Feindbild Nummer 1: Der Deutsche ist ein Barbar. Ein affengleiches Ungetüm mit Pickelhaube. Er lauert am Bett einer wehrlosen Frau, die erschlafft auf den Laken liegt. 1914, der deutsche Kaiser hat Belgien vergewaltigt. Feindbild Nummer 2: Der Schwarze ist eine sexbesessene Bestie. Gewaltsam nimmt er sich deutsche Frauen. 1919, französische Kolonialsoldaten haben das Rheinland besetzt.

Das Böse sind immer die anderen, ob im Alltag oder in der Politik. Es sind immer die Fremden, die das "Wir" bedrohen. Und es ist immer die Abgrenzung zu den anderen, über die sich das "Wir" konstruiert. Feindbilder stärken die nationale Identität, vor hundert Jahren wie heute. Die Feinde sind austauschbar, doch die Strategien zur Konstruktion von Fremdbildern bleiben.

Das veranschaulicht die Ausstellung "Fremde? Bilder von den ,Anderen‘ in Deutschland und Frankreich seit 1871" im Deutschen Historischen Museum, die in Kooperation mit der Cité nationale de l’histoire de l’immigration in Paris entstanden ist. Der Schwerpunkt liegt nicht auf den historischen Ereignissen, sondern auf der Bildsprache, die zur Schaffung von Feindbildern und zur Rechtfertigung der eigenen Überlegenheit gebraucht wurde. In chronologischer Reihenfolge werden deutsche und französische Fremdbilder verglichen. Das Fragezeichen im Titel ist berechtigt. Die Andersartigkeit des jeweiligen Nachbarlandes wurde zwar propagiert, doch in ihrer Ikonografie weisen beide Länder eine erstaunliche Verwandtschaft auf: Feindbild Nummer 1 ist eine Illustration aus dem "Roten Buch der deutschen Grausamkeiten im Bild", Feindbild Nummer 2 ist das Plakat zum Propagandafilm "Die schwarze Schmach". Der deutsche Barbar und die französische Bestie sind gar nicht so verschieden.

Die deutsch-französische Erbfeindschaft ist nur eines von vielen Konstrukten, auf das die Ausstellung verweist. Beleuchtet werden der Umgang mit Migranten und rassistische Ressentiments jeglicher Art, etwa die Entstehung antisemitischer Tendenzen. Der Stereotyp vom hakennasigen Juden, der nach der Welt giert, findet sich in der Bildsprache beider Länder wieder. An den Hauptparcours gliedern sich spezielle Themenräume, die das Augenmerk auf jene Gruppen richten, die in der jeweiligen Epoche besonders ausgegrenzt wurden. Zu Kolonialzeiten waren das die "primitiven" Ureinwohner, im Nationalsozialismus die Juden, später richteten sich die Vorbehalte gegen die Gastarbeiter, heute gegen den Islam.

Das nationale Feindbild ist eine Baustelle, deren Wände sich stetig verschieben. Das Ausstellungsdesign setzt dieses Bild der fragilen und unfertigen Konstruktion in Szene. Stahlgerüste und Pappwände vermitteln Vorläufigkeit und den Eindruck permanenter Umgestaltung. An den Wänden und in Vitrinen reihen sich über 500 Exponate. Um die Zuordnung zu erleichtern, sind deutsche Objekte grün gekennzeichnet, französische hingegen blau. Es handelt sich überwiegend um Bilderzeugnisse wie Werbe- und Filmplakate, Zeitschriftencover oder Karikaturen, die sich auf zwei Etagen verteilen.

In Bezug auf die Gestaltung sprach Hans Ottomeyer, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, begeistert von "Erlebnisräumen". Davon ist allerdings wenig zu spüren. Zu nüchtern ist die Präsentation und zu viel wird über Texte vermittelt. Aber es gelingt, Kontinuitäten herauszuarbeiten. Aktuelle Debatten, etwa um das Kopftuchverbot oder die Kölner Moschee, erscheinen vor dem historischen Hintergrund in einem anderen Licht. Es ist ein kaltes Licht.

Am Ende der Ausstellung liegt eine "Spiegel"-Ausgabe von 2002. "Ansturm der Migranten – Europa macht dicht", heißt es darauf in fetten Lettern.