Leipziger Buchpreis Hysterie, Gerüchte und Erleichterung

Die Atmosphäre auf der Leipziger Buchmesse ist angespannt: Georg Klein gewinnt den Buchpreis, aber im Rampenlicht steht Helene Hegemann.

Auf seiner Website hat Georg Klein eine Rubrik mit dem Titel Fremde Federn. Um Plagiatsfälle oder andere literarische Fehlbarkeiten geht es da nicht, vielmehr findet man dort Texte des Schriftstellers über Bücher von Kollegen, Rezensionen und Essays. Klein, geboren 1953 in Augsburg und heute in Ostfriesland heimisch, ist bereits ein dekorierter Autor. 1999 erhielt er den Brüder-Grimm-Preis, im Jahr 2000 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Am Donnerstag ist ihm der mit 15.000 Euro dotierte Belletristrik-Preis der Leipziger Buchmesse zuerkannt worden. Klein war mit seinem Roman unserer Kindheit ins Finale gekommen, einer Geschichte aus den sechziger Jahren, als die Nachkriegszeit noch lange nicht zuende war. Die Juroren beendeten eine Zitterpartie: Was wäre geschehen, hätte die skandalbehaftete Helene Hegemann mit ihrem Kindheitsbuch den Sieg davongetragen?

Schon am Mittag war die Atmosphäre merkwürdig aufgeladen an diesem ersten Leipziger Messetag in der Halle 4 – nicht zu vergleichen mit dem gewohnten Treiben, dem Geplaudere des Komikers Michael Mittermeier auf dem Blauen Sofa ("Ich bin froh, Vater eines Mädels zu sein") oder dem optimistischen Ausblick, den der Verleger Christoph Links in der Halle 5 im Sachbuchforum wagt: "Zukunft erfinden. Kreative Projekte in Ostdeutschland".

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In der Halle 4 aber beim "Leipzig liest Forum" hat die Vorstellung der Nominierten für den Leipziger Buchpreis noch gar nicht begonnen. Hier muss noch ein Mikrofon befestigt, dort eine Frisur richtig gelegt werden, da drängeln sich die Fotografen schon in großer Anzahl vor der kleinen Bühne. Sie wollen Anne Weber, Lutz Seiler, Georg Klein, Jan Faktor und die beiden moderierenden Jurymitglieder Volker Weidermann und Ina Hartwig ablichten, vor allem aber: Helene Hegemann, Autorin des umstrittenen Bestsellers Axolotl Roadkill.

Kaum sind Jan Faktor und Lutz Seiler befragt worden, kaum hat man sich über die seltsame Formulierung "wunderbare Ostbiografien" gewundert, die Ina Hartwig den beiden aus der ehemaligen DDR stammenden Schriftstellern attestiert, weil sie unter anderem als Maurer, Zimmermann und Schlosser gearbeitet haben, lädt sich die Stimmung noch mehr auf, als Helene Hegemann an der Reihe ist. Gleich als erstes wird sie nämlich gefragt, wie sie die Axolotl-Roadkill-Debatte empfunden habe? Ja, was soll sie darauf antworten? Als schlimm natürlich, als einen Beleg dafür, dass der "Presse-Medien-Betrieb" ein Haifischbecken sei und "es darin überhaupt nicht seriös zugehe, so mein Eindruck". Und zwischendrin sagt sie: "Ich bin jetzt im übrigen gerade wahnsinnig aufgeregt".

Leser-Kommentare
  1. Es ist unglaublich, wie viele Kulturschaffende (gerade aus dem Bereich der Literatur) anscheinend immer noch dem Irrglauben anhängen, ein Text entspringe voll und ganz dem literarischen Genie des Einzelnen. Dabei handelt es sich bei diesem Kulturmythos doch sogar um eine relativ junge Entwicklung, die in etwa mit dem 18. Jahrhundert zu voller Blüte gelangte.
    Mittelalterliche Autoren z.B. sahen oft keinerlei Notwendigkeit, ihren Werken den eigenen Namen anzuheften - und taten sie es doch, erwähnten sie ausdrücklich, dass der Plot nicht ihrer eigenen Vorstellung entsprungen sei, sondern sich auf äußere Quellen stütze - selbst, wenn diese Quellen erst erfunden werden mussten.
    Und überzeitliche Meisterwerke wie die Ilias und die Odyssee entspringen nachweislich aus einem kollektiven (und mündlichen) Schaffensprozess, der letztendlich nur von einer Einzelperson "veredelt" wurde.

    Kurzum: die Vorstellung vom "geistigen Eigentum" und der individuellen Schöpfungskraft des Einzelnen mag tief in unserer westlichen, kapitalistischen Gesellschaft verwurzelt sein - aber ein hypothetischer Text, der sich nur auf sich selbst bezieht (anstatt aus einem reichen Fundus an anderen Erzählstoffen zu schöpfen) wäre vermutlich ebenso langweilig wie unverständlich.

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    Was für ein bornierter Kommentar! Genialität entspringt immer einer eigenen Quelle. Erst dann sind Überschneidungen oder Gemeinsamkeiten Zufall oder sogenannte "Intertextualität" - schones neues schwammiges Wort....

    Wenn Hegemanns Roman von Intertextualität lebt, warum wurde nicht von Anfang an darauf aufmerksam gemacht? Bin gespannt auf den 2. Versuch der Autorin, wird es wieder ein "Geniestreich an Intertextualität" werden?

    Was für ein bornierter Kommentar! Genialität entspringt immer einer eigenen Quelle. Erst dann sind Überschneidungen oder Gemeinsamkeiten Zufall oder sogenannte "Intertextualität" - schones neues schwammiges Wort....

    Wenn Hegemanns Roman von Intertextualität lebt, warum wurde nicht von Anfang an darauf aufmerksam gemacht? Bin gespannt auf den 2. Versuch der Autorin, wird es wieder ein "Geniestreich an Intertextualität" werden?

  2. ... mal auch so locker mit den (geltenden) Urheberrecht sehen würden, wenn ihr "geistiges Eigentum" ungefragt und unauthorisiert verwertet würde, wären ganze Armadas an Rechtsanwälten arbeitslos.

  3. 3. Danke!

    @ Jan-Erik Ella
    Das war jetzt auch mal dringend nötig, dass außerhalb der Diskussion zu HH jemand hier einen "Klartext" zur Intertextualität gebracht hat. Mir voll aus dem Literaturfreund-Herzen gesprochen.

  4. Was für ein bornierter Kommentar! Genialität entspringt immer einer eigenen Quelle. Erst dann sind Überschneidungen oder Gemeinsamkeiten Zufall oder sogenannte "Intertextualität" - schones neues schwammiges Wort....

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    Der Begriff der Intertextualität wurde bereits 1964 von Julia Kristeva geprägt, und hat seitdem Einzug in die Literatur- und Kulturwissenschaft gehalten.

    Wie sagte es Roland Barthes so schön? "Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unterschiedlichen Stätten der Kultur. […] Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen."

    Wenn wir HH als Plagiatorin anprangern, müssten wir die Liste der "geistigen Diebe" um unzählige literarische Größen der Vergangenheit erweitern - und würden uns dabei keinesfalls auf die Antike und das Mittelalter beschränken müssen.

    Shakespeare, Cervantes, Goethe, Coleridge, Brecht, Joyce, Thomas Mann...

    Diese Liste ist mich Sicherheit beliebig erweiterbar.

    Der Begriff der Intertextualität wurde bereits 1964 von Julia Kristeva geprägt, und hat seitdem Einzug in die Literatur- und Kulturwissenschaft gehalten.

    Wie sagte es Roland Barthes so schön? "Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unterschiedlichen Stätten der Kultur. […] Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen."

    Wenn wir HH als Plagiatorin anprangern, müssten wir die Liste der "geistigen Diebe" um unzählige literarische Größen der Vergangenheit erweitern - und würden uns dabei keinesfalls auf die Antike und das Mittelalter beschränken müssen.

    Shakespeare, Cervantes, Goethe, Coleridge, Brecht, Joyce, Thomas Mann...

    Diese Liste ist mich Sicherheit beliebig erweiterbar.

  5. Wenn Hegemanns Roman von Intertextualität lebt, warum wurde nicht von Anfang an darauf aufmerksam gemacht? Bin gespannt auf den 2. Versuch der Autorin, wird es wieder ein "Geniestreich an Intertextualität" werden?

  6. Und wo ist die Quelle in mir?
    Mal ein kleines Beispiel von einem ganz Großen:

    "Vom Vater hab ich die Statur,
    Des Lebens ernstes Führen,
    Vom Mütterchen die Frohnatur
    Und Lust zu fabulieren.
    Urahnherr war der Schönsten hold,
    Das spukt so hin und wieder;
    Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
    Das zuckt wohl durch die Glieder.
    Sind nun die Elemente nicht
    Aus dem Komplex zu trennen,
    Was ist denn an dem ganzen Wicht
    Original zu nennen?" (Goethe, Xenien
    Und so funkltioniert das auch gewissermaßen mit der Intertextualiät! Von nix kommt nix. Nix hören, nix sehen, nix sprechen , nix lesen... kommt nix bei raus.

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    Tja, wer kein so genanntes Genie ist oder sich noch nie genauer mit mit dem Ursprung des Begriffes Genialität beschäftigt hat, weiß eben nur mit Zitaten zu antworten!

    Tja, wer kein so genanntes Genie ist oder sich noch nie genauer mit mit dem Ursprung des Begriffes Genialität beschäftigt hat, weiß eben nur mit Zitaten zu antworten!

  7. Der Begriff der Intertextualität wurde bereits 1964 von Julia Kristeva geprägt, und hat seitdem Einzug in die Literatur- und Kulturwissenschaft gehalten.

    Wie sagte es Roland Barthes so schön? "Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unterschiedlichen Stätten der Kultur. […] Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen."

    Wenn wir HH als Plagiatorin anprangern, müssten wir die Liste der "geistigen Diebe" um unzählige literarische Größen der Vergangenheit erweitern - und würden uns dabei keinesfalls auf die Antike und das Mittelalter beschränken müssen.

    Shakespeare, Cervantes, Goethe, Coleridge, Brecht, Joyce, Thomas Mann...

    Diese Liste ist mich Sicherheit beliebig erweiterbar.

    Antwort auf "Borniert"
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    Einverstanden: Kein Text aus sich selbst heraus entstehen. Doch die Diskussion um HH und ihr Buch beinhaltet weniger das Thema Intertextualität als das Thema Plagiatismus. Meine Frage: Gibt es zwischen diesen beiden Begriffen (dh. zwischen dem was sie beinhalten) eine Grenze? Ich gehöre zu denen, die das bejahen. Dennoch lehne ich diesen Roman nicht völlig ab. Er regt zur Diskussion an. Intertextualität oder Plagiatismus. Oder beides? Oder keines von beiden?

    • TDU
    • 19.03.2010 um 22:12 Uhr

    D. H. ich brauche nur vieles zu lesen und kann ein Schriftsteller werden?.

    Wenn ich eine Idee von etwas habe und das beschreiben will, ist die doch nichts wert, wenn es nicht meinen eigenen Worte sind oder etwa doch. Bediene ich mich fremder Worte kann ich nicht den Anspruch erheben, meine Idee in eigene Worte zu fassen und stellt sich damit auch die Frage, ob es noch meine Idee ist.

    Da mir die Aufzeichnung der eigenen Wort aber nicht so gelingt, dass ich damit meine Idee beschreiben könnte, werde ich kein Schriftsteller.

    Aber eine Idee, wie ich aus zwei Büchern ein Drittes machen könnte, habe ich schon.

    Auf die Musik bezogen bedeutet die Ansicht Barthes übrigens, dass jede Komposition ein Plagiat ist.

    Einverstanden: Kein Text aus sich selbst heraus entstehen. Doch die Diskussion um HH und ihr Buch beinhaltet weniger das Thema Intertextualität als das Thema Plagiatismus. Meine Frage: Gibt es zwischen diesen beiden Begriffen (dh. zwischen dem was sie beinhalten) eine Grenze? Ich gehöre zu denen, die das bejahen. Dennoch lehne ich diesen Roman nicht völlig ab. Er regt zur Diskussion an. Intertextualität oder Plagiatismus. Oder beides? Oder keines von beiden?

    • TDU
    • 19.03.2010 um 22:12 Uhr

    D. H. ich brauche nur vieles zu lesen und kann ein Schriftsteller werden?.

    Wenn ich eine Idee von etwas habe und das beschreiben will, ist die doch nichts wert, wenn es nicht meinen eigenen Worte sind oder etwa doch. Bediene ich mich fremder Worte kann ich nicht den Anspruch erheben, meine Idee in eigene Worte zu fassen und stellt sich damit auch die Frage, ob es noch meine Idee ist.

    Da mir die Aufzeichnung der eigenen Wort aber nicht so gelingt, dass ich damit meine Idee beschreiben könnte, werde ich kein Schriftsteller.

    Aber eine Idee, wie ich aus zwei Büchern ein Drittes machen könnte, habe ich schon.

    Auf die Musik bezogen bedeutet die Ansicht Barthes übrigens, dass jede Komposition ein Plagiat ist.

  8. Tja, wer kein so genanntes Genie ist oder sich noch nie genauer mit mit dem Ursprung des Begriffes Genialität beschäftigt hat, weiß eben nur mit Zitaten zu antworten!

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