David WagnerFlaneur im Supermarkt

Erinnerungswaren: In seinem wunderbaren Roman "Vier Äpfel" entpuppt sich David Wagner als Mythologe des Alltags. Von Gerrit Bartels von Gerrit Bartels

Der Supermarkt kann auch ein Ort der Erinnerung sein

Der Supermarkt kann auch ein Ort der Erinnerung sein  |  © Andreas Rentz/Getty Images

So ein erster Satz öffnet doch gleich einen ganzen literarischen Raum! Mit dem Satz "Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte gegangen" beginnt der Berliner Schriftsteller David Wagner seinen neuen Roman Vier Äpfel – und wer muss dabei nicht sofort an Marcel Proust denken? An den berühmten Satz, mit dem Proust seine Suche nach der verlorenen Zeit eröffnet hat: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen." Man kann davon ausgehen, dass Wagner seinen Satz weniger als Witz, sondern mehr als Referenz verwendet, dass er sich gern und bewusst in einen größeren literarischen Zusammenhang stellt, ohne sich anzumaßen, ebenbürtig zu sein oder das Vorbild gar übertrumpfen zu wollen.

Zumal die Welt, in der sich Wagners Ich-Erzähler also nach langer Zeit wieder mal bewegt, zunächst eine kleine, überschaubare ist: die räumlich begrenzte Welt eines Supermarkts mit seinen Gängen, in denen die Waren fein säuberlich, appetitlich und transparent aufgebaut und geordnet sind. Es dauert aber nicht lange, dass der Erzähler sich am Obststand wie "im Paradies" fühlt, dass er Blätterteigpasteten, Fleischterrinen, Forellen, Hummer, Hammelkeulen, Wachteln, Wildschweine und Käseräder sieht und ausruft: "Ich bin im Schlaraffenland, alles ist da. So viel zu essen, und ich habe gar keinen Hunger, so viel zu trinken, und ich habe gar keinen Durst."

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Wagner und sein Ich-Erzähler schlendern weiter, die Welt wird immer größer, "wer hier einkauft, darf kein Globalisierungsgegner sein", und nach und nach stellt sich heraus, dass das Flanieren durch den Supermarkt den ganzen Roman über dauern wird. Das Bemerkenswerte jedoch ist, dass man sich daran gar nicht stört, dass man als Leser nur allzugern mit dem Erzähler durch die Gänge wandert. Was daran liegt, dass es nicht allein beim Betrachten und Beschreiben der Warenwelt bleibt, beim Schildern der Begegnungen, mit anderen Kunden oder etwa den Wurstfachverkäuferinnen. Und daran, dass der Ton des Erzählers ein so schön sanfter, unaufdringlicher ist, ein Ton, der eine feinsinnige Heiterkeit ob unser aller vergeblicher Lebensanstrengungen ausstrahlt und ebenso eine zarte Melancholie ob der unerbittlich voranschreitenden Zeit.

Es erschließen sich also für den Ich-Erzähler ganz neue Welt- und Lebenszusammenhänge, indem er sich in einem fort an seine Kindheit erinnert: wie er von seiner Mutter Milch holen geschickt wurde. Oder wie er sich in Spielzeugläden nie für etwas entscheiden konnte: "Offenbar habe ich viele Möglichkeiten schon immer für kostbarer gehalten als ein bestimmtes Objekt." Er erinnert sich an seine große Kindergartenliebe Anke Schwarzbeck, die Drogistentochter, "die weggezogen ist, nachdem ihr Vater seine Drogerie schließen musste". Oder an seine Flötenlehrerin, zwischen deren Brüsten er, als er neun oder zehn Jahre alt war, wie unabsichtlich mit seinem Kopf nur allzu gern zu liegen kam. Vor allem aber erinnert er sich immer wieder an seine verlorene Liebe, an L., seine letzte Partnerin. Nach der Trennung von ihr, ihrem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, "bin ich jeden Tag in den Supermarkt gegangen und habe mir, ich vermute, ich wollte mich bestrafen, Tiefkühlpizza gekauft."

Mehr noch als in seinem 2000er Debütroman Meine nachtblaue Hose und seinem letztjährigen Buch Spricht das Kind versteht es David Wagner in Vier Äpfel, die Zeit zu dehnen, neu zu vermessen und seinen Erzähler eine Erinnerungskaskade nach der anderen in Gang setzen zu lassen. Das hat natürlich etwas Proustisches, das gemahnt an die unwillkürlichen Erinnerungen des kleinen Marcel beim Anblick der Weißdornhecken oder beim Stolpern auf den Treppenstufen in Venedig, da vergleicht sich der Erzähler mit einer Biene, "die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich".

Trotzdem ist dieser Erinnerungsakt ein willkürlich herbeigeführter. Der Supermarkt kommt dem einsamen Erzähler gerade recht, um Trauer- und Erinnerungsarbeit zu leisten – und sich dabei auch an den Dingen zu erfreuen oder von ihnen einschüchtern zu lassen: "Kann es sein, dass am Ende unseres Lebens nur ein paar Einkäufe übrig bleiben?" Doch selbst wenn dem so sein sollte, kann Wagner nicht umhin, immer wieder die Dinge, die Waren in Augenschein zu nehmen, sie zu beschreiben, sie größer zu machen, als sie sind, ihnen eine Bedeutung beizumessen, die er direkt mit seinem Leben kurzschließt.

Dabei erkennt er den Supermarkt auch als "den zeitgenössischsten Ausstellungsraum überhaupt". Und dabei entpuppt er sich wie nebenher als ein Mythologe des Alltags, der selbst vor langen Fußnoten nicht zurückschreckt. Er lehnt sich somit kongenial an anderen Großen seiner Zunft an: Wilhelm Genazino zum Beispiel. Oder an dem amerikanischen Schriftsteller Nicholson Baker, dessen Erzählerstimmen man bei Wagner immer mit herauszuhören meint.

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    • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
    • Schlagworte Marcel Proust | David Wagner | Biene | Hummer | Madonna | Roman
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