenden Stellen gebunden. Vielmehr sind sie abhängig von den Fähigkeiten und Leistungen unserer Mitarbeiter. Unser Motto an dieser Stelle lautet: 'Wer viele Probleme löst, bekommt viel Geld. Wer wenige Probleme löst, bekommt wenig Geld.'"

Oder vielleicht doch: Wer männlich ist, bekommt viel Geld, wer weiblich ist, weniger? Und wer dem Chef sympathisch ist, darf sich über eine Extrasumme freuen?

Studien deuten darauf hin, dass frei vereinbarte Löhne zu besonders viel Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt führen; wo Tarifverträge gelten, driften die Einkommen dagegen weniger stark auseinander, auch der Gehaltsabstand zwischen Männern und Frauen fällt geringer aus.

Bisher finden sich keine Untersuchungen dazu, ob Transparenz in Stellenanzeigen zu gleicheren Gehältern führt; auch das Bundesfamilienministerium kann nicht auf viel mehr verweisen als seine vage Hoffnung – und das Vorbild Österreich: Im Nachbarland sind Arbeitgeber seit 2011 zu Gehaltsangaben in ihren Stelleninseraten verpflichtet. Unternehmen, die sich nicht daran halten, droht ein Bußgeld.

Die Erfahrungen sind allerdings durchwachsen. Eine aktuelle Evaluation der Transparenzvorgabe zeigt, wie trickreich sich die Arbeitgeber um Klarheit herumwinden: In 13 Prozent aller Jobinserate fehlte auch 2014 – drei Jahre nach der Novelle – die Angabe zum Gehalt. "Dies kann möglicherweise darin begründet liegen, dass in der Praxis kaum über Sanktionen berichtet wird", heißt es in dem Bericht. Die Transparenzvorgabe zu ignorieren, kostet ein Unternehmen nicht viel.

Lohnlücke ist in akademischen Berufen besonders groß

Vor allen in Positionen, bei denen die Einkommensschere zwischen den Geschlechtern besonders auseinandergeht, verzichten Arbeitgeber überdurchschnittlich häufig auf die Gehaltsangabe. So findet sie sich zwar in etwa 90 Prozent aller Anzeigen für Nichtakademiker, aber nur in 69 Prozent der Inserate für Akademiker. Studien zeigen, dass gerade in akademischen Berufen die Gehälter von Männern und Frauen deutlich auseinanderklaffen.

Mehr noch: Viele Arbeitgeber nennen in den Annoncen zwar Summen, relativieren sie aber zunehmend wieder: In 85 Prozent der Stellenanzeigen wurde 2014 nur ein Mindestgehalt genannt mit dem Hinweis, dass die tatsächliche Bezahlung darüberliegen könnte. 2011 waren noch 61 Prozent der Gehaltsangaben mit diesem Luft-nach-oben-Zusatz versehen. "Wir erfüllen die Mindestangaben, man will sich nicht gleich in die Karten schauen lassen", wird in der Studie ein Personalmanager zitiert. Die Autoren der Evaluation regen daher an, Arbeitgebern nicht nur die Angabe eines Mindestgehaltes vorzuschreiben, sondern auch eines Höchstgehaltes.

Von den Unternehmen, die wir anfragten, hat schließlich kein einziges mit einer Summe geantwortet. Kommt eben drauf an, hieß es unisono. Wir haken nach: Können Sie dann zumindest eine Spanne benennen, innerhalb derer es drauf ankommt. Von, bis? Nur grob, zur Orientierung.

Die Reaktion? Unverständnis. Wohl kaum ein Arbeitgeber würde seine Personalentscheidungen unabhängig von den Angaben der Bewerber treffen. Umgekehrt rät eine Firma hingegen knapp: "Bitte treffen Sie Ihre Entscheidung unabhängig von Gehaltsangaben. Mit freundlichen Grüßen …"

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