Salzburger Osterfestspiele Das Festival als Selbstbedienungsladen
Ein handfester Finanzskandal vergällt die Vorfreude auf die Salzburger Osterfestspiele: Der Geschäftsführer und der Technikchef sollen Millionen unterschlagen haben.
In wenigen Wochen beginnen die Salzburger Osterfestspiele. Dann wallen sie wieder zum Kunstgenuss ins Große Festspielhaus, die Reichen und Schönen. Auf dem Programm steht eine Neuinszenierung von Richard Wagners Götterdämmerung, dirigiert von Sir Simon Rattle. Doch die Vorfreude auf das Hochglanzfestival ist in diesem Jahr sehr getrübt. Die Osterfestspiele und auch das noch berühmtere Sommerfestival, die Salzburger Festspiele, stecken in einem Finanzskandal, der dem Ränkespiel von Menschen und Göttern um Macht und Moneten in Wagners Ring nicht nachsteht.
Der Casus begann im Dezember recht unauffällig mit der plötzlichen Entlassung von Michael Dewitte, seit zwölf Jahren Geschäftsführer der Osterfestspiele, dem von Herbert von Karajan gegründeten Festival der Berliner Philharmoniker in Salzburg. Im Januar dann der nächste Paukenschlag. Jetzt traf es Klaus Kretschmer, den langjährigen, renommierten Technikchef der Salzburger Festspiele. Erstmals wurde von "finanziellen Unregelmäßigkeiten" geraunt und von unzulässigen Verquickungen des Oster- und Sommerfestivals, die formal voneinander getrennte Institutionen sind. Kretschmers Rausschmiss erregte Aufsehen in der österreichischen Presse, die allerlei unappetitliche Details zutage förderte. Zuletzt soll er sogar einen Selbstmord versucht haben. Der Mann mit dem kecken Haarzopf liegt seither mit schweren Verletzungen im Krankenhaus.
Am gestrigen Mittwoch konnte man während einer Pressekonferenz in Salzburg eine fassungslose Landeshauptfrau erleben. Gaby Burgstaller, die Regierungschefin des österreichischen Bundeslandes Salzburg und geschäftsführende Präsidentin der Osterfestspiele, präsentierte den Schlussbericht einer Sonderprüfung der Osterfestspiele. Sie erhob schwere Vorwürfe nicht nur gegen Dewitte und Kretschmer, sondern auch gegen zwei renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und weitere Personen, die den Skandal gedeckt haben könnten.
Es gehe um ungerechtfertigt einbehaltene Sponsorengelder, fragwürdige Provisionszahlungen, ungenehmigte Gehaltssteigerungen und Unterschlagungen bei Spesenabrechnungen. Darüber hinaus seien Zahlungen an Firmen ohne konkrete Leistungsnachweise geleistet worden. Burgstaller bezifferte den möglichen Schaden für die Osterfestspiele auf mehr als zwei Millionen Euro. Mittlerweile stehe "der Verdacht der Untreue oder gar des Betrugs im Raum", sagte die SPÖ-Politikerin. Sie schimpfte über eine "Unkultur der Selbstbedienung", die nicht in die Kulturberichterstattung gehöre, sondern "in den Bereich der Wirtschaftskriminalität". Jetzt sei die Justiz am Zuge. Die Salzburger Staatsanwaltschaft hat allerdings noch keine offiziellen Ermittlungen aufgenommen. Die von den Osterfestspielen und den Salzburger Festspielen eingereichten Unterlagen würden derzeit auf ihre strafrechtliche Relevanz geprüft, sagte eine Sprecherin am Donnerstag.
Im Zentrum der Vorwürfe steht Dewitte, der sich, falls die Vorwürfe zutreffen, offenbar über Jahre hinweg schamlos bereichert hat. Beim "größten Brocken der vermuteten Unregelmäßigkeiten" (Burgstaller) handelt es sich um Provisionszahlungen auf Sponsoreneinnahmen, die sich Dewitte laut dem Prüfungsbericht "ohne vertragliche und rechtliche Grundlage" auszahlen ließ. So soll der frühere Osterfestspielchef unter anderem einen Betrag in Höhe von 300.000 Euro von der Spende eines russischen Musikfreundes für sich abgezweigt und auf das Konto einer "nach allen vorliegenden Informationen nicht existierenden Firma mit Sitz in der Karibik und eine Kontoverbindung im türkischen Nordzypern" überwiesen haben.
Die Wirtschaftsprüfer fanden auch Hinweise darauf, dass Dewitte in den Jahren 2001 bis 2009 mehr als eine halbe Million Euro zuviel Gehalt bezogen hat. Darüber hinaus ist von enormen Reise- und Repräsentationskosten die Rede. Das alles wohlgemerkt für ein Festival, das nur zehn Tage dauert und in diesem Jahr neben einer Übernahme der Götterdämmerung vom Festival d’Aix-en-Provence (zwei Vorstellungen) gerade mal sechs Orchester- und drei Kammerkonzerte präsentiert, wenn auch zu Höchstpreisen von bis zu 510 Euro.
- Datum 04.02.2010 - 17:01 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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