Kino
Lechts und rinks
Einst kämpften Otto Schily, Horst Mahler und Christian Ströbele auf derselben Seite. Heute sind sie erbitterte Gegner. Das Politdrama "Die Anwälte" erzählt die politische Geschichte der Bundesrepublik neu.
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Die Rechtsanwälte Hans-Christian Ströbele (links) und Otto Schily während eines Prozesses in Berlin-Moabit mit ihrem Mandanten Horst Mahler (Mitte)
Sie sind gemeinsam gestartet – und so ziemlich an den entferntesten Ecken angekommen. Prominent alle drei, aus unterschiedlichen Gründen, und alle drei auch große Selbstdarsteller. Überzeugungstäter mit nicht unbedeutendem Ego. Es sagt viel über die Politikgeschichte der letzten vierzig Jahre, dass diese drei mal auf einer Seite standen, für die gleiche Sache kämpften, und nun Gegner sind, wie man sie erbitterter sich nicht vorstellen kann.
Selbst wenn man den Spezialfall Horst Mahler beiseite lässt, der als Anwalt und Sympathisant der RAF begann und heute wegen Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung im Gefängnis sitzt – schon allein die beiden Charaktere Otto Schily und HansChristian Ströbele geben mehr als genug Stoff her für eine Psychostudie. Dass diese beiden sich heute nicht mehr gemeinsam vor der Kamera zeigen wollten, und mit Horst Mahler schon gar nicht, verwundert kaum. Bei der Filmpremiere im Berliner Delphi-Kino Ende Oktober stehen Ströbele und Schily zwar nebeneinander, doch sichtbar Welten voneinander entfernt, und haben große Schwierigkeiten damit, den anderen reden, ausreden zu lassen. Und dabei reden sie beide gern.
„Die Anwälte“ hat Regisseurin Birgit Schulz ihren Dokumentarfilm schlicht genannt, und Anwälte sind sie alle drei gewesen, Anwälte mit sozialem Gewissen und Sympathien für Studentenrevolte und RAF. Der brillanteste war sicher Otto Schily, Jahrgang 1932, der, stets untadelig in Anzug und Krawatte, seine Prozessauftritte und Pressekonferenzen schon in den Siebzigern wie Talkshows inszeniert, und sich selbst wie einen Popstar, diabolisch eloquent und schlagfertig. Der fanatischste war schon immer Horst Mahler, Jahrgang 1936, der 1971 wegen Beteiligung an RAF-Straftaten selbst vor Gericht steht – verteidigt von Schily und Ströbele. Und der integerste war und ist sicher Hans-Christian Ströbele, Jahrgang 1939, der von sich selbst sagt, dass er schon als Kind keine Ungerechtigkeit ertragen konnte und sich noch heute im Deutschen Bundestag das Wort nicht verbieten lässt. Smart waren sie alle, coole Hunde, jung und selbstbewusst. Die Vertreter der bundesrepublikanischen Staatsmacht sahen im Vergleich sehr bieder aus.
Heute ist keiner von ihnen mehr als Anwalt tätig: Otto Schily war bis 2005 deutscher Innenminister und ist heute im Ruhestand, Hans-Christian Ströbele sitzt per Direktmandat für die Grünen erneut im Bundestag, und Horst Mahler sitzt auch, in der JVA Brandenburg. Und was sich in dem Film entfaltet, ist zunächst ein Justizdrama rund um die RAF-Prozesse und die Toten von Stammheim, die alle drei als persönliche Niederlage ansehen. Anschaulich schildern sowohl Schily als auch Ströbele im Rückblick, wie schrecklich es war, den Menschen, den man am Tag zuvor noch als Mandanten betreut hat, am nächsten Morgen tot in der Gerichtsmedizin zu sehen. Gerade Schily, der siegesgewisse Jurist, findet im Rückblick ungewohnt nachdenkliche, selbstkritische Töne. Dass er Katharina Hammerschmidt zum Antritt der U-Haft überredete, dass sie dort wegen mangelnder Behandlung ihrer Krebserkrankung starb, hat er sich bis heute nicht verziehen.
- Datum 17.11.2009 - 15:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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