Peter Schneider "Ja, gerade Propheten irren sich"

Peter Schneider wird 70. Ein Gespräch über ’68, Deutschland und Amerika, die Menschenpflicht – und das schlechte Gedächtnis der Schriftsteller.

Frage: Herr Schneider, das Ich-Sagen ist in Ihrem Werk etwas sehr Politisches, vor allem in Ihrem autobiografischen 68er-Buch Rebellion und Wahn. Woher rührt dieser Gestus: Ich bin Zeitgeschichte?

Peter Schneider: In einer meiner frühen Rezensionen, da war ich kaum älter als 20, entschied ich mich für das Ich – weil ich fand, Rezensionen sind subjektiv. Im Literaturbetrieb war das aber verboten. In der Studentenbewegung entstand dann das programmatische Wir, darin ging ich fast unter, wie viele andere auch. Ein Wir schreibt ja nicht, schreiben kann nur ein Ich. Erst in Lenz, meinem ersten Roman, wagte sich das Ich wieder hervor. Es war eine Befreiung vom Denken im Verein – was ja wohl immer noch eine Lieblingstätigkeit der Deutschen ist.

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Frage: Hat Ihr fast manisches Tagebuchschreiben damals Sie vor diesem Verein bewahrt?

Schneider: Als ich in die politische Arbeit eintauchte, war für mich an literarisches Schreiben nicht mehr zu denken. Man vergisst heute, wie misstrauisch die neue Linke gegenüber der Kultur war. Das Tagebuch hielt mich bei mir. Leider habe ich darin Politisches kaum festgehalten; umso mehr dafür Liebeskummer, Gefühle des Versagens und des Zorns. Über Triumphe schreibt man eher selten – dabei ist es doch das Schönste, wenn jemand Glück beschreiben kann. Das können nur wenige, Goethe in seinen Gedichten, Brecht in seinen Buckower Elegien.

Kurzbiografie

Peter Schneider, am 21. April 1940 in Lübeck als Sohn eines Dirigenten und Komponisten geboren, wuchs in Freiburg auf und war einer der führenden Köpfe der Berliner Studentenbewegung. Sein erster Roman "Lenz" (1973) wurde zu einem Kultbuch der Linken. Neben Romanen, Erzählungen und Drehbüchern (unter anderem für Margarethe von Trottas "Das Versprechen") verfasst er Essays, über Deutschland, die Demokratie, die Wende und, seit seinen zahlreichen Gastdozenturen in den USA, auch über Amerika. Der Schriftsteller lebt in Berlin.

Werk

Seine wichtigsten Werke: "Der Mauerspringer" (1982), die Erzählung "Vati" (1987), die Wende-Romane "Paarungen" (1992) und „Eduards Heimkehr“ (1999)“ und zuletzt "Skylla" (2005) sowie das autobiografische 68er-Buch "Rebellion und Wahn" (2008). Schneider hat gerade ein Theaterstück mit Songs über die Finanzkrise verfasst, "Rette sich, wer kann", frei nach der „Dreigroschenoper“. Er plant einen Roman über die unmittelbare Nachkriegszeit in Südbayern.

Frage: Akteur sein und gleichzeitig Beobachter, das ist auch nicht einfach.

Schneider: Man muss das trennen: Wer schreibt, muss alles infrage stellen, auch seine politischen Leidenschaften. Der Versuch, den Leser zu dirigieren, ihn auf eine Lösung einzuschwören, ergibt in aller Regel schlechte Literatur. Das sollte einen Schriftsteller aber nicht daran hindern, nach seiner Arbeit Flugblätter zu verfassen, in zugigen Wahllokalen feurige Reden zu halten und die Politiker herauszufordern. Schriftsteller sind Bürger genau wie Taxifahrer, Lehrer oder Wissenschaftler. Sie dürfen und sollen ihre Meinung kundtun. Man sollte nur nicht denken, dass sie kompetenter sind als andere Bürger.

Frage: Der engagierte Schriftsteller ist aber ein Auslaufmodell in Deutschland.

Schneider:  Die Autorität der Intellektuellen hat nach dem Mauerfall sehr gelitten. Mit Recht, denn wenn die Deutschen auf ihre Intellektuellen in Ost wie West gehört hätten, hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben. Auch ich war in diesem Punkt lange Zeit vernagelt. Zwar kann ich mich rühmen, den Fall der Mauer vorausgesagt zu haben, und zwar im Sommer 1989 in der New York Times. Aber das gute Stück endete mit einem naseweisen Schlusssatz: dass es die neue Freiheit nur geben könne, wenn die Deutschen sich von der Idee der Wiedervereinigung verabschiedeten. Ja, gerade Propheten irren sich.

Frage: Irrtümer, haben Sie einmal geschrieben, gehören zum Besten, was Intellektuelle zum Fortschritt beizutragen haben. Das Erschrecken über sich selbst, warum ist das wichtig?

Schneider: Man muss sich seiner Irrtümer nicht schämen, aber man sollte sich für sie interessieren. Wer seine Irrtümer nicht zugibt, geht ja von der verrückten Vorstellung aus, dass es möglich sei, ein ganzes Leben lang recht zu haben. Wir können uns der Wahrheit nur nähern, indem wir uns irren. Deswegen verstehe ich bis heute nicht, warum Politiker wie Intellektuelle immer aus der Haut fahren, wenn man sie auf einen eklatanten Irrtum hinweist. Wer seine Irrtümer vertuscht, begibt sich außerhalb eines Menschenrechts und einer Menschenpflicht: sich selber und den eigenen Blick auf die Welt zu ändern. Allerdings will ich nicht verschweigen, dass es Irrtümer gibt, die unverzeihlich sind.

Leser-Kommentare
  1. "Man vergisst heute, wie misstrauisch die neue Linke gegenüber der Kultur war."
    Die "neue Linke" hat ihre damalige Haltung nicht geändert.

  2. "Man vergißt heute, wie mißtrauisch die neue Linke gegenüber der Kultur war."
    Die "neue Linke" hat ihre damalige Haltung nicht geändert.

  3. Liebe Amanda Donata,
    meine Überschrift ist einer tragischen kollektiven Verdrängung geschuldet, von der auch Peter Schneider sprach.
    Sie ist weder komisch noch ein Denkfehler, sondern Anklang an ein Zitat, dessen Quelle Sie hier finden:

    http://www.franz-josef-de...

    Antwort auf
    • hagego
    • 23.04.2010 um 15:39 Uhr

    Partylöwe,

    da ich ganz kurz reingehört habe: Vielen Dank für das "Klassenkampffutter" des Franz Josef Degenhardt!

    Wunderbar!

    Wer singt eigentlich heute noch solche Lieder? Oder sind die Schmuddelkinder zu Gunsten des Deutschen Reinheitsgebotes ausgestorben?

    ,-)

    • hagego
    • 23.04.2010 um 16:38 Uhr

    Zunächst: "Herzlichen Glückwunsch, Herr Schneider!"

    Endlich sagt mal ein Linker, er sei intolerant. Ja - und so wie dieser Satz ummantelt wird, verstehe ich das. Intolerant kann man ruhig sein... - z.B. gegen Intoleranz!

    Ansonsten sind einseitige Betrachtungen immer eher langweilig und auf Dauer auch unaufrichtig. Mit 20 Jahren haben mich andere Dinge interessiert als mit 30!

    Ich mag doch auch nicht alle Sozis, obwohl ich der Partei näher stehe als anderen Parteien. Und anderherum: Einige Konservative sind doch kluge und gebildete Köpfe ("8. Mai-Rede 1985")! Ich muss doch nicht per se gegen diese Menschen sein, weil mir die Konservativen oftmals zu sehr im Gestern unterwegs sind.

    Russland ist nicht mehr nur kommunistisch. Die USA sind andererseits aber auch keine reiner Kapitalisten-AG. Hier eine etwas differenziertere Betrachtung vorzunehmen, ist vornehmlich auch die Aufgabe eines Intellektuellen.

    Und dieses kritische Schauen auf die Wirklichkeit zeichnet m.E. Peter Schneider bis heute aus. Nicht schwarz. Nicht weiß. Nein, er sieht auch die Grau-Nivellierungen. Das macht ihn persönlich glaubwürdig und eröffnet zugleich auch immer die Möglichkeit, vom Hauptweg mal auf ein paar verschlungene Nebenwege zu gelangen. Mit 30 betrachtet man die Welt anders als später, mit 40 oder 50. Das leuchtet doch auch ein. Man hat halt wesentlich mehr und vielleicht sogar neuere Erfahrungen gemacht.

    Schriftsteller haben u.a. die Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen!

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