Musikgeschichte Champagner für Mozart
Das Wolferl, ein hungerndes, frierendes Genie? Von wegen: Mozart verdiente umgerechnet 150.000 Euro im Jahr und gab 17 Prozent davon für Gaumenfreuden aus.
© Sean Gallup/Getty Images

Wolfgang Amadeus Mozart auf einem Gemälde seines Zeitgenossen Johann Georg Edlinger. Das Bild entstand ungefähr 1790, ein Jahr vor Mozarts Tod
Die Wissenschaft hat festgestellt: Mozart war doch nicht arm. Er hat nur über seine Verhältnisse gelebt. Die schäbige Vorstadtbleibe seiner zehn Wiener Jahre ab 1781, in denen auch die Jupiter-Symphonie entstand, war in Wahrheit eine Siebenzimmerwohnung mit einem Stall für zwei Pferde. Und sein durchschnittliches Jahreseinkommen von 5000 Gulden entspricht schätzungsweise der heutigen Summe von 150.000 Euro.
Das jedenfalls hat ein 24-köpfiges Team um den Salzburger Mozartforscher Günther G. Bauer in fünfjähriger Recherchearbeit nun akribisch nachgewiesen (Mozart. Geld, Ruhm und Ehre, Bock Verlag). Zum Vergleich listet der Forscher Joseph Haydn mit 2000 Gulden auf, einen Universitätsprofessor mit 300, einen Schulmeister mit 22 und Mozarts Dienstmädchen mit 12 Gulden pro Jahr.
Wolferls Lebensstil: aristokratisch. Das Drama vom bettelarmen Genie, das hungernd, frierend und röchelnd auf dem Sterbebett an seinem Requiem-Hit komponiert, um dann ungeleitet im Armengrab verscharrt zu werden: alles Musikgeschichtsklitterung. In Wahrheit hat der Mann Champagner getrunken und überhaupt 17 Prozent seiner Einkünfte für Gaumenschmaus und Trinkgelage ausgegeben. Die Musikgeschichte, seufz, muss umgeschrieben werden.
Aber klingt die Jupiter-Symphonie anders, wenn wir wissen, dass ihr Schöpfer weniger Wasser als Wein trank? Es ist ähnlich wie bei der Spinatfrage und anderen populären Irrtümern. Dass Spinat doch nicht viel Eisen enthält, Vitamin C doch keine Erkältung verhindert, die Sonne sich nicht um die Erde dreht und früher nicht unbedingt alles besser war, ändert allenfalls unsere Einbildungskraft. Plötzlich schmecken Spinat und Orangen nicht mehr ganz so supergesund und die Erde, diese Scheibe, krümmt sich beim Sonnenuntergang auf einmal sehr deutlich am Horizont hinter dem Meer.
Der Mensch mag Irrtümer gerne. Rechthaber sind meistens auch Machthaber, und der Irrtum kippt die Besserwisser der Welt von ihren Sockeln. Filmstudiogründer Harry M. Warner meinte in den zwanziger Jahren, kein Zuschauer interessiere sich im Kino für sprechende Schauspieler. Eine Fachzeitschrift sagte 1949 voraus, die Computer der Zukunft würden höchstens 1,5 Tonnen wiegen. Berühmt auch die Politikernummer mit der gesicherten Erkenntnis über Massenvernichtungswaffen im Irak. Man lacht, man erschrickt, man liest, schaut und hört noch mal nach.
Kolumbus hielt Amerika anfangs für Indien: Irrtümer bringen die Menschheit weiter. Ähnlich wie der Zweifel sind sie die fröhlichen Anarchisten im Wissensbetrieb. Nichts ist sicher, keine Erkenntnis ist in Stein gemeißelt, nicht mal die eigene. Es lohnt sich, die Welt jeden Tag neu zu erfinden. Ich irre mich, also bin ich. Mozart war doch nicht arm? Die Entführung aus dem Detail, ein Akt der Befreiung.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 7. April 2010)
- Datum 07.04.2010 - 09:19 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Ich hatte seinerzeit in Athen -wohl infolge unfreiwilliger Auflösung der Bibliothek der Deutschen Schule- das Buch "Mozarts deutscher Weg" erstanden, in dem W.A.Mozart in einer Art von Tagebuch über seine Kinder- und Jugendjahre, auch ersten Berufsjahre..berichtet.
Mozart scheint die Begriffe "Armut". "Entbehrung"..nie gekannt -noch weniger erlebt- zu haben. Und deshalb kann es durchaus sein, dass er kraeftig über seine Verhaeltnisse gelebt hat. Schliesslich hatte er engen Kontakt zu seinem Brotherrn, den Kaiser, und musste wohl dementsprechend auftreten, schon um seine Rivalen auszustechen. Es kommt hinzu, dass seine Frau -dem Tagebuch nach zu schliessen- ein verschwenderisches Leben führte und dadurch erheblich dazu beitrug, die finanziellen Möglichkeiten zu missachten.
So oder so - die Welt verdankt ihm ein musikalisches Gut, das der klassischen Musik den weiteren Aufstieg ermöglicht, zumindest erheblich dazu beigetragen hat.
Offensichtlich haben die Musikhistoriker Mozarts späte Bettelbriefe für bare Münze genommen. Es tut seinem Genie jedoch keinen Abbruch, wenn wir feststellen müssen, dass er zeitlebens ein Schnorrer war. Zweifellos hat dieser unerfreuliche Charakterzug schon im unsteten Wanderleben der frühen Kindheit seinen Ursprung, als man ihn als Wunderkind durch ganz Europa schleppte. Als er mit der Mutter nach Paris reiste, berichtete er dem Vater stolz, wie viele goldene Uhren er unterwegs ergattert hatte. Dass jemand, der viel hat, noch mehr haben möchte, kommt uns eigentlich recht modern vor.
Schlecht recherchierter Artikel auf Klatschpresse-Niveau. Das Bild zeigt den Münchner Kaufmann J. A.Steiner. Auch wenn Mozart nie arm war, es gab Zeiten, wo seine Aufträge/Einkommen schwankten. Krankheit konnte in dieser Zeit fehlender Sozialversicherung Ruin bedeuten. Schulden waren alltäglich. Wer weiß, wer sonst von Mozart finanziell profitiert hat, der als freigiebig galt. Von Gelagen zu sprechen ist reichlich übertrieben. Leider nehmen die Leute offensichtlich immer noch Formans "Amadeus" für bare Münze! Wolferl wurde Mozart nur als Kind gerufen. Er selbst nannte sich Wolfgang Amadé Mozart (nie Amadeus!). Die „schäbige Vorstadtbleibe seiner 10 Wiener Jahre seit 1781" – Mozart ist in Wien über 10 Mal je nach Einkommen umgezogen. Das Buch will die Lebenshaltungskosten zu Mozarts Zeit veranschaulichen. Fakt ist, dass er bei seinem Tod kaum Geld hinterließ. Evtl. waren missglückte Geldgeschäfte schuld. Über seine Frau sind kaum Fakten bekannt. Nach Mozarts Tod verstand sie es, sich finanziell abzusichern. Sie war es, die Mozarts musikalischen Nachlass ordnete und relativ geschlossen verkaufte. Ihr ist es zu danken, dass Mozarts Erbe nicht in alle Winde verweht wurde. Sie als Verschwenderin hinzustellen entbehrt jeglicher Grundlage. In einem Brief beklagt sich Mozart bei seinem Vater, dass er anstatt des erwarteten Geldgeschenkes für die Weiterreise wieder eine Uhr bekommen habe. Von Angabe kann keine Rede sein. Warum er also ein Schnorrer sein soll, ist unverständlich.
Wir schnorren von Mozart, nicht er von uns. Musiker, Musikverlage, Plattenfirmen, Künstler, Gema, Rundfunkanstalten.
Wieviele Arbeitsplätze hat Mozart im Laufe der letzten 250 Jahre geschaffen und erhalten. Vergleichen wir mit staatlichen Beschäftigungsprogrammen, sprechen die Zahlen für sich.
Mozart wußte, was den Menschen fehlte, weil es ihm selber fehlte.
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