Das SZ-Magazin platziert zum Jahreswechsel Warhols Banane auf dem Cover. Die war von unten her schon ganz schön angegammelt. Daneben die Feststellung: "Verfallsdatum abgelaufen. Die Ära des Pop ist vorbei". Pop, so die These, finde auf die drängenden Fragen der Zeit (Klimakatastrophe, Terror, Digitalisierung, Venture-Kapital) keine Antworten mehr. Mit der ewigen Party sei die Welt nicht zu retten.

Als Erstes hat die Spex auf diese Misere reagiert: Das "Magazin für Popkultur" verzichtet von der aktuellen Ausgabe an auf Albumrezensionen. Statt Autoren über neue Platten schreiben zu lassen, ist an derselben Stelle jetzt ein "Pop Briefing" zu finden, bei dem sich die Aufgabe des Deutens und Einordnens gleich mehrere Experten teilen. Diskurspop hat damit nun auch den Popdiskurs erreicht.

Begründet wird dieser Schritt von Chefredakteur Max Dax mit den durch das Internet veränderten Rezeptionsgewohnheiten. Da ein zweimonatlich erscheinendes Magazin mit dem Verbreitungstempo von Blogs nicht mithalten kann, soll nun die Form der Plattenkritik selbst beschleunigt werden, indem eine Gruppe von Kritikern ihr Urteil ohne jedes Formbewusstsein in eine Art schriftliches Round-Table-Gespräch einfließen lässt. "Wir entlasten den Autor von der Aufgabe", schreibt Dax, "die alleingültige Meinung zu einer Veröffentlichung zu liefern."

Dass es der Spex um Deutungshoheit geht, machte von jeher die schillernde Aura des Blattes aus. Allerdings wurde diese Hoheit argumentativ erstritten mit gut geschriebenen, kenntnisreich begründeten Artikeln, die an ihre Autoren den Anspruch stellten, ihr Publikum mit Brillanz zu überraschen. Da erschreckt es schon, mit welcher Chuzpe das linke Vordenker-Medium sich vom angeblichen Ballast "alleingültiger Meinungen" befreien will, indem es seine Leser künftig "brieft" – wie bei einer militärischen Operation. Verlogen ist es überdies, denn das Durcheinander an kontroversen Meinungen folgt nur scheinbar einer kommunikativen Öffnung. Der Leser wird entmachtet. Statt sich mit einer Meinung auseinandersetzen zu können, die sich durch ihren Begründungsaufwand und ihre ästhetische Raffinesse qualifiziert, ist es bei vier Meinungen eigentlich egal, ob man selbst noch eine fünfte hat. The end of Plattenkritik as we know it zementiert damit einen misslichen Trend. Meinungen werden vom Prozess der Meinungsbildung aufgesogen und neutralisiert.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel.)