Die Wissenschaft hat festgestellt: Mozart war doch nicht arm. Er hat nur über seine Verhältnisse gelebt. Die schäbige Vorstadtbleibe seiner zehn Wiener Jahre ab 1781, in denen auch die Jupiter-Symphonie entstand, war in Wahrheit eine Siebenzimmerwohnung mit einem Stall für zwei Pferde. Und sein durchschnittliches Jahreseinkommen von 5000 Gulden entspricht schätzungsweise der heutigen Summe von 150.000 Euro.

Das jedenfalls hat ein 24-köpfiges Team um den Salzburger Mozartforscher Günther G. Bauer in fünfjähriger Recherchearbeit nun akribisch nachgewiesen (Mozart. Geld, Ruhm und Ehre, Bock Verlag). Zum Vergleich listet der Forscher Joseph Haydn mit 2000 Gulden auf, einen Universitätsprofessor mit 300, einen Schulmeister mit 22 und Mozarts Dienstmädchen mit 12 Gulden pro Jahr.

Wolferls Lebensstil: aristokratisch. Das Drama vom bettelarmen Genie, das hungernd, frierend und röchelnd auf dem Sterbebett an seinem Requiem-Hit komponiert, um dann ungeleitet im Armengrab verscharrt zu werden: alles Musikgeschichtsklitterung. In Wahrheit hat der Mann Champagner getrunken und überhaupt 17 Prozent seiner Einkünfte für Gaumenschmaus und Trinkgelage ausgegeben. Die Musikgeschichte, seufz, muss umgeschrieben werden.

Aber klingt die Jupiter-Symphonie anders, wenn wir wissen, dass ihr Schöpfer weniger Wasser als Wein trank? Es ist ähnlich wie bei der Spinatfrage und anderen populären Irrtümern. Dass Spinat doch nicht viel Eisen enthält, Vitamin C doch keine Erkältung verhindert, die Sonne sich nicht um die Erde dreht und früher nicht unbedingt alles besser war, ändert allenfalls unsere Einbildungskraft. Plötzlich schmecken Spinat und Orangen nicht mehr ganz so supergesund und die Erde, diese Scheibe, krümmt sich beim Sonnenuntergang auf einmal sehr deutlich am Horizont hinter dem Meer.

Der Mensch mag Irrtümer gerne. Rechthaber sind meistens auch Machthaber, und der Irrtum kippt die Besserwisser der Welt von ihren Sockeln. Filmstudiogründer Harry M. Warner meinte in den zwanziger Jahren, kein Zuschauer interessiere sich im Kino für sprechende Schauspieler. Eine Fachzeitschrift sagte 1949 voraus, die Computer der Zukunft würden höchstens 1,5 Tonnen wiegen. Berühmt auch die Politikernummer mit der gesicherten Erkenntnis über Massenvernichtungswaffen im Irak. Man lacht, man erschrickt, man liest, schaut und hört noch mal nach.

Kolumbus hielt Amerika anfangs für Indien: Irrtümer bringen die Menschheit weiter. Ähnlich wie der Zweifel sind sie die fröhlichen Anarchisten im Wissensbetrieb. Nichts ist sicher, keine Erkenntnis ist in Stein gemeißelt, nicht mal die eigene. Es lohnt sich, die Welt jeden Tag neu zu erfinden. Ich irre mich, also bin ich. Mozart war doch nicht arm? Die Entführung aus dem Detail, ein Akt der Befreiung.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 7. April 2010)