Kino Lechts und rinksSeite 2/2
Gleichzeitig jedoch ist dieser Film von Birgit Schulz auch ein großes Politdrama, das von Rasterfahndung über Anti-AKW-Demonstrationen, vom Einzug der Grünen in den Bundestag bis hin zu NPD-Verbotsverfahren, Kosovo-Einsatz und Anti-Terror-Gesetzen die politische Geschichte der Bundesrepublik rekapituliert. Und während die drei Ex-Anwälte in Einzelinterviews in einem Berliner Gerichtssaal über ihre Rolle von damals reflektieren und darüber, warum sie meinen, sich immer treu geblieben zu sein, sieht man dazu Archivmaterial, von Katharina Schmidt grandios geschnitten. Der Einzug der Grünen im Bundestag: eine Karnevalsveranstaltung. Schily und Ströbele, die auf einer Pressekonferenz erklären, warum sich Horst Mahler zu „Urlaubszwecken“ im Ausland aufhält: eine Farce. Und schließlich die Verhandlungen zum NPD-Verbot vor dem Bundesverfassungsgericht, auf der einen Seite Otto Schily, als Gegner Horst Mahler, und als parlamentarischer Beobachter HansChristian Ströbele: Da sind sie alle auf unterschiedlichen Seiten gelandet.
Von den drei Porträtierten ist Otto Schily sicher der komplexeste Charakter. Der selbstherrliche Junganwalt, der dann autoritärer Innenminister wird, von den Grünen zur SPD wechselt und ein Sicherheitspaket vorlegt, das er vor wenigen Jahren noch vehement bekämpft hätte: Dass Schily von sich sagen kann, er sei seinen Überzeugungen immer treu gewesen, ja, es sei ein durchaus konsequenter Weg gewesen, den er beschritten habe – das ist eine der großen Irritationen im Film. Ähnlich wie Herlinde Koelbls Langzeit-Fotografien ist auch die Filmdokumentation ein Beweis der Deformation durch Macht.
Was schließlich Mahler, den problematischsten Charakter, das schwarze Loch des Films, zu seinem Seitenwechsel getrieben hat, kann auch Schulz nicht klären, kann nur vermuten. Mahler selbst erzählt im Film, wie er als Kind mit Hitlerfrisur Reden geübt hat, und dann Recht studiert hat, um „in den Staat zu gehen“. Da war schon immer politisches Kalkül und fanatische Überzeugung, erst für die einen Extremen, dann für die anderen. Und eine Unbelehrbarkeit, der man nicht beikommt. Birgit Schulz erklärt, man habe ihn nicht zu seinen heutigen Überzeugungen befragen wollen, um ihm keine Plattform für rechte Propaganda zu bieten. Auch die Anwaltsgenossen von einst, Schily und Ströbele, zeigen sich ratlos, ja hilflos, wollen sich am liebsten nicht mehr zu dem Fall äußern. Und doch schwingt in dieser Ratlosigkeit auch eine Befangenheit mit, die sich aus der gemeinsamen Vergangenheit speist. Es macht diese beiden so selbstbewussten Herren in einem Moment doch schwach – und sympathisch.
Drei Anwälte, unser aller Geschichte. Dass man das Kino mit mehr Fragen verlässt, als man es betreten hat: Das ist vielleicht der wichtigste Effekt dieses Films.
- Datum 17.11.2009 - 15:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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