Claude Lévi-StraussIn der Wildnis der ZivilisationSeite 2/3

Mit unnachahmlicher Diskretion, mit einer ganz und gar unprätentiösen Leidenschaft hat Claude Lévi-Strauss den Wandel der vorgeschichtlichen Kulturen ergründet und ihre Mythen zum Leuchten gebracht. So verglich er die Mythen der archaischen Kulturen Lateinamerikas mit denen aus Nordamerika und alle zusammen mit der europäischen Gralslegende. Unermüdlich suchte Lévi-Strauss nach Verwandtschaftsstrukturen zwischen räumlich und zeitlich voneinander entfernten Kulturen.

Bereits nach seiner Begegnung mit dem Sprachforscher Roman Jakobson im Jahre 1941 verfolgte er den Gedanken, das Konzept der Struktur auch auf die Verwandtschaft anzuwenden. Mit Jakobson sprach er über die Parallelitäten, die sich in jeder Kultur wiederfinden lassen. So wurde Jakobson zu einem persönlichen Freund und bildete nicht nur die erste Schnittstelle zwischen ihm und der strukturalen Linguistik, sondern schuf ebenso einen Anknüpfungspunkt an den Gedanken des Sprachforschers Ferdinand de Saussure. Immer wieder verglich Claude Lévi-Strauss die Beziehung zwischen Linguistik und der Sprache mit dem Verhältnis zwischen Anthropologie und Kultur und betonte die Übertragbarkeit von linguistischen Denkformen auf die Anthropologie. Die Kulturen, so argumentierte er, seien wie die menschlichen Sprachen, nur ein Außenstehender könne ihr zugrunde liegenden Regeln erkennen und deuten.

Erneut sah er seine These bestätigt: So unterschiedlich die Kulturen auch sein mögen und so differenziert ihre Manifestationen auch scheinen, so folgen sie doch universalen Denkprinzipien, einer identischen Struktur. Vor allem seine Schrift Wildes Denken sollte zeigen, dass das Denken der primitiven prälogischen, also schriftlosen Kulturen demjenigen der Menschen in modernen Industriegesellschaften in kognitiver Hinsicht keineswegs unterlegen ist – das »wilde Denken« war lediglich auf andere Ziele ausgerichtet.

Doch seine berühmte Mythenanalyse verfolgte noch ein anderes Ziel. Lévi-Strauss wollte beweisen, dass der »alte«, im Mythos verankerte Mensch die gleichen Fragen zu beantworten suchte wie der »neue« Mensch der technischen Zivilisation. Zwischen der archaischen und der modernen Anschauung, so lautete seine provozierende Behauptung, gebe es im Grunde keine wesentliche, keine unüberbrückbare Kluft. Aus diesem Grund weigerte sich Lévi-Strauss auch, von »primitiven« Kulturen zu sprechen – so als seien diese bloß statische Kulturen im Gegensatz zu den zivilisatorisch »fortgeschrittenen« Gesellschaften.

Die Kulturen, die wir gern »primitiv« nennen, waren für Lévi-Strauss ebenso Teil der menschlichen Zivilisationsgeschichte wie alle anderen Gesellschaften auch. Mehr noch: Die sozialen und familiären Systeme der Urvölker erschienen ihm oftmals komplexer und subtiler als unsere. Und Ursprünge rationaler Weltdeutung gab es für Lévi-Strauss auch in vermeintlich primitiven Kulturen.

Ohne selbst religiös zu sein, spürte er immer Demut und Hochachtung vor den religiösen Überzeugungen, denen er sein Leben gewidmet hat. Claude Lévi-Strauss kannte die Empfindung des Sakralen in der Natur und der Kunst, und auch deshalb empfand er die »Algebraisierung der Zivilisation«, ihre Einheitlichkeit ohne wirkliche Einheit, als ein Desaster. So betrachtete Lévi-Strauss auch die Globalisierung als unersetzlichen Verlust an kulturellem Reichtum. Traurig nannte er seine Reisen, weil sie ihm den »Schmutz« vor Augen geführt hätten, »mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben«. Nie wieder »werden uns die Reisen, diese Zaubertruhen voll traumhafter Versprechen, ihre Schätze unberührt enthüllen. Eine überreizte Zivilisation stört für immer die Stille der Meere. Eine Gärung von zweifelhaftem Geruch verdirbt die Düfte der Tropen und die Frische der Lebewesen.«

Leserkommentare
  1. ... grosser Suchender!

  2. ... ein sehr kluger und sehr bedeutsamer Mensch ist gegangen. Sie haben unser Bild von Kulturen verändert, Herr Lévi-Strauss, und das ist eine grosse Leistung. Danke dafür!

  3. Es fälscht kategrial Ganzheitlichkeit vollends wie Barloewen journalistisch rückwärtig bleibend zu schreiben, Lévi-Strauss habe letztlich gleichsam Fünfe nicht g'rade sein lassen können während Durkheim, im Unterschied insbesondere zu Galilei, keinerlei Skrupel plagten zu widerrufen, wenn sowohl Durkheim als auch Lévi-Strauss Fünfe stets ung'rade ließen.

    • Csab
    • 04.11.2009 um 14:36 Uhr

    ist ein grosser Denker unserer Zeit von uns gegangen!

    Mein inniglicher Dank ergeht an ihn und sein Lebenswerk!

  4. Das Kind einer wilden Zeit beschreibt das 'wilde Denken', das Denken der Wilden. Die Wilden scheinen eher zahm und traurig zu sein in ihren menschenleeren Urwäldern, Wüsten und Savannen. Primitiv sind sie nicht, die 'primitiven Kulturen' - nur alt und nahe an der freien Wildbahn. Die Moderne mit ihrer Technik und Wissenschaft hat sie noch nicht erreicht. Filmexpeditionen und Aufenthalte von Ethnologen wie Lévi-Strauss haben sie uns nahegebracht.

    Sicher ist Harmonie nicht immer erwartbar - sie muss manchmal bewusst gestaltet werden. Vor allem in Krisen. Ob sie ein unbekannter Gott prästabil ins Universum gesetzt hat ist eine Frage die Leibniz kategorisch bejaht. Ihre Regeln erkennen können nicht nur Aussenstehende sondern auch distanziert Darüberstehende die sich für diese Fragen Zeit nehmen können.

    Dass ein Mensch wie Lévi-Strauss keinen Sinn im Leben sieht ist tragisch. Vielleicht war es die Konsequenz seiner voreiligen Flucht vor der Philosophie. Zeiten der Apokalypse machen es schwer einen Lebenssinn zu entdecken oder gar an Liebe zu glauben.

  5. Fern sind sie uns. Nicht jeder ist ein Ethnologe der seine heimatliche Studierstube verlässt um Weltreisen zu unternehmen. Den anderen bleibt die Literatur und die Diskussion. Sie vermitteln uns das für uns Nützliche.

    Die Primitivität der Wilden liegt in ihrer Einfachheit und fehlenden Komplexität. Ihre Wahlmöglichkeiten sind überschaubar. Ob einfaches Leben gutes Leben ist ist fraglich. Freuen wir uns über unsere gezähmte Kultiviertheit. Sie bedeutet ein Mehr an Freiheit.

  6. 1. der Autor benutzt Konzepte wie prälogisch, obwohl gerade diese Denken doch als kritikwürdig gilt und die Idee der Prälogik (Levy Bruhl) schon lange ad acta gelegt wurde. Dann wird erst primitiv ohne Anführungsstriche einfach so als Adjektiv benutzt, um dann zu klären, dass man es nicht so meint?
    Ich bitte um mehr Stringenz gerade, wenn man einen Artikel zu ehren eines Ethnologen schreibt, sollte man ein solches Denken nicht diskreditieren, in dem man eine rassistische Dichotomie von Kultur und Natur fördert
    2. Zum Kommentar von Herrn Seitz
    Heute sind die sogenannten Lehnstuhlethnologen mehr Relikt als Tatbestand und weiter ist keine Kultur alt, sondern alle Kulturen immer im Wandel... niemand ist ein Urvolk oder ähnliches. Dies entspricht einer evolutionistischen Logik, die den westlichen Menschen an die Spitze stellt.
    An alle: in Ehren doch bitte mehr Sensibilität dem Thema/ der Welt gegenüber!!!

  7. Soll das heissen dass der westliche Mensch an der Spitze der Evolution steht?
    Ich nehme befriedigt zur Kenntnis dass Ethnologen heute nicht mehr im Lehnstuhl sitzen. Für Geisteswissenschaftler nehme ich das aber gerne in Anspruch. Es muss auch Menschen geben die sich über die von Ethnologen produzierten Texte Gedanken machen, sie interpretieren und mögliche Problemlösungen daraus schöpfen. Das geht am Besten vom Lehnstuhl aus.

    Gruss

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    Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe. Ein Volk als alt zu bezeichnen ist evolutionistisch und zudem schlichtweg falsch, da Kultur und damit Kategorien und Gruppen immer dynamisch sind.
    Mein Vorwurf an den Artikel war, dass er eine Brise zuviel Evolutionismus enthält.
    (Sie, Herr Seitz, sind meist unbefangen und sehr wohl bereit über Ihre Wortwahl nachzudenken, wofür Sie von mir ein Kompliment bekommen müssen. Ich hoffe, dass es nun klar ist.)

    Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe. Ein Volk als alt zu bezeichnen ist evolutionistisch und zudem schlichtweg falsch, da Kultur und damit Kategorien und Gruppen immer dynamisch sind.
    Mein Vorwurf an den Artikel war, dass er eine Brise zuviel Evolutionismus enthält.
    (Sie, Herr Seitz, sind meist unbefangen und sehr wohl bereit über Ihre Wortwahl nachzudenken, wofür Sie von mir ein Kompliment bekommen müssen. Ich hoffe, dass es nun klar ist.)

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