Münchner Opernstreit
Ei verbibbsch!
Nun ist es raus: Christian Thielemann, seit 2004 Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker, zieht nach Dresden. Dort wird er Chef der Staatskapelle.
© dpa

Mitte November wird Christian Thielemann in Dresden einen Siebenjahresvertrag unterzeichnen
Was zuletzt dann wohl doch zu erwarten war: Rechtzeitig zur Saison 2012/13 (Wagner-Jubiläum! 200. Geburtstag!) wird Christian Thielemann neuer Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle und beerbt den glücklos agierenden Fabio Luisi. Damit endet in München, wo Thielemann seit 2004 Generalmusikdirektor der Philharmoniker ist, eine der peinlichsten kulturpolitischen Harlekinaden, die sich die Stadt seit den Tagen Sergiu Celibidaches geleistet hat.
Zerbrochen ist die Beziehung zwischen Thielemann und der Isarmetropole offiziell am Letztbestimmungsrecht für die philharmonischen Gastdirigenten, das Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) dem Dirigenten im Verein mit dem Orchestervorstand bei einer Vertragsverlängerung über 2011 hinaus auf bemerkenswert rüpelhafte Weise entziehen wollte. Thielemann verweigerte die Unterschrift und erhielt so viel öffentliche Unterstützung, dass die Stadt nach Wochen zähen Schweigens für heute eine Wiederaufnahme der verfahrenen Gespräche anberaumte. Diesen Termin kann sie jetzt für die Suche nach einem auf keinerlei Rechte pochenden Nachfolger verwenden.
Am Montag steht Thielemann erstmals nach dem Debakel wieder am Pult der Münchner: mit Proben für Bruckners Neunte. Bruckners Achte hatte der Berliner, der nicht eben als passionierter Einspringer bekannt ist, Mitte September in Dresden dirigiert, ganz spontan. Es habe ihn plötzlich, sagt er, "im kleinen Finger gejuckt". Omen, Ahnung, taktische Volte, schicksalhafte Fügung: Dresden jubelte. Die Kritiken: hymnisch. Das Orchester: glückselig. Die Folge: Sachsens parteilose Kunstministerin Sabine von Schorlemer legte sich gemeinsam mit der designierten Intendantin der Semperoper, Ulrike Hessler, ins Zeug.
Dass die Münchner Thielemann daraus nun den weiteren Strick drehen wollen, er habe bereits ab Juli mit Dresden verhandelt und München "verraten" – geschenkt. Unsouveräner geht es kaum. Mitte November wird Thielemann in Dresden einen Siebenjahresvertrag unterzeichnen: als "Chefdirigent" der Staatskapelle wohlgemerkt, nicht als deren "Generalmusikdirektor". Das entbindet ihn von (fast) allem lästigen Verwaltungskram in der Oper, beschränkt seine Kompetenzen aufs Künstlerische. Auch Thielemann scheint aus der Krise gelernt zu haben.
Dem Orchester wiederum, Wagners "Wunderharfe", kommt seine Prominenz gelegen: Unlängst machten Gerüchte die Runde, wonach Hessler die Gastieraktivitäten der Kapelle zugunsten einer stärkeren Präsenz im heimischen Graben beschneiden wolle. Dagegen wird Thielemann sich zu wehren wissen. Isar-Niveau dürften Dresdens finanzielle Möglichkeiten wohl nicht erreichen. Dafür allerdings findet sich die Staatskapelle im Ranking der weltbesten Orchester (laut der britischen Zeitschrift Gramophone) auf Platz 10. Die Münchner sucht man hier vergebens.
- Datum 11.10.2009 - 18:02 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 1
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Die Unstimmigkeiten zwischen Thielemann und dem Orchestervorstand der Münchner Philharmoniker vereint mit Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers mögen zwar an einen Opernstreit erinnern, haben darüber hinaus aber herzlich wenig mit Oper zu tun.
Nun ist ebenfalls bekannt, dass sich die Feuilletons durchaus berechtigt auf die Seite Thielemanns geschlagen haben, dennoch wird dieser Artikel ob seines ein wenig zu offen zur Schau getragenen populistischen Grundtons der Situation nicht gerecht.
Thielemann, der nach eigenem Bekunden die Oper liebt wusste, dass er mit den Münchner Philharmonikern auf eine relativ „opernfernes“ Orchester trifft.Ebenfalls unstrittig dürfte die Feststellung sein, dass es sich bei dem Orchester um einen herausragenden Klangkörper der europäischen Klassikszene handelt. Der Verweis auf das Grammophone Ranking ist ein zweischneidiges Schwert, sollte dem Autor doch bekannt sein, dass bei der Bewertung eines Orchesters dessen Leitung zumindest indirekt eine Rolle spielt. Nicht von ungefähr ist das Münchner BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons in diesem Ranking an den Philharmonikern vorbeigezogen und wird gemeinhin als das zweitbeste deutsche Orchester nach den Berliner Philharmonikern gehandelt. Dieser Verweis wäre in den gebrauchten Zusammenhang somit bestenfalls ein Beleg für das Scheitern Thielemanns, was natürlich vollkommener Unsinn ist.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren