Berlinale-Chef Kosslick "Wenn alles schiefgeht, mache ich Yoga"Seite 3/3
Frage: Sie hätten auch mit Rob Marshalls Nine eröffnen können: Jede Menge Stars, und ein Musical über das Filmbusiness!
Kosslick: Vor mehr als einem Jahr hatten wir das auch geplant. Aber der Film ist dann in zu vielen Ländern gelaufen, nicht nur in den USA und in England, sondern auch in Dubai, Griechenland, Israel, Italien. Jetzt haben wir die Deutschlandpremiere bewusst am Ende des Festivals programmiert, da wir mit dieser Art „Remake“ von Fellinis Achteinhalb noch einmal über das Filmemachen nachdenken können. Ein exzellenter Film.
Frage: Sie haben die Gala-Schiene im Friedrichstadtpalast noch einmal ausgebaut. Entwertet das nicht den Wettbewerb?
Kosslick: Das größte und schönste Problem der Berlinale ist, dass wir zu viele Anfragen vom Publikum haben. Okay, wir könnten die Preise erhöhen, aber ich will, dass das Festival für jedermann bezahlbar bleibt. Den Friedrichstadtpalast hatten wir seit Jahren im Auge, für den Fall, dass der Zoo-Palast geschlossen wird. Deshalb haben wir 2009 einen Testlauf gestartet, dann kamen aber gleich 35.000 Leute, und alle waren glücklich. Warum sollen wir damit wieder aufhören?
Frage: Das Festival geht dieses Jahr außerdem in zehn Kiez-Kinos, ins Toni nach Weißensee, ins Union, ins Capitol nach Dahlem ... Ist das nicht anachronistisch? Kinos müssen digital aufrüsten, daran entscheidet sich ihre Zukunft.
Kosslick: Zur Zukunft des Kinos veranstalten wir eine Diskussion in der Neuen Nationalgalerie, unter anderem mit dem Architekten Norman Foster. Es geht uns dabei weniger um Digitalisierung als um die Frage, aus welchen Materialien Kinos gebaut und wie sie ausgestattet sein sollen. Und welche kulturelle und soziologische Funktion werden Kinos künftig haben?
Frage: Cannes hat zuletzt mit Up, einem 3D-Film eröffnet, Avatar ist der absolute Renner im Kino: Verpasst die Berlinale nicht den Zug der Zeit?
Kosslick: Wenn wir einen 3D-Film für den Wettbewerb gefunden hätten, hätten wir ihn gezeigt. Im Markt laufen einige 3D-Filme, in der Astor Film Lounge. Ich habe nichts gegen 3D. Avatar ist die größte Kinowerbung des Jahrhunderts. Aber was das Festival angeht, müssten wir 500.000 Euro investieren, um Dutzende verschiedener E-Cinema-Formate zeigen zu können, und dann stürzt uns wie vergangenes Jahr bei Chéri das System ab. Wir haben anders als bei der Zelluloid-Rolle keine Backup-Kopie. Wir hatten früher pro Jahr höchstens einen Filmriss – im letzten Jahr hatten wir zehn Problemfälle, und es war immer die Elektronik. Übrigens zeigen wir im Berlinale Special den 3D-Film True Legend im Zoo-Palast. Und digitale Projektionen zeigen wir seit Jahren.
Frage: Warum gehen Sie nicht gleich ins Internet? Das ist dann noch mehr Public Viewing als dieses Jahr am Brandenburger Tor.
Kosslick: Downloaden ist wie Grillen: Männersache. Wir übertragen lieber die restaurierte Originalfassung von Metropolis live open air, auch bei 40 Grad unter Null! Die Sache hat noch einen anderen Grund. Es gab die Idee mit dem Vorhang aus Tonnen recyclingfähigen Materials, die wir im Keller haben, Plakate und Riesenposter. Dank der Designerin Christina Kim entwickelte er sich zum Kunstwerk, zur Installation. Das Bild, das von der Berlinale 2010 überdauern soll, soll ein Bild vom Kino sein. Zumal wir beim Vermessen des Brandenburger Tors festgestellt haben, dass dessen Erbauer Carl Gotthard Langhans sich nicht nur an den Goldenen Schnitt gehalten hat, sondern auch an das Kinoformat 16:9. Wenn das kein geheimes Zeichen der preußischen Baumeister an die Berlinale ist!
Das Gespräch führten Christiane Peitz und Christina Tilmann.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 04.02.2010)
- Datum 04.02.2010 - 11:51 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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