Netrebko & Barenboim "Wer zu sehr auf seine Stimme achtet, wird verrückt"

Der Zauber russischer Romanzen: ein Gespräch mit Anna Netrebko und Daniel Barenboim über Champagner auf der Opernbühne, Rolando Villazons Rückkehr und Tschaikowskys Traurigkeit.

Jugenderinnerungen: Daniel Barenboim und Anna Netrebko in der Berliner Philharmonie

Jugenderinnerungen: Daniel Barenboim und Anna Netrebko in der Berliner Philharmonie

Frage: Frau Netrebko, Sie sind inzwischen so berühmt, dass Sie singen können, was Sie wollen – der Saal ist in jedem Fall ausverkauft. Ihre Sängerkollegin Cecilia Bartoli nutzt ihren Starstatus seit langem, um vergessenes Repertoire wieder ans Licht zu bringen. Machen Sie sich jetzt zur Botschafterin des unbekannten russischen Repertoires?

Anna Netrebko: Die Idee gefällt mir gut, doch so einfach ist das nicht. Denn viele Menschen kennen die Mitschnitte jener Konzerte, in denen ich kurze Röcke trage, Arien singe, in denen das Wort Champagner vorkommt und am Ende meine hochhackigen Schuhe ausziehe, um zu tanzen. Genau das wollen sie immer wieder von mir sehen. Sonst sind sie enttäuscht.

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Frage: Wenn Daniel Barenboim Sie aber einlüde, russische Raritäten an der Staatsoper Berlin zu singen wie Tschaikowskys Iolante?

Daniel Barenboim: Anna kann frei über mich und dieses Opernhaus verfügen.

Frage: Gibt es denn konkrete Pläne?

Barenboim: Wir haben eine Menge Projekte.

Frage: Russische Musik?

Anna Netrebko

Anna Netrebko ist derzeit wohl die weltweit bekannteste Opernsängerin. Der kometenhafte Aufstieg der 1971 in Krasnodar geborenen Russin begann 2002, als sie bei den Salzburger Festspielen die Donna Anna in Mozarts Don Giovanni sang. An der Seite von Rolando Villazon feierte die Sopranistin 2005 als Traviata in Salzburg einen weiteren Triumph.In Berlin wurde sie unter anderem für ihre Interpretation der Manon von Jules Massenet an der Staatsoper bejubelt.

Daniel Barenboim

Daniel Barenboim ist seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Zusammen mit Anna Netrebko präsentierte Barenboim am 29. März in Berlin ein Programm mit russischen Romanzen. Der Kultursender Arte strahlt den Mitschnitt des Auftritts in der Philharmonie am 18. April um 19.15 Uhr aus.

Netrebko: Nein. Er hat mich zwar gebeten, die Tatjana in Eugen Onegin zu singen, aber meine Stimme ist noch nicht bereit dafür.

Frage: Bei den Festtagen der Staatsoper Unter den Linden war das Traumpaar der Oper wieder zu erleben, allerdings nicht am selben Abend: Rolando Villazon sang in Onegin, Sie haben den Liederabend gegeben. Wann werden Sie wieder gemeinsam auf der Bühne stehen?

Netrebko: Unser Management arbeitet daran.

Frage: Was lässt sich aus der Stimmkrise von Rolando Villazon lernen?

Netrebko: Er hatte ja ein gesundheitliches und kein Stimmproblem. So etwas kann jedem passieren. Rolando ist ein Künstler, der jeden Abend alles fürs Publikum gibt. Darum lieben ihn die Leute.

Barenboim: Wir Pianisten haben es einfacher, denn unser Instrument befindet sich außerhalb unseres Körpers, ist unabhängig, hat eigene Beine. Sänger dagegen können keinen Klavierstimmer rufen. Für den Pianisten besteht die größte Herausforderung darin, eins mit seinem Instrument zu werden. Sänger dagegen müssen es schaffen, Körper und Stimme zu trennen, vor allem auch psychologisch, um sich nicht zum Sklaven der Stimmbänder zu machen.

Netrebko: Ich versuche, überhaupt nicht daran zu denken, dass ich mein Instrument 24 Stunden am Tag mit mir herumtrage. Wenn man zu sehr auf die Stimme achtet, wird man verrückt.

Frage: Müssen Dirigenten einschreiten, wenn sie sehen, dass ein Sänger dabei ist, seine Stimme zu überanstrengen?

Netrebko: Das würden sie niemals tun!

Frage: Sprechen wir über den Pianisten Daniel Barenboim. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm bei der Vorbereitung ihres russischen Romanzen-Abends?

Barenboim: Soll ich rausgehen?

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