Pat Metheny im Konzert Zirzensisches KlangabenteuerSeite 2/2


Gegenüber der Orchestrion-CD wirkt die Welt, die Metheny hier zwischen Pattern-Musik im Stil von Steve Reich und Fusionjazz errichtet hat, deutlich mechanischer. Die minimale Verzögerung zwischen Impuls und Ton macht aber auch den Charme des Imperfekten aus. Und wenn einige Perkussionsgenossen im Gebälk dieser auf Präzision geeichten Maschinerie ziemlich unkontrolliert herumzucken, zeigt sich, wie sehr das Orchestrion bei allem Drive, den es entwickelt, ein zirzensisches Abenteuer ist, das im Übrigen gar nicht leugnet, dass es ganz anders ausgehen würde, wenn ein lebendiger Schlagzeuger wie Antonio Sanchez Metheny jagen würde.

Ein Abenteuer aber ist es, vor allem wenn Metheny mit dem Zauberstab seiner Gitarre noch einmal frei improvisierend an die Maschinerie rührt. "Mr. Fingercymbals is my liaison with the rest of the cats", sagt er. Tatsächlich geben die winzigen, in Bodennähe vor sich hinklappernden Becken allen anderen Instrumenten den Takt vor, während er Schicht um Schicht von der Gitarre diktierte Loops im Orchestrion übereinanderlegt.

Als Rausschmeißer nach über zweieinhalb Stunden erwacht darin Methenys Sueño con Mexico von seiner Solo-CD New Chautauqua (1978) zu neuem Leben. Es soll dies, darauf legt Metheny wert, nicht die Zukunft der Musik sein. Nehmen wir es deshalb schlicht als ein Stück wunderlich erfüllter Gegenwart.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 4. März 2010)

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe Metheny in München gesehen und hatte einen ganz anderen Eindruck: Stolz wie ein kleiner Junge vor der Eisenbahn stand der Mann vor seinem Orchestrion, und man kann ihmr ja nun wirklich nicht böse sein. Wer selbst sagt, dass man über sein neues Spielzeug auch lachen darf, der hat damit natürlich die Lacher auf seiner Seite. Und wenn er freimütig bekennt, dass das Orchestrionprojekt im Kern nichts anderes ist als das gute alte Overdubbing - allerdings (Zitat): ins Extrem gesteigert -, dem kann man jedenfalls nicht vorwerfen, dass er irgendjemandem etwas vormachen möchte. Der vielleicht sympathischste Moment war dann auch der, als "die Maschinen" für einen kurzen Moment versagten - unverstärkt hören sich die Saiten einer elektrischen Gitarre halt schon sehr leise an -, Metheny aber, ganz Profi, der er ist, die Übersicht nur für einen kurzen Moment verlor: bis ihm seine Gitarrenfachfrau vom Bühnenrand etwas zurief und der Meister den richtigen Schalter fand, den er zuvor wohl versehentlich falsch bestätigt hatte.
    Allerdings hatte ich auch im Konzert, genauso wie beim Hören der CD, den Eindruck, dass Metheny hier in eine Sackgasse gerät: Der Mann braucht andere Herausforderungen, als sich selbst. Genauer: die Herausforderung(en) anderer Musiker. Damit käme er sicher weiter als hier, da er sich maschinell klont wie einst Kraftwerk im Roboterland - und im selbstverliebten Ringelpietz mit Anfassen um nichts als die eigene Achse kreist.

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