Sprache Wir werden zugewörtert

Krise überall, auch in der Sprache. 2009 brachte uns Begriffe wie "Bad Bank", "Schweinegrippe" und "Abwrackprämie" – ein Jahr voller Sprach-Schrott.

Ein voller Erfolg – konjunkturell und sprachlich: "Abwrackprämie" ist das Wort des Jahres

Ein voller Erfolg – konjunkturell und sprachlich: "Abwrackprämie" ist das Wort des Jahres

Was für Worte uns das Jahr schon hinterlassen hat! Kaufhausketten trudeln, Aktienkurse schwächeln, Unterhosenfabrikanten kränkeln, die Autobauer sind angeschlagen. Hier Pleite, da Pandemie, da drüben gehen die Lichter aus, woanders ist’s schon duster. Und wir? Zugewörtert steigen wir ins neue Auto, und danken Gott-weiß-wem für die Sitzheizung und der Großen Koalition, ohne die wir ganz anders dasäßen: frierend im Gebrauchtwagenmief, ohne Navigationssystem und Euro-4-Plakette. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat entschieden: "Abwrackprämie" ist das Wort des Jahres.

Erinnern Sie sich! 1,7 Millionen Anträge in 26 Wochen, Männer in Blaumännern entsorgten unsere Autos. Man bekam 2500 Euro für das Gebrauchte. Ganz Deutschland wrackte ab.

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Auf dem Schrottplatz stapelte sich das einst stolze Blech, skelettiert, gepresst. Bald hieß es: Überkapazität, alles voll.

Duftbäume starben, Umweltschützer motzten. Ansonsten große Heiterkeit. Ein Hamburger Herrenausstatter warb fortan mit der "Abfrackprämie", ein Sexartikelhersteller bot "Abfuckprämien" für alte Dildos an, und zu fernsehnächtlicher Stunde grölte ein Mann für eine Telefonhotline: "Wracken Sie jetzt ihre Frau ab!" Ein Anruf: 2,99.

"Man macht etwas kaputt und bekommt noch Geld dafür", darin liege der Reiz des Wortes, begründete die GfdS ihre Kür. Weitere Worte hat sie auch gewählt. Wir sitzen im neuen Auto und lesen in loser Reihenfolge: "kriegsähnliche Zustände", "Bad Bank", "Schweinegrippe", "Wachstumsbeschleunigungsgesetz", "Studium Bolognese", "Deutschland ist Europameisterin", "Weltklimagipfel", "Haste mal ne Milliarde?". Die Krise ist überall.

Wir fahren los, das Jahr geht zu Ende. Hinter uns liegt ein großer Haufen Schrott.

 
Leser-Kommentare
  1. Das alles findet ausschließlich in den Medien statt. Würden die auch nicht ein einziges dieser Sprachinkontinenzergebnisse aufgreifen, gäbe es sie nicht. Wirklich vermissen täten wir sie nicht, diese Sprachmutanten, zumal sie ja teilweise auch Dinge bezeichnen, die keine Entsprechung in der Realität haben, z.B. "Schweine-Grippe".

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    Neue Dinge brauchen neue Namen.

    Was wäre die Alternative?

    Gesetze nur mit der Paragraphennummer bezeichnen?
    Krankheiten mit dem wissenschaftlichen Namen des Erregers?

    Mißtrauisch sollte die Presse höchstens sein, wenn der Schöpfer eines Begriffes damit offenkundig propagandistische Absichten verfolgt ("Wachstumsbeschleunigungsgesetz"). Dann müssen die Anführungszeichen her, oder es muß ein treffenderes Wort geprägt werden.

    Neue Dinge brauchen neue Namen.

    Was wäre die Alternative?

    Gesetze nur mit der Paragraphennummer bezeichnen?
    Krankheiten mit dem wissenschaftlichen Namen des Erregers?

    Mißtrauisch sollte die Presse höchstens sein, wenn der Schöpfer eines Begriffes damit offenkundig propagandistische Absichten verfolgt ("Wachstumsbeschleunigungsgesetz"). Dann müssen die Anführungszeichen her, oder es muß ein treffenderes Wort geprägt werden.

  2. Neue Dinge brauchen neue Namen.

    Was wäre die Alternative?

    Gesetze nur mit der Paragraphennummer bezeichnen?
    Krankheiten mit dem wissenschaftlichen Namen des Erregers?

    Mißtrauisch sollte die Presse höchstens sein, wenn der Schöpfer eines Begriffes damit offenkundig propagandistische Absichten verfolgt ("Wachstumsbeschleunigungsgesetz"). Dann müssen die Anführungszeichen her, oder es muß ein treffenderes Wort geprägt werden.

    Antwort auf "nur in den Medien"
  3. Unsere Sprache lebt und generiert immer wieder neue Wörter. Ein Zeichen, dass das Immergleiche nicht ausreicht! Dynamik ist angesagt! http://viereggtext.blogsp...

  4. "Voller Erfolg" steht oben bei der Abwrackprämie, und dies sogar mit Zusatz "konjunkturell". An was bemisst sich denn dieser vermeintliche Erfolg außerhalb der politischen Welt, die zuletzt mit Stoppschildern im Internet den Kampf gegen Kinderpornografie führen und mit Hotel- und Erbschaftssteuersenkung das Wachstum in Deutschland ankurbeln wollte und will?
    Zählt(e) man rein die Anträge und neuen Fahrzeuge, um dann grob über den Daumen von Aufschwung zu erzählen, oder hat man sich vielleicht auch gefragt, woher das Subventionsgeld stammt, wo es nun fehlt und wie die lieben Bürgerlein den Rest des Fahrzeugpreises bestreiten? Eher Ersteres, fürchte ich.
    Bitte sehen Sie in Zukunft davon ab, auf den Jargon der Politik aufzuspringen und - ohne zu hinterfragen - nachzuplappern. Bei Arbeitslosenstatistik und (angeblich erhöhten) Bildungsausgaben hat man Ihnen schon das nächste Näpfchen aufgestellt ... ich wünsche viel Erfolg, im wahrsten Sinne.

    • luccas
    • 18.12.2009 um 21:45 Uhr

    Also ich find den Spruch ""Haste mal ne Milliarde?" voll obama.

  5. .
    Es wird insgesamt zu viel gedruckt und geradezu inflationär viel veröffentlicht.

    Qualität ist längst durch Quantität ersetzt.

    Einschließlich Buchmesse, eine im Grunde überflüssige Marketing-Erscheinung des 20. Jahrhunderts.

    Bereits rund 100 Jahre zuvor riet Schopenhauer dem geneigten Leser, man solle seinen Verstand nicht "zerlesen".

    Es lebe die richtige Auswahl!

  6. [ entfernt: Bitte verzichten Sie auf unsachliche Kritik. Danke. Die Redaktion/m.e. ]

    • germi
    • 19.12.2009 um 7:53 Uhr
    8.

    Tja, sehe ich genauso. Schön, wenn jemand ebenfalls Unbehagen am heutigen Zustand des Deutschen empfindet und eben dieses Denglisch als Belastung. Ich sehe es sogar als Gefahr an, gerade deswegen, weil viele unserer Landsleute diese eben diese nicht sehen und glauben, unserer Srpache auch noch einen guten Dienst zu eweisen, wenn sie ständig mit Anglizismen um sich werfen, weil sie sich damit profilieren wollen oder sprachlich toll vorkommen. Ich jedenfalls nehme mir vor, an Firmen zu schreiben, wenn sie unnötige Anglizismen an die Öffentlichkeit bringen (Beispiel Aldi mit seinen "Snowboots")
    Hier allerdings geht es eher um die Fähigkeit der deutschen Sprache, interessante Neuschöpfungen hervorzubringen, was zu ihren Stärken gehört. Die "kriegsähnlichen Zustände" sind allerdings kein Glücksgriff, sondern eher eine biedere Formulierung, die hier nichts verloren hat. Hier kommt mir dann zuviel Politik herein.

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