Weder sprach ein Politiker diese Wendung achtlos in ein Mikrofon, noch war ein von Wortfindungsstörungen geplagter Journalist für das Unwort 2009 verantwortlich. Dieses Mal schlich es sich aus dem Büro eines Baumarktleiters in die Öffentlichkeit. Eine Jury aus Sprachwissenschaftlern erkannte das Empörende und kürte diese Prägung nun zum Schlimmsten, was das vergangene Jahr zu bieten hatte: "betriebsratsverseucht".

Der zynische Begriff setzt den Betriebsrat als Seuchenpfuhl herab. Man stelle sich bloß vor, die Gremiumsmitglieder trügen fürderhin die infektiöse Idee von Arbeitnehmerinteressen durchs Land und behinderten damit den Aufschwung. Sie sind also selbst krank. Verseucht eben. Oder anders, mit der Gruppe Blumfeld gesagt: "Ich fühl' mich komisch und frag' mich, kennst Du das von Dir? Isses akut oder schon chronisch wie bei mir?"

Der offenkundige Blödsinn dieses Unworts mag Aufschluss geben über die Gedanken, die im Halbdunkel mancher Chefbüros herumkriechen. Wo Wachstum und Prosperität dick auf Flipcharts gemalt sind. Und nicht fern liegt auch die überspannte Diagnose, sämtliche Bosse und Unternehmer seien böse und wollten ihre Angestellten am liebsten wie Arbeitsvieh behandeln. Aber ist "betriebsratsverseucht" wirklich das Unwort des Jahres?

So einer Wahl haftet immer etwas von Moralpredigt an, ein Pfui-Deibel gegen sprachliche Missetaten. Es geht letztlich darum, eine Debatte anzustoßen über Unmenschen, Unfug und Unsinn. Fraglich ist, ob es in diesem Fall überhaupt nötig war, denn womöglich hat die Diskussion um Arbeitnehmerrechte ihre Hochphase bereits überschritten: Die Betriebsräte haben in der Finanzkrise einmal mehr ihre Notwendigkeit bewiesen. Nicht einmal die schwarz-gelbe Bundesregierung will gravierend ins Arbeitsrecht eingreifen. Überspitzt gesagt: Wenn über den Sinn von Betriebsräten großer Konsens herrscht, wen stört’s da, wenn ein Filialleiter im Baumarkt das Beinchen hebt?

Zeigte nicht vielmehr ein anderes Wort, wie wenig robust die Konstitution unserer Gesellschaft sein kann? Als Thilo Sarrazin über "Kopftuchmädchen" schimpfte, war das Endlich-sagt-es-mal-einer weitaus lauter – nicht nur rund um die Stammtische und in muffigen Ecken der Republik, sondern auch aus der gesellschaftlichen Mitte.

Doch im Urteil der Sprachjury: kein Wort von diesem Wort. Und im Grunde genommen kann sie so viele Unworte wählen, wie ihr einfallen – ob "Kollateralschaden" (1999) oder "notleidende Banken" (2008) – solange es offenbar möglich ist, dass die Sprache durch Gestalten wie Sarrazin stets aufs Neue die Seuche kriegt. Daran kann auch eine Jury nichts ändern. Nichts an den Ideen, die zu solchen Wörtern führen. Und auch nichts an der Asozialität unserer Gesellschaft, die mal kleiner, aber manchmal auch größer ist.