Frage: Frau Kopatchinskaja, was bedeutet Ihnen Ihre Geige? Ist sie eine Gefährtin, ein Werkzeug?

Patricia Kopatchinskaja: Es ist eine Pressenda von 1834, sie ist meine Seele. Ich bin sehr davon abhängig, wie sie klingt. Plötzlich macht sie Geräusche, es fehlt etwas im Klang, dann tut mir selbst sofort alles weh.

Frage: Sie sind aber nicht immer nett zu ihr, Ihr energischer Strich ist berühmt.

Kopatchinskaja: Sie ist auch nicht immer nett zu mir! Am Anfang wollte ich übrigens lieber komponieren, seit ich 13 war, in der Emigration in Wien. Es war keine gute Zeit, wir wohnten im Keller, hatten Angst vor dem nächsten Tag, und das Komponieren war mein Ausweg. Aber ich wusste, dass ich nicht davon leben kann. Mit 19 merkte ich, dass ich eher als Geigerin eine Mission habe. Es war wie eine Amputation.

Frage: Sie mussten sehr viel üben?

Kopatchinskaja: Wie der Teufel. Während sich meine Kollegen in der Wiener Musikhochschule mit Wieniawski und Paganini herumschlugen, habe ich immer moderne Musik gespielt. Mir fehlte das Repertoire. Ich ging nach Bern, dort hängt die Ruhe in der Luft. Ich habe mich vergraben und alles geübt, was ein Geiger braucht.

Frage: Was brauchten Sie denn?

Kopatchinskaja: Selbstbeherrschung. Der Mäzen, dem ich meine Geige verdanke, sagte zu mir: Du schießt mit Schrot, du verpulverst alles und triffst keinen. Du musst deine Munition in eine Patrone tun und zielen. Musikalisch ist mir ein Stück schnell klar, aber wie ich es auf der Bühne schaffe, mein Bestes zu geben, das ist harte Arbeit.

Frage: Wollten Sie je etwas anderes spielen?

Kopatchinskaja: Als Kind habe ich gern Klavier gespielt, weil man dann alles sein kann, das ganze Orchester. Die Geige ist immer nur oben. Vielleicht sind Geiger deshalb seltsam. Immer dieses hohe Iiiiieeeh : Wir schweben über einem Abgrund in der Luft.

Frage: Spielen Sie deshalb barfuß, wegen der Bodenhaftung?

Kopatchinskaja: Ja, vielleicht. Es hilft mir jedenfalls gegen das Lampenfieber.

Frage: Haben Sie andere Finger als ich?

Kopatchinskaja: Mein Mann ist Neurologe. Es gibt neurologische Untersuchungen darüber, dass Geiger mehr Nerven in den Fingerspitzen haben. Wir sind dort hypersensibel. Meine Gehirnhälfte, in der das Gefühl sitzt, muss ziemlich groß sein und die andere ganz klein ( lacht ). Nach einem Konzert kann ich manchmal gar nicht reden. Mir fallen die Wörter nicht mehr ein. Wir spielen ja keine Noten, sondern Emotionen. Manchmal bleiben es allerdings Noten, das ist dann sehr traurig.