Italienische Satirekunst Der investigative Komiker
Beppe Grillo nimmt die italienischen Zustände aufs Korn. Das sei keine Satire, sagt er im Interview, "das ist Hyperrealismus".
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Beppe Grillo, Italiens außerparlamentarische Opposition
ZEIT ONLINE: Herr Grillo, Sie touren gerade mit ihrer Show Unglaubliches Italien durch Europa, nach Brüssel, London, Paris kommen Sie jetzt auch nach München. Wie erklären Sie das "unglaubliche Italien"?
Beppe Grillo: Man kann über Italien keine Satire mehr machen. Meine Show ist reiner Hyperrealismus. Wir werden von Zwergen, Showgirls und Freimaurern regiert. Das Aktfoto unserer Gleichstellungsministerin hängt in den Fahrerhäusern der LKW-Fahrer. Wir haben mehr Schulden als Spanien und Griechenland, aber wir tun so, als sähen wir den Abgrund nicht. Das einzige, was in unserem Land wirklich wächst, ist der Schuldenberg.
ZEIT ONLINE: Offenbar haben einige Länder bereits von Italien gelernt.
Grillo: Wir Italiener sind ein Virus, alle lassen sich schnell von uns anstecken. Wir haben die Banken und den Faschismus erfunden. Das italienische Modell färbt auf alle ab: Kaum verbrachte Prinz Charles zehn Tage in Italien, da schrieb er schon einen Brief an den Londoner Bürgermeister, um sich ein bisschen in die Politik einzumischen, obwohl er das gar nicht darf. Sarkozy kommt aus Italien zurück und will sofort seinen Sohn zum Chef einer Raumordnungsbehörde machen, die Milliarden kontrolliert. Die 60-jährige Ehefrau des nordirischen Ministerpräsidenten nimmt sich einen 19-jährigen Geliebten. Fehlt nur noch, dass die Merkel mit einem Mafioso zu Mittag isst.
ZEIT ONLINE: Der als erfolgreicher italienischer Unternehmer daherkommt?
Grillo: Die Mafia ist das größte europäische Unternehmen – mit einem jährlichen Reingewinn von 75 Milliarden Euro. Es gibt in Europa kein einziges Unternehmen, das so viel Gewinn macht. Die Mafia hält sich schon lange nicht mehr mit Morden auf, die Söhne der Mafiosi haben in Harvard studiert. Die Mafia durchdringt das soziale Gewebe eines jeden Landes – und ihr Deutschen habt gegen sie noch keine Immunabwehrkörper entwickelt, ihr glaubt immer noch, dass die Mafiosi mit abgesägten Schrotflinten herumrennen. Wir Italiener sind bereits verloren – aber ihr habt noch eine Chance. Ihr seid so präzise, einen Deutschen kann man daran erkennen, dass er immer einen Stadtplan oder eine Landkarte in der Hand hält. Die prüft er. Er sucht nämlich nicht nach einem Weg, er schaut nur, ob die Karte korrekt ist.
ZEIT ONLINE: In Ihrem Publikum sind viele Italiener, die im Ausland leben.
Grillo: Ja, es sind Wissenschaftler, Doktoranden, Forscher, die mit Tränen in den Augen dastehen. Sie kennen Italien vermutlich besser als die Italiener, die in Italien leben. Wir haben unzählige hoch ausgebildete junge Menschen verloren, Ingenieure, Physiker, Mediziner, Chemiker – Millionen von Italienern, die in der ganzen Welt leben und eigentlich von nichts anderem träumen, als in ein, sagen wir, fast normales Land zurückzukehren.
ZEIT ONLINE: Sie beschränken sich schon lange nicht mehr darauf, nur zu unterhalten. Sie betreiben einen der weltweit erfolgreichsten Blogs und haben jetzt auch eine politische Bewegung gegründet. Hat sie eine Chance?
Grillo: Mit unserer Bewegung „Fünf Sterne“ versuchen wir, einen Funken Hoffnung zu entfachen. Wir sind bereits in 32 Stadträte eingezogen, wir stellen 40 Stadträte in Städten wie Bologna, Ancona, Brindisi, Reggio Emilia.
ZEIT ONLINE: Aber in den großen Tageszeitungen und Fernsehsendern gibt es Ihre Bewegung nicht.
Grillo: Sie verschweigen uns. Aber wir haben das Netz. Auch wenn in Italien alle Parteien versuchen, das Internet zu beschneiden. Jeder bringt sein Gesetzchen ein, um die Server, die Provider, die Filme auf YouTube zu blockieren. Man will den Betreiber eines Blogs strafrechtlich belangen können – es sind absurde Versuche, das Internet zu zensieren.
ZEIT ONLINE: Und trotzdem gibt es in Italien immer noch einige halsstarrige Journalisten, die sich nicht mundtot machen lassen.
Grillo: Wenn du in Italien deine Arbeit als Journalist ernst nimmst, so wie Marco Travaglio, dann bist du sofort ein „Medienterrorist“. Wenn du die Steueramnestie kritisierst, dank der Steuerflüchtlinge und die Mafia im Ausland geparktes Schwarzgeld wieder nach Italien einführen können, dann giltst du als Landesverräter. Und wenn du kritisierst, dass die Regierungsmehrheit das Mafiakronzeugen-Gesetz abschaffen will, dann bist du ein Verleumder.
ZEIT ONLINE: Sie fordern, dass ein Politiker zurücktreten soll, wenn er rechtskräftig verurteilt wurde. Stattdessen hat das Parlament gerade ein neues Immunitätsgesetz verabschiedet.
Grillo: In Italien musst du erpressbar sein, um ins Parlament einzuziehen. Das gilt aber nicht nur für die Politik, sondern auch für alle anderen Bereiche in Italien. Wenn du nicht erpressbar bist, findest du nirgendwo einen Platz. Du musst ein Vergehen begangen haben, du musst ein Experte des Betrugs sein, sonst kannst du in Italien keinen Weg machen. Und das gilt inzwischen auch für ehrliche Leute: Wie kann wirtschaftlicher Wettbewerb entstehen zwischen einem anständigen Unternehmer, der sechzig Prozent Steuern bezahlt, und seinem Konkurrenten, der fünf Prozent bezahlt? Also wird der, der jetzt sechzig Prozent bezahlt hat, im nächsten Jahr nur zehn Prozent bezahlen. Die verbrecherische Kaste zwingt das Land so zu werden wie sie. Und es ist sehr leicht, in diese Falle zu tappen – nicht nur für uns Italiener, auch für euch Deutsche. Denn es ist ein schönes Gefühl, immer straffrei auszugehen. Es ist schön, die Steuer über das Ohr zu hauen. Es ist faszinierend. Du begehst ein Vergehen, wirst entdeckt, profitierst aber von der jüngsten Prozessreform und von der letzten Amnestie – und gehst straffrei aus. Es ist mühsam, ehrlich zu sein.
Das Gespräch führte Petra Reski
- Datum 09.02.2010 - 15:38 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Beppe Grillo ist vor allem und überhaupt Teil von dem unglaublichen Italien, das er selbst erzählen will. Was er vor 5 Jahren vor dem Publikum geschrieen hat ist heute eine solide Lüge (z.B. die Geschichte General Motor, Ferrari und Fiat, ecc.). Sagen wir so… Komischerweise ist auch Grillo ein Vertreter vom Panem et circenses aus Italien…in Deutschland sehr geliebt!
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