Politisches Theater Die Krise tanzen

Was wir aus der Tanzkunst für die Politik und unser aller Zusammenleben lernen könnten.

Politische Körper: Einer der Höhepunkte beim Tanzkongress in Hamburg ist
der Auftritt der israelischen Compagnie Public Movement

Politische Körper: Einer der Höhepunkte beim Tanzkongress in Hamburg ist der Auftritt der israelischen Compagnie Public Movement

Es ist das größte Tanzereignis des Jahres und zugleich ein politisches Event. Körper und Politik sind das Thema des Tanzkongresses, der am Donnerstagabend in Hamburg eröffnet wurde und noch bis zum Sonntagabend dieHallen der Kampnagelfabrik erbeben lässt. Tänzer, Choreografen, Produzenten,Tanzpädagogen, Wissenschaftler und Politiker versammeln sich zur Feier der momentan vielleicht lebendigsten Bühnensparte. Unter dem Motto ,No Step without Movement!' wird der Tanz als öffentlich wirksame, gesellschaftlich gestaltende und Geschichte machende Kraft diskutiert.

Tanzkongress bedeutet in erster Linie Debatte, aber natürlich auch praktische Übung. Neben dem theoretischen Teil des Programms gibt es Masterclasses, Tanzsalons und Laboratorien, vor allem aber Performances, die einen Blick in die Zukunft des Tanzes gestatten. Star des Tanzprogramms ist Jerome Bel, der eine Hommage an berühmte Kollegen wie Lutz Förster, Susanne Linke, Pina Bausch und Robert Wilson tanzt. Zu den wichtigsten Köpfen des Think Tanks Tanzkongress gehört der amerikanische Soziologe Randy Martin, dessen Vortrag wir im Folgenden dokumentieren.

Randy Martin
Randy Martin ist Professor für Kunst und Public Policy an der berühmten New Yorker TISCH School of the Arts und Präsident der Cultural Studies Association der USA. Er studierte Soziologie und hat selbst praktische Erfahrung in Tanz, Theater und Clownerie. Als ein präziser Beobachter des politischen Lebens und zugleich als Experte für Ästhetik, war er Vorreiter des interdisziplinären Wissenstransfer. 
Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen: »Socialism and the Left«, »Financialization of Daily Life« und »An Empire of Indifference: American War and the Financial Logic of Risk Management«. Zuletzt erschien von ihm »Artistic Citizenship: A Public Voice for the Arts«.

Randy Martin ist Professor für Kunst und Public Policy an der berühmten New Yorker TISCH School of the Arts und Präsident der Cultural Studies Association der USA. Er studierte Soziologie und hat selbst praktische Erfahrung in Tanz, Theater und Clownerie. Als ein präziser Beobachter des politischen Lebens und zugleich als Experte für Ästhetik, war er Vorreiter des interdisziplinären Wissenstransfer. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen: »Socialism and the Left«, »Financialization of Daily Life« und »An Empire of Indifference: American War and the Financial Logic of Risk Management«. Zuletzt erschien von ihm »Artistic Citizenship: A Public Voice for the Arts«.

  Bei der Leichenschau der globalen Finanzkrise haben wir mittlerweile sämtliche Stadien der Trauerarbeit durchlaufen – von der Leugnung über den Zorn und die Depression bis hin zum Eingeständnis der Katastrophe. Aber von einem Schrecken haben wir uns noch nicht erholt: Warum konnten all die Experten mit ihrem enormen Fachwissen die Katastrophe nicht verhindern? Momentan bereiten sich die Marktmacher auf den nächsten Aufschwung vor. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, nicht mehr passiv auf bessere Einsicht und höhere Moral zu hoffen, sondern uns zu fragen, ob der Kapitalismus nach dem Versagen der Experten zum Richtungswechsel, zur Bewegung in eine neue Richtungüberhaupt fähig ist.

Vielleicht ist das kritische Potential, das einen buchstäblichen Richtungswechsel bewirken könnte, ja nicht in den Vorstandsetagen, sondern bei den Kreativen zu finden. Vielleicht muss die Innovation zum Erhalt unserer westlichen Gesellschaften aus dem Bereich der Kultur kommen, aus der uralten und seit Jahrtausenden in ständiger Erneuerung befindlichen Sphäre der Künste. Wenden wir uns also dem Tanz zu.

Der Tanz war von Anbeginn an ein vielgestaltiges und flexibles, an keinen konkreten Ort gebundenes Phänomen. Tanz erforscht, was Körper können, Tanz durchbricht die andachtsvollen Inszenierungen der Politik und die routinierten Aufführungen des Alltags. Wenn wir tanzenden Menschen zuschauen, bekommen wir ein Gefühl für die trennenden und verbindenden Kräfte in unserer Gesellschaft . Der Tanz illustriert, wo wir als Menschheit herkommen und wohin wir uns bewegen. Wo die normale Sprache sich nicht mehr eignet, Zusammenhänge zu beschreiben, könnte die Sprache des Tanzes eine anregende Alternative sein. Sie könnte unserem politisch so schwer zu formulierenden Bedürfnis nach einer Harmonie der Weltgesellschaft Ausdruck verleihen.

Noch immer wird der Tanz als unbedeutende Kunstform abgetan, als akademisch und ästhetisch marginal, unterfinanziert und kaum rezipiert. Dabei ist der Tanz doch bereits als schlichte Erscheinung des Alltagslebens ein Hinweis auf unser aller körperlichen und geistigen Zustand. Hier zeigt sich unsere motorische Intelligenz, die zumeist eine unbewusste ist, die unser Empfinden und unsere Impulse unmittelbarer ausdrückt als die Sprache. Vielleicht ist es dies Unmittelbare, dieses intuitive Wissen, was jetzt gebraucht wird, da die gewöhnliche Klugheit versagt hat.

In einer Welt, die angeblich von hochintelligenten Managern und Fachleuten geführt wird, deutet deren mangelnde Beherrschung des eigenen Arbeitsfeldes auf eine tiefere Krise hin. Diesen Fachleuten wurde weitgehende Autonomie bei der Abwicklung ihrer Geschäfte eingeräumt, damit sie zu immer besseren Ergebnissen kommen. Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten Selbstverantwortung in Bereichen gefördert, die einst dem Staat vorbehalten waren: Renten, Wohnungsbau, Bildung, Gesundheitsfürsorge. All dies wurde unter dem Aspekt der Investition betrachtet. Dabei galt sowohl in der Finanz- als auch in der Privatsphäre das Risiko nicht mehr als etwas zu Vermeidendes, sondern wurde begrüßt und gefördert. Die Zukunftsformel lautete: Mehr Risiko, mehr mehr Gewinne. Das Risiko wurde nicht einfach als Kalkül auf einen unerwarteten Gewinn begriffen, sondern als körperlichgeistiger Zustand. Der Maßstab der Finanzplaner für die Risikotoleranz einer Person bei einem Investment-Portfolio war, ob dieser Körper nachts noch gut schlafen konnte.

Auch der experimentelle Tanz jener Zeit fand Interesse am Risiko, jedoch als Methode zur Erfindung neuer Bewegungen. Die Choreografen experimentierten mit verschiedenen Improvisationstechniken, um sich in einen prekären Zustand zu versetzen – mit verschränkten Positionen, heiklen Balanceakten voller Spannung. Auf der Bühne waren plötzlich Zusammenstöße und Einbrüche zu sehen.

Beide Sphären, die Finanzwelt und der Tanz nahmen Bewegung in Dienst, förderten die Kunst, neue Räume und neue Tempi erobern. Indem das Risiko zum Lebensstil wurde, entstand ein besonderes Zeitgefühl. Die Instrumente der Finanzwelt für die Risikokalkulation und den daraus zu erzielenden Gewinn waren genau die, durch die das Risiko über die Kalkulation triumphierte. Jede Investition war eine Wette auf zukünftiges Geschehen und diese spielerische Haltung zur Welt blieb nicht nur den Finanzexperten vorbehalten. Ein Hausbesitzer konnte durch eine zweite Hypothek zu Bargeld kommen. Die Zukunft verlagert sich in die Gegenwart. Es war die alte utopische Traumlandschaft, in der die besseren Zeiten am Horizont aufscheinen: Wir erwarteten, dass uns die Zukunft an einen ganz anderen Ort bringen würde – Utopia.

Der abermalige Verlust dieser utopischen Perspektiven führt zu einer unendlichen Ernüchterung. Was heißt denn eigentlich riskantes Handeln? Der tanzende Körper bringt es zum Ausdruck: den bangen Zustand des Nichtwissens, die Erwartung einer immer weiter steigerbaren Leistung, den flüchtigen Übergangszustand des unaufhörlichen Verglichenwerdens, ohne dass diesem ein Wertmaßstab zugrunde läge.

Fabian Barba tritt ebenfalls auf: A Mary Wigman Dance Evening

Fabian Barba tritt ebenfalls auf: A Mary Wigman Dance Evening

Die allgemeine Forderung, risikobereit zu sein, macht jeden von uns zu einem Entscheider und verschärft die Skepsis gegenüber den Experten. Wenn alle aufgefordert sind, sich selbst ein Urteil zu bilden, verlieren Ärzte, Politiker und Naturwissenschaftler die Kontrolle über ihre Spezialgebiete. Jene Bevölkerungsteile aber, die keine Entscheidungen um des eigenen Vorteils willen treffen können –Immigranten, sozial Schwache, Verarmte, Verfolgte - stellen eine Gefahr für die Ideologen der Risikobereitschaft dar. Mit der Behauptung, man könne ein unkalkulierbares Risiko bewältigen, wurde bereits ein globaler Krieg gegen den Terror vom Zaun gebrochen. Risiko heißt auch vorauseilendes Handeln: Spezialeinheiten für den mobilen Präventivschlag, Derivate, die Eigenschaften von Waren bündeln und vermarkten. Eine solche Ökonomie des Risikos erfordert unablässige Bewegung und Beschleunigung. Die Wertzuschreibung einer Ware wartet nicht einmal mehr deren Fertigstellung ab, sondern wird unmittelbar realisiert. Bei Stillstand sinkt schlagartig der Wert.

Das ist keine leicht zu erfassende Situation. Das Innenleben des Tanzes könnte jedoch eine gewisse Orientierung darüber liefern, wie die Welt sich in vertraute und fremde Richtungen fortentwickelt hat. Tanz ist eine Übung in dauernder Bewegung, selbst im Stillstand versammelt sich im Tanz das, was eben noch reiner Wirbel war. Die Welt durch Tanz zu denken und zu fühlen, könnte uns eine Ahnung von der Komplexität des gegenwärtigen Weltgeschehens vermitteln. Die bisherigen ökonomischen Modelle, die das Marktgeschehen zu beschreiben versuchten, gingen von kurzzeitigen und festen Raum-Zeit-Koordinaten aus, um der frei flottierenden Kurve der Warenwerte einen Realitätseffekt zu verschaffen. Tanzende Körper in flüssiger Bewegung kommen aber nicht entlang vorgegebener Linien voran, sondern erzeugen ihren eigenen Raum und ihre eigene Zeit, ihre eigene Dichte und Offenheit. Tanz schärft den Sinn dafür, wie Bewegung aus dem Moment entsteht, indem er seine gewaltige Produktivkraft ganz darauf konzentriert, etwas aus der ungeheuren Leere der Bühne zu machen.

Eine Tanzaufführung kann uns zeigen, was an politischen Statements zur Lage der Welt oft so quälend und frustrierend erscheint. Sie werden der Dynamik der Situation nicht gerecht. Die Energien, die die Ereignisse in Gang setzten, verpuffen im Moment des Ereignisses. Der Tanz anders als die politische Debatte, kann das zu debattierende Ereignis ausdehen, kann seinen Dimensionen und die innewohnenden zerstörerischen Energien sichtbar machen. Tanz ist ein Angriff auf das Bestehende, er zeigt Alternativen, er ist eine letzte Möglichkeit des utopischen Denkens nach dem sogenannten Ende der Utopien.

Tanz macht ein Körpergefühl sichtbar und einen Raum erfahrbar, wo wir ansonsten wie Blinde umherirren. Im Zuge der Freiheitsbewegungen der letzten Jahrzehnte ist die globale Körperkultur vielfältiger geworden. Mit dem erstarkenden Selbstbewusstsein der Dritten Welt wird der Anspruch des Westens immer fragwürdiger, der Nabel der Zivilisation zu sein, das entscheidende Wissen zu besitzen, die Wahrheit zu kennen. Im Tanz wie in der Politik gibt es eine historische Verschiebung, die uns alle am Ende retten könnte: eine breite, in expressiven Schwüngen erfolgende Orientierung weg von der Mitte. Die Ausbreitung in den Raum ist eine Öffnung hin zu neuen Ideen. Kapoeira, Breakdance, Surfen, Skaten, Snowboarding sind weltweite Phänomene, die beweisen, dass die Menschheit sich weiter entwickelt. Gemeinsam ist all diesen Stilen, dass der Bewegungsimpuls nicht mehr aus dem Zentrum kommt. Die Tänzer und Sportler stellen den Körper auf den Kopf, sie lassen die Hände tun, was sonst Aufgabe der Füße war.

Auch das Ballett und der Ausdruckstanz haben entscheidende Impulse aus diesen Stilen aufgenommen. Sie setzen den Körper neuen Risiken aus. Doch Risiko ist hier nicht die rücksichtslose Spekulation auf das Prinzip "Der Gewinner kriegt alles", sondern ein kompliziertes solidarisches Zusammenspiel von Geben und Nehmen. Gerade jetzt, da wir so sehr unter gegenseitiger Verschuldung gelitten haben und viele den Preis für wenige zahlen mussten, sollten wir dieser alternativen Logik wieder folgen. Tanz verschafft dem Gesellschaftlichen hier Unmittelbarkeit. Er demonstriert, was wir gemeinsam tun können. Er lenkt unsere Vorstellungskraft zurück zu der Frage, was wir mit dem unglaublichen Reichtum hätten anfangen können, den wir in die Banken gepumpt haben.

Die gedankliche Offenheit, die der Zusammenbruch bewirkte, scheint fast schon wieder vorbei. Die Banken machen weiter wie bisher. So tritt mit der Erholung der Finanzmärkte eine allgemeine Ernüchterung ein. Vielleicht richten wir den Blick in diesem ernüchternden Moment auf den Tanz, lassen für einen Augenblick den gesellschaftlicher Körper vor unseren Augen erstehen. Wir könnten aus unseren im Überfluss vorhandenen Mitteln, aus der Zeit, dem Raum und der Beweglichkeit mehr machen. Wir könnten endlich die Verhältnisse zum Tanzen bringen.

 Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Gabriele Gockel und Thomas Wollermann

Informationen und Videos zum Tanzkongress unter www.tanzkongress.de

 
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