Claude Lévi-Strauss In der Wildnis der Zivilisation

Das Leben und seine Struktur: Zum Tod des großen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Von Constantin von Barloewen

Claude Lévi-Strauss im Jahr 2005

Claude Lévi-Strauss im Jahr 2005

Claude Lévi-Strauss war eine Legende zu Lebzeiten und eine der prägendsten Figuren der humanwissenschaftlichen Forschung im 20. Jahrhundert. Seine »strukturale Anthropologie« erlangte Weltruhm, und Begriffe wie »wildes Denken« oder »Bricolage« sind in den Sprachgebrauch eingegangen, wenngleich Lévi-Strauss selbst den Strukturalismus gerne als Mode bezeichnete, mit der er nichts zu tun haben wollte.

Sein reiches Leben erstreckte sich über das ganze 20. Jahrhundert. Geboren wurde Claude Lévi-Strauss 1908 in Brüssel, verbrachte aber seine Kindheit in Paris. Seine Mutter war die Tochter eines Rabbi. Er wuchs zwar in einer unreligiösen Atmosphäre auf, aber die judaistische Tradition war doch ständig präsent. Er war nie von einer Beziehung zu einem persönlichen Gott geprägt, aber nachdem er ein Leben lang die Religionen und Mythen vieler Kulturen studiert hatte, meinte Lévi-Strauss, er sei immer noch davon überwältigt, wie sehr der Kosmos und der Platz des Menschen im Universum all unsere Vorstellungskraft übersteigen. Lévi-Strauss, der seine Aggregation zusammen mit Simone de Beauvoir und Maurice Merleau-Ponty ablegte, wollte immer Ethnologe werden, bereits in der Kindheit begeisterte er sich für exotische Kuriositäten und trug seine Ersparnisse zu den brocanteurs, den Trödlern. Anfang 1935 brach er nach Brasilien auf – auch deshalb, um endlich »der Philosophie zu entkommen«.

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Seine Abreise nach Brasilien war eine offene Rebellion gegen den berühmten Soziologen Émile Durkheim, dessen historische Empirie ihm zu theoretisch war. Als er vier Jahre später nach Frankreich zurückkehrte, hatte er keinerlei Anbindung an eine Universität. Mithilfe der Rockefeller-Stiftung zur Rettung der europäischen Intellektuellen während der Zeit des Nationalsozialismus erhielt er eine Einladung an die New School for Social Research in New York. Er verließ abermals Europa, auf dem Schiff Capitaine Paul Lemerle. An Bord waren unter anderen Anna Seghers, André Breton und Victor Serge. In New York suchte Lévi-Strauss Kontakt zu exilierten Surrealisten, blieb André Breton freundschaftlich verbunden, vor allem aber Max Ernst, der, wie er selbst, so stark von »primitiven« Kulturen begeistert war.

13 Jahre verbrachte Lévi-Strauss im Ausland, und als er dann endgültig nach Paris zurückkehrte, scheiterte er zweimal bei dem Versuch, sich in das Collège de France wählen zu lassen. Nach seiner doppelten Niederlage war er überzeugt, niemals eine akademische Karriere machen zu können. Er brach vollständig mit seiner Vergangenheit, ordnete sein Leben neu und nahm sich 1955 die Freiheit, in nur vier Monaten ein Buch zu schreiben, das seinen Weltruhm begründen sollte: Die Traurigen Tropen, seine wunderbar melancholischen Erinnerungen an die Jahre in Brasilien. Michel Leiris und Maurice Blanchot sowie Georges Bataille rezensierten das Buch enthusiastisch.

Mit der Veröffentlichung von Das Ende des Totemismus und Wildes Denken setzte sich der Strukturalismus als Bewegung durch. Zwischen 1964 und 1971 erschienen die vier Bände von Les Mythologiques; es war dies eine Periode in seinem Leben, in der Lévi-Strauss ohne Unterlass arbeitete, unglaublich konzentriert und allein auf sein Werk bedacht. Sein Ziel war es, sich kulturellen Erfahrungen zu öffnen, die dem eigenen Horizont möglichst fern waren. Das unterschied ihn deutlich von Michel Foucault, dem er kritisch gegenüberstand. 1973 wurde er zu den Unsterblichen der Académie française gewählt, auf den Stuhl von Montherlant, die Eloge auf Lévi-Strauss hielt bezeichnenderweise Roger Caillois, der ehemalige Surrealist, Philosoph und Soziologe.

Dass der Mensch unbewussten strukturalen Systemen unterworfen sei – diese These zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Lévi-Strauss. Dem entsprach auch sein methodischer Ansatz, die recht rigorose Form von Analyse und Klassifizierung. »Wenn bestimmte Zeremonien bei ganz verschiedenen Völkern immer wiederkehren, dann muss es sich um etwas handeln, was nicht vollkommen absurd ist.«

Diese Überzeugung begründete auch seine tiefe Skepsis gegenüber dem linearen westlichen Fortschrittsweg, und tatsächlich: An ihn hat Lévi-Strauss niemals geglaubt. Abwegig war für ihn die Vorstellung, die westliche Zivilisation sei anderen Gesellschaften überlegen, und geboten erschien ihm deshalb eine Haltung, die vor der Pluralität der Fortschrittsbegriffe Respekt hat. Kulturen waren für -Claude Lévi-Strauss intellektuell »ebenbürtig«. »Strukturalismus«, sagte er einmal, »ist die Suche nach unerwarteter Harmonie.«

Mit unnachahmlicher Diskretion, mit einer ganz und gar unprätentiösen Leidenschaft hat Claude Lévi-Strauss den Wandel der vorgeschichtlichen Kulturen ergründet und ihre Mythen zum Leuchten gebracht. So verglich er die Mythen der archaischen Kulturen Lateinamerikas mit denen aus Nordamerika und alle zusammen mit der europäischen Gralslegende. Unermüdlich suchte Lévi-Strauss nach Verwandtschaftsstrukturen zwischen räumlich und zeitlich voneinander entfernten Kulturen.

Bereits nach seiner Begegnung mit dem Sprachforscher Roman Jakobson im Jahre 1941 verfolgte er den Gedanken, das Konzept der Struktur auch auf die Verwandtschaft anzuwenden. Mit Jakobson sprach er über die Parallelitäten, die sich in jeder Kultur wiederfinden lassen. So wurde Jakobson zu einem persönlichen Freund und bildete nicht nur die erste Schnittstelle zwischen ihm und der strukturalen Linguistik, sondern schuf ebenso einen Anknüpfungspunkt an den Gedanken des Sprachforschers Ferdinand de Saussure. Immer wieder verglich Claude Lévi-Strauss die Beziehung zwischen Linguistik und der Sprache mit dem Verhältnis zwischen Anthropologie und Kultur und betonte die Übertragbarkeit von linguistischen Denkformen auf die Anthropologie. Die Kulturen, so argumentierte er, seien wie die menschlichen Sprachen, nur ein Außenstehender könne ihr zugrunde liegenden Regeln erkennen und deuten.

Erneut sah er seine These bestätigt: So unterschiedlich die Kulturen auch sein mögen und so differenziert ihre Manifestationen auch scheinen, so folgen sie doch universalen Denkprinzipien, einer identischen Struktur. Vor allem seine Schrift Wildes Denken sollte zeigen, dass das Denken der primitiven prälogischen, also schriftlosen Kulturen demjenigen der Menschen in modernen Industriegesellschaften in kognitiver Hinsicht keineswegs unterlegen ist – das »wilde Denken« war lediglich auf andere Ziele ausgerichtet.

Doch seine berühmte Mythenanalyse verfolgte noch ein anderes Ziel. Lévi-Strauss wollte beweisen, dass der »alte«, im Mythos verankerte Mensch die gleichen Fragen zu beantworten suchte wie der »neue« Mensch der technischen Zivilisation. Zwischen der archaischen und der modernen Anschauung, so lautete seine provozierende Behauptung, gebe es im Grunde keine wesentliche, keine unüberbrückbare Kluft. Aus diesem Grund weigerte sich Lévi-Strauss auch, von »primitiven« Kulturen zu sprechen – so als seien diese bloß statische Kulturen im Gegensatz zu den zivilisatorisch »fortgeschrittenen« Gesellschaften.

Die Kulturen, die wir gern »primitiv« nennen, waren für Lévi-Strauss ebenso Teil der menschlichen Zivilisationsgeschichte wie alle anderen Gesellschaften auch. Mehr noch: Die sozialen und familiären Systeme der Urvölker erschienen ihm oftmals komplexer und subtiler als unsere. Und Ursprünge rationaler Weltdeutung gab es für Lévi-Strauss auch in vermeintlich primitiven Kulturen.

Ohne selbst religiös zu sein, spürte er immer Demut und Hochachtung vor den religiösen Überzeugungen, denen er sein Leben gewidmet hat. Claude Lévi-Strauss kannte die Empfindung des Sakralen in der Natur und der Kunst, und auch deshalb empfand er die »Algebraisierung der Zivilisation«, ihre Einheitlichkeit ohne wirkliche Einheit, als ein Desaster. So betrachtete Lévi-Strauss auch die Globalisierung als unersetzlichen Verlust an kulturellem Reichtum. Traurig nannte er seine Reisen, weil sie ihm den »Schmutz« vor Augen geführt hätten, »mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben«. Nie wieder »werden uns die Reisen, diese Zaubertruhen voll traumhafter Versprechen, ihre Schätze unberührt enthüllen. Eine überreizte Zivilisation stört für immer die Stille der Meere. Eine Gärung von zweifelhaftem Geruch verdirbt die Düfte der Tropen und die Frische der Lebewesen.«

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich Claude Lévi-Strauss zeit seines Lebens mit den kleinen, schriftlosen Kulturen befasste, erst recht nach seinen Erfahrungen bei den Indianerkulturen Brasiliens. Die Erinnerung an diese Kulturen aufzuschreiben und der Nachwelt zu überliefern, das war sein tiefstes Motiv, und er war getrieben von der Furcht, die Monokultur der westlichen Zivilisation könnte die Kosmologien anderer Kulturen auslöschen und deren Sensibilität, dieses »Reservoir der Menschheit«, zerstören. »Ich glaube, dass es einige Dinge gibt, die wir verloren haben und die wir vielleicht versuchen sollten wiederzugewinnen.«

Und dennoch – einen Sinn vermochte Claude Lévi-Strauss dem Leben nicht abzugewinnen. Zuletzt fühlte er sich als der Greis, und selbst die Metaphysik der Liebe verwarf er. »Ich bin fest davon überzeugt, dass das Leben keinen Sinn hat, dass nichts einen Sinn hat.« Zum Buddhismus habe er eine gewisse Affinität gefühlt, wie er kurz vor seinem Tod sagte. »Zum einen weil der Buddhismus keinen persönlichen Gott kennt, zum anderen weil er zulässt, dass in der Abwesenheit des Sinns, im Nicht-Sinn, die letzte Wahrheit liegt. Diese Art von Glauben kann ich ohne Weiteres akzeptieren.«

Am vergangenen Samstag ist Claude Lévi-Strauss, einer der letzten großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, im Alter von hundert Jahren in Paris gestorben.
 

 
Leser-Kommentare
  1. ... grosser Suchender!

  2. ... ein sehr kluger und sehr bedeutsamer Mensch ist gegangen. Sie haben unser Bild von Kulturen verändert, Herr Lévi-Strauss, und das ist eine grosse Leistung. Danke dafür!

  3. Es fälscht kategrial Ganzheitlichkeit vollends wie Barloewen journalistisch rückwärtig bleibend zu schreiben, Lévi-Strauss habe letztlich gleichsam Fünfe nicht g'rade sein lassen können während Durkheim, im Unterschied insbesondere zu Galilei, keinerlei Skrupel plagten zu widerrufen, wenn sowohl Durkheim als auch Lévi-Strauss Fünfe stets ung'rade ließen.

    • Csab
    • 04.11.2009 um 14:36 Uhr

    ist ein grosser Denker unserer Zeit von uns gegangen!

    Mein inniglicher Dank ergeht an ihn und sein Lebenswerk!

  4. Das Kind einer wilden Zeit beschreibt das 'wilde Denken', das Denken der Wilden. Die Wilden scheinen eher zahm und traurig zu sein in ihren menschenleeren Urwäldern, Wüsten und Savannen. Primitiv sind sie nicht, die 'primitiven Kulturen' - nur alt und nahe an der freien Wildbahn. Die Moderne mit ihrer Technik und Wissenschaft hat sie noch nicht erreicht. Filmexpeditionen und Aufenthalte von Ethnologen wie Lévi-Strauss haben sie uns nahegebracht.

    Sicher ist Harmonie nicht immer erwartbar - sie muss manchmal bewusst gestaltet werden. Vor allem in Krisen. Ob sie ein unbekannter Gott prästabil ins Universum gesetzt hat ist eine Frage die Leibniz kategorisch bejaht. Ihre Regeln erkennen können nicht nur Aussenstehende sondern auch distanziert Darüberstehende die sich für diese Fragen Zeit nehmen können.

    Dass ein Mensch wie Lévi-Strauss keinen Sinn im Leben sieht ist tragisch. Vielleicht war es die Konsequenz seiner voreiligen Flucht vor der Philosophie. Zeiten der Apokalypse machen es schwer einen Lebenssinn zu entdecken oder gar an Liebe zu glauben.

  5. Fern sind sie uns. Nicht jeder ist ein Ethnologe der seine heimatliche Studierstube verlässt um Weltreisen zu unternehmen. Den anderen bleibt die Literatur und die Diskussion. Sie vermitteln uns das für uns Nützliche.

    Die Primitivität der Wilden liegt in ihrer Einfachheit und fehlenden Komplexität. Ihre Wahlmöglichkeiten sind überschaubar. Ob einfaches Leben gutes Leben ist ist fraglich. Freuen wir uns über unsere gezähmte Kultiviertheit. Sie bedeutet ein Mehr an Freiheit.

  6. 1. der Autor benutzt Konzepte wie prälogisch, obwohl gerade diese Denken doch als kritikwürdig gilt und die Idee der Prälogik (Levy Bruhl) schon lange ad acta gelegt wurde. Dann wird erst primitiv ohne Anführungsstriche einfach so als Adjektiv benutzt, um dann zu klären, dass man es nicht so meint?
    Ich bitte um mehr Stringenz gerade, wenn man einen Artikel zu ehren eines Ethnologen schreibt, sollte man ein solches Denken nicht diskreditieren, in dem man eine rassistische Dichotomie von Kultur und Natur fördert
    2. Zum Kommentar von Herrn Seitz
    Heute sind die sogenannten Lehnstuhlethnologen mehr Relikt als Tatbestand und weiter ist keine Kultur alt, sondern alle Kulturen immer im Wandel... niemand ist ein Urvolk oder ähnliches. Dies entspricht einer evolutionistischen Logik, die den westlichen Menschen an die Spitze stellt.
    An alle: in Ehren doch bitte mehr Sensibilität dem Thema/ der Welt gegenüber!!!

  7. Soll das heissen dass der westliche Mensch an der Spitze der Evolution steht?
    Ich nehme befriedigt zur Kenntnis dass Ethnologen heute nicht mehr im Lehnstuhl sitzen. Für Geisteswissenschaftler nehme ich das aber gerne in Anspruch. Es muss auch Menschen geben die sich über die von Ethnologen produzierten Texte Gedanken machen, sie interpretieren und mögliche Problemlösungen daraus schöpfen. Das geht am Besten vom Lehnstuhl aus.

    Gruss

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    Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe. Ein Volk als alt zu bezeichnen ist evolutionistisch und zudem schlichtweg falsch, da Kultur und damit Kategorien und Gruppen immer dynamisch sind.
    Mein Vorwurf an den Artikel war, dass er eine Brise zuviel Evolutionismus enthält.
    (Sie, Herr Seitz, sind meist unbefangen und sehr wohl bereit über Ihre Wortwahl nachzudenken, wofür Sie von mir ein Kompliment bekommen müssen. Ich hoffe, dass es nun klar ist.)

    Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe. Ein Volk als alt zu bezeichnen ist evolutionistisch und zudem schlichtweg falsch, da Kultur und damit Kategorien und Gruppen immer dynamisch sind.
    Mein Vorwurf an den Artikel war, dass er eine Brise zuviel Evolutionismus enthält.
    (Sie, Herr Seitz, sind meist unbefangen und sehr wohl bereit über Ihre Wortwahl nachzudenken, wofür Sie von mir ein Kompliment bekommen müssen. Ich hoffe, dass es nun klar ist.)

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