Antwort: Und ihre Briefe an Brod handeln auch von verschollenen Kafka-Manuskripten.

Frage: Tatsächlich? Es gibt doch noch Unbekanntes von Kafkas Hand?

Antwort: Ja, laut Dora 20 kleine Notizhefte, in die Kafka vor seinem Tod geschrieben hat. Als Kafka starb, nahm Dora Diamant diese Hefte an sich. Max Brod hat in seinen Briefen gleich nach Kafkas Tod immer wieder danach gefragt, aber Dora behielt die Notizen als intimes Andenken in ihrer Berliner Wohnung. Natürlich auch Kafkas an sie gerichtete Briefe.

Frage: Dora war Jüdin, was geschah ab 1933?

Antwort: Sie wurde erst Schauspielerin, dann heiratete sie einen Kommunisten, der von den Nazis verfolgt wurde und in die Sowjetunion floh. Auch Dora ist ihm 1936 gefolgt, aber die Gestapo hat zuvor ihre Berliner Wohnung durchsucht und alles beschlagnahmt, auch die zurückgelassenen Kafka-Papiere. Dora hat ihren Mann, der während Stalins Säuberungen verhaftet wurde und in den Gulag kam, nicht mehr wiedergesehen und ist selber auf abenteuerliche Weise weiter nach London geflohen, wo sie 1952 gestorben ist.

Frage: Und die Kafka-Manuskripte?

Antwort: Die sind verschollen. Doch es gibt vielleicht eine Spur. Eine kalifornische Autorin, die, kein Witz, Kathi Diamant heißt, aber wohl nicht verwandt ist, hat 2003 eine bisher merkwürdigerweise nicht ins Deutsche übersetzte Biographie über Dora geschrieben und dann an der Universität von San Diego ein internationales "Kafka Project" gegründet. Im Sommer 2008 ist sie mit einigen Mitarbeitern nach Tschechien und Polen gefahren und glaubt jetzt Indizien zu haben, dass die von der Gestapo konfiszierten Kafka-Papiere heute in polnischen Archiven liegen. In Krakau oder Warschau.

Frage: Das wäre ja ein Kafka-Hammer. Ein literarisches Bernstein-Zimmer!

Antwort: Mal abwarten. Bisher sind diese Archivbestände blockiert, weil man sich zwischen der Bundesrepublik und Polen noch immer uneins ist über die Rückgabe wechselseitig geraubter Dokumente. Aber vermutlich würden wir genauer wissen, nach was wir dort zu suchen hätten, wenn wir endlich Doras Briefe an Max Brod einsehen könnten. Und das entscheidet sich in Tel Aviv.

Das Gespräch führte Peter von Becker.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 26. Januar)