Das Faszinierende an David Garrett ist: Der Klassikpop-Star glaubt wirklich an das, was er tut. Er lebt das Prinzip Crossover, ist fest davon überzeugt, kulturferne Menschen für die sogenannte ernste Musik begeistern zu können, indem er die schönsten Melodien der Vergangenheit als Chart-Hits präsentiert.

Seine Karriere begann der in Aachen geborene Sohn amerikanisch-deutscher Eltern als Wunderkind. Mit zehn Jahren durfte er seine erste CD einspielen, nahm sogar unter Claudio Abbado auf. Dann aber sagte sich David Garrett von seinen überehrgeizigen Eltern los, ging nach New York , schlug sich alleine durch, auch als männliches Model. Vor allem aber hielt er in Ruhe Zwiesprache mit seinem Instrument, bis er fand, die Zeit sei nun reif für einen zweiten Anlauf. Lange musste er mit seiner Crossover-Idee bei den Plattenfirmen hausieren gehen. Schließlich konnte sich Warner Music dazu durchringen, den wilden Stilmix aus traditionellen Zugaben, Musical-Schnulzen und Rockballaden zu veröffentlichen. Die CD Virtuoso schlug ein wie eine Bombe, der attraktive Geiger wurde durch die Medien gereicht, machte bei Wetten, dass eine gute Figur, plauderte sympathisch in Talkshows und war plötzlich der Hit der Saison. Nachdem die erste CD Goldstatus erreicht hatte, schob er mit Encore eine zweite nach, die es sogar zu Platin brachte.

Immer wird beklagt, dass keiner zu Klassikkonzerten kommt und die Musik ausstirbt. Wenn jemand Talent mitbringt und etwas dagegen tut, wird es aber ignoriert.
David Garrett im Interview

Wie so oft bei extrem erfolgreichen Unterhaltungskünstlern, war der 28-Jährige nicht zufrieden. Er wollte sich neben der Liebe der Massen auch noch die Hochachtung der Kenner erringen. Also spielte er C lassic Romance ein – und geriet zwischen die Stühle. Die Optik nämlich entspricht dem üblichen Beuteschema: Das Hemd aufgeknöpft, ein Totenkopfkettchen umgelegt und die Geige lässig über die Schulter geworfen wie eine E-Gitarre. Garretts PR-Agentur, so vermutete jüngst die Süddeutsche Zeitung sei wohl der Meinung, dass die Jugend "nur das wirklich liebt, was sie auch gerne, nun ja, ficken würde". Das Repertoire aber ist, wie gesagt, diesmal seriös: Tschaikowsky, Dvorak, Elgar, Mendelssohn und Co. – klassisches Kernrepertoire.

Dass sich David Garrett mit Classic Romance kaum neue Kritiker-Freunde machen wird, liegt nicht an seinen technischen Fertigkeiten. Er vermag durchaus, Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert fehlerfrei zu spielen. Als Interpret jedoch ist er tendenziell zu phlegmatisch. Sein Ton ist recht dünn und arm an Klangfarben, was dann doch etwas verwundert, da er ja eine Stradivari sein Eigen nennt. Durch das Fehlen ausgeprägter Spannungsspitzen empfiehlt sich die Aufnahme immerhin als Klangtapete für die gehobene Gastronomie.

Richtig schwierig aber wird es bei den sieben Zugabenstückchen, die auf der CD entgegen der üblichen Praxis vor dem Hauptwerk platziert sind. Denn Garrett hat einige Titel bearbeitet. Dass die Originalpartituren bei unzähligen Wunschkonzerten ihre Publikumswirksamkeit unter Beweis gestellt haben, ist ihm egal. Er spielt Gott, formt sie sich nach seinem Geschmack neu. Mit der verheerenden Folge, dass die Stücke nun klingen wie banale Filmmusik.

Dvoraks Humoreske beispielsweise, die nichts sein will als eine charmante Petitesse, donnert Garrett zum love theme auf: In einem hinzugedichteten Vorspiel zupft die Harfe zu seifigen Liegetönen der Streicher, während zwei Flöten in parallelen Terzen den Motiv-Kopf vorstellen. Über einen superflauschig gemachten Streicherteppich schreitet der Solist dann voran, frei erfundenes Paukengedonner leitet das Orchesterzwischenspiel ein, die Violingruppe geht in treibende Beats über, Garrett drückt auf die Sentiment-Tube, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen, bevor das vergewaltigte Stück in einer extra angefertigten Zuckerguss-Coda mit Fade-Out-Effekt seinen letzten Seufzer tut.

Kitsch, so hat es Theodor W. Adorno zu definieren versucht, ist die Vortäuschung nicht vorhandener Gefühle, die zur Neutralisierung des ästhetischen Phänomens führt. So entsteht Kunst, die nicht ernst genommen werden kann, aber dennoch ästhetischen Ernst postuliert. Vom Wunsch getrieben, die Leute dort abzuholen, wo sie stehen, zerstört David Garrett ohne Not musikalische Strukturen, die von den Komponisten ja nicht aus Jux und Dollerei konzipiert wurden.