Antwort: Das ist der springende Punkt. Doch gibt es Anlass zur Hoffnung. Denn die Hoffe- Töchter, zwei Damen über 70, haben offenbar begriffen, dass sie nicht mehr – wie ihre Mutter – lauter Einzelstücke meistbietend verstreuen sollten. Das ist bei dieser kulturellen Bedeutung nicht vertretbar. Es hätte auch nicht die Billigung Brods gefunden. Dessen testamentarischen Wünsche sind zwar widersprüchlich, aber wir wissen, dass ihm das Literaturarchiv in Marbach recht sympathisch war.

Frage: Früher hatte Ester Hoffe als Zeitzeugin des Holocaust Bedenken, mit deutschen Institutionen zu kooperieren.

Antwort: Das war historisch und menschlich völlig verständlich. Aber dass Handschriften von Kafka oder Brod allein aus kommerziellen Gründen in irgendwelchen privaten Tresoren versenkt werden, ist auch nicht zu verantworten. Marbach wäre sicher der richtige Ort für den Brod-Nachlass, weil man dort die Wissenschaftler und die Erfahrung hat im Umgang mit Kafka, Brod und der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte. Dass die Hoffe- Töchter mit Marbach jetzt ernsthaft verhandeln, hat im Israelischen Nationalarchiv irgendwelche Ressentiments oder Begehrlichkeiten geweckt. Dort jedoch fehlen für diese deutschsprachigen Texte aus dem einstigen Kulturraum zwischen Wien, Prag und Berlin die sprach- und milieukundigen Leute. Brod hatte ja schon als junger Mann zahllose Kontakte geknüpft, zu Heinrich Mann, zu Rilke, Schnitzler, Karl Kraus, Wedekind oder zu Komponisten wie Janacek, und er besprach diese Korrespondenzen mit Kafka. Aber das war Jahrzehnte, ehe er nach Palästina kam – hier von israelischem Kulturgut zu sprechen, erscheint mir ganz abwegig. In Israel gibt es heute weder eine Kafka-Gesamtausgabe noch eine einzige Straße, die nach Kafka benannt wäre. Und suchen Sie Brod auf hebräisch, müssen Sie ins Antiquariat gehen.

Frage: In Tel Aviv wird vor Gericht jetzt um die Einsicht in fünf Banksafes gestritten. Passen da 20 000 Seiten Nachlass hinein?

Antwort: Sicher nicht. Ich vermute, sehr vieles liegt noch in Eva Hoffes beiden Wohnungen in Tel Aviv. Bisher verwehren die Schwestern aus Misstrauen gegenüber den prozessierenden Behörden den Zugang; es gab auch schon einen Einbruchsversuch, und man muss Sorge haben, dass der Brod-Nachlass dort in keinem konservatorisch guten Zustand ist. Außerdem gibt es noch Brods Bibliothek: mit Widmungsexemplaren von Kafka und vielleicht sogar Büchern aus Kafkas eigenem Besitz! Das sind Schätze, von denen noch gar nicht die Rede war, weil sich derzeit alles um den absurden Gerichtsstreit um Safeschlüssel und angeblich unentdeckte Kafka-Manuskripte dreht.

Frage: Das konnte Max Brod aber nicht alles 1939 auf der Flucht vor den Nazis im Reisekoffer mitgenommen haben.

Antwort: Nein, das wurde größtenteils versteckt und erst nach 1945 nach Palästina oder später nach Israel verschifft. Es ist eine interessante Frage, was nach 1939 und nach 1945 in Prag geschah. Brods Bruder Otto, der sich zuerst um die Hinterlassenschaft gekümmert hatte, wurde in Auschwitz ermordet. Auch insoweit müsste die Geschichte des geretteten Brod-Nachlasses einmal genauer erforscht werden. Ausgerechnet in Israel versucht man das im Moment juristisch zu behindern, das ist eine fast tragische Pointe.

Frage: Was genau ist eigentlich mit Kafkas Manuskripten geschehen?

Antwort: Brod hatte alles Wesentliche, auch aus dem Kafkaschen Familienbesitz, 1939 gerettet. Die Manuskripte, die ihm nicht selbst gehörten, hat er nach Kriegsende im Auftrag der Kafka-Erben, dreier Nichten, die dem Holocaust entgangen waren, erst in Israel und dann aus Sicherheitsgründen in Schweizer Banksafes bewahrt und 1961 an die Bodleian Library in Oxford gegeben. Das war ein großes Glück und betraf unter anderem die Manuskripte des Schloss-Romans, des Verschollenen und die Tagebücher. Brod selber verfolgte nie irgendwelche materiellen Interessen. Mit der Schenkung des Übrigen an Ester Hoffe begann dagegen die jahrzehntelange Misere.

Frage: Trotzdem ist der Weltkontinent Kafka nicht gerade unerforscht.

Antwort: Es ist aber längst noch nicht alles erkundet! Nur ein Beispiel: Im Brod-Nachlass in Tel Aviv liegen auch etwa 70 Briefe von Dora Diamant an Max Brod.

Frage: Dora Diamant war Kafkas letzte Berliner Freundin, die ihn bis zu seinem Tuberkulose-Tod 1924 im Sanatorium in Kierling bei Wien gepflegt hat.