Italienische Satirekunst Der investigative KomikerSeite 2/2

Grillo: Mit unserer Bewegung „Fünf Sterne“ versuchen wir, einen Funken Hoffnung zu entfachen. Wir sind bereits in 32 Stadträte eingezogen, wir stellen 40 Stadträte in Städten wie Bologna, Ancona, Brindisi, Reggio Emilia.

ZEIT ONLINE: Aber in den großen Tageszeitungen und Fernsehsendern gibt es Ihre Bewegung nicht.

Grillo: Sie verschweigen uns. Aber wir haben das Netz. Auch wenn in Italien alle Parteien versuchen, das Internet zu beschneiden. Jeder bringt sein Gesetzchen ein, um die Server, die Provider, die Filme auf YouTube zu blockieren. Man will den Betreiber eines Blogs strafrechtlich belangen können – es sind absurde Versuche, das Internet zu zensieren.

ZEIT ONLINE: Und trotzdem gibt es in Italien immer noch einige halsstarrige Journalisten, die sich nicht mundtot machen lassen.

Grillo: Wenn du in Italien deine Arbeit als Journalist ernst nimmst, so wie Marco Travaglio, dann bist du sofort ein „Medienterrorist“. Wenn du die Steueramnestie kritisierst, dank der Steuerflüchtlinge und die Mafia im Ausland geparktes Schwarzgeld wieder nach Italien einführen können, dann giltst du als Landesverräter. Und wenn du kritisierst, dass die Regierungsmehrheit das Mafiakronzeugen-Gesetz abschaffen will, dann bist du ein Verleumder.

ZEIT ONLINE: Sie fordern, dass ein Politiker zurücktreten soll, wenn er rechtskräftig verurteilt wurde. Stattdessen hat das Parlament gerade ein neues Immunitätsgesetz verabschiedet.

Grillo: In Italien musst du erpressbar sein, um ins Parlament einzuziehen. Das gilt aber nicht nur für die Politik, sondern auch für alle anderen Bereiche in Italien. Wenn du nicht erpressbar bist, findest du nirgendwo einen Platz. Du musst ein Vergehen begangen haben, du musst ein Experte des Betrugs sein, sonst kannst du in Italien keinen Weg machen. Und das gilt inzwischen auch für ehrliche Leute: Wie kann wirtschaftlicher Wettbewerb entstehen zwischen einem anständigen Unternehmer, der sechzig Prozent Steuern bezahlt, und seinem Konkurrenten, der fünf Prozent bezahlt? Also wird der, der jetzt sechzig Prozent bezahlt hat, im nächsten Jahr nur zehn Prozent bezahlen. Die verbrecherische Kaste zwingt das Land so zu werden wie sie. Und es ist sehr leicht, in diese Falle zu tappen – nicht nur für uns Italiener, auch für euch Deutsche. Denn es ist ein schönes Gefühl, immer straffrei auszugehen. Es ist schön, die Steuer über das Ohr zu hauen. Es ist faszinierend. Du begehst ein Vergehen, wirst entdeckt, profitierst aber von der jüngsten Prozessreform und von der letzten Amnestie – und gehst straffrei aus. Es ist mühsam, ehrlich zu sein.

Das Gespräch führte Petra Reski

 
Leser-Kommentare
  1. Beppe Grillo ist vor allem und überhaupt Teil von dem unglaublichen Italien, das er selbst erzählen will. Was er vor 5 Jahren vor dem Publikum geschrieen hat ist heute eine solide Lüge (z.B. die Geschichte General Motor, Ferrari und Fiat, ecc.). Sagen wir so… Komischerweise ist auch Grillo ein Vertreter vom Panem et circenses aus Italien…in Deutschland sehr geliebt!

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