Die klassische Trennung zwischen Bühne und Zuschauer hebt Rimini Protokoll auf © Milan Radovanovic/Rimini Protokoll

ZEIT ONLINE: Ihre aktuelle Inszenierung Best Before stellt ein Video-Spiel im Theaterraum nach. Die Zuschauer spielen ein Spiel, in dem sie über persönliche, gesellschaftliche und politische Fragen in ihrer neuen Welt Bestland entscheiden. Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Helgard Haug: Wir waren fasziniert von Menschen, die intensiv Computerspiele spielen, die ganz in diese virtuellen Welten abtauchen, und haben uns gefragt: Was bist du für ein Mensch, wenn du spielst? Und es war der Wunsch von uns, eine neue Form des interaktiven Theaters finden.

ZEIT ONLINE: Die Zuschauer spielen in diesem Stück ein besondere Rolle: Die Zuschauer gestalten das Stück mit. Die Interaktion des Publikums ist zwar nicht neu, aber ist sie neu für Ihre Form des Theaters?

Haug: Es gibt zewi Stränge, an denen wir arbeiten. Zum einen an Bühnenproduktionen, bei denen es die klassische Trennung von Publikum und dem Bühnengeschehen gibt. Zum anderen versuchen wir immer wieder mit dem Publikum rauszugehen. Call Cutta war solch ein Projekt. Die Leute sind per Telefon von Call-Center-Mitarbeiter aus Kalkutta durch Berlin navigiert worden oder auch Hauptversammlung, eine Einladung zur Daimler-Hauptversammlung an 200 Theaterbesucher. Best Before verbindet diese beiden Stränge, belässt den Theaterzuschauer in den heimischen Räumen und verbindet ihn aber mit einer Technik, die ihn zum Hauptdarsteller eines Stücks macht, ohne dass er sich selbst dazu auf die Bühne stellen muss.

ZEIT ONLINE: Wie sieht diese Interaktion des Publikums in Best Before genau aus?

Haug: Jeder Zuschauer, der reinkommt, hat an seinem Platz einen Game-Controller, der zum Einsatz kommt, sobald das Spiel beginnt. Jeder Zuschauer wird durch eine kleine, zweifarbige Blase dargestellt. Die kann mit dem Controller auf unserer virtuellen Bühne, eine großen Projektionsfläche, gesteuert werden. Im Spieljargon wird sie als "Actor" bezeichnet. Jeder Zuschauer kann einen Actor auf der Bühne manipulieren ...

ZEIT ONLINE: … man könnte auch Avatar sagen. Denn die Idee ist ja ähnlich wie bei Sim City oder Secondlife: der Avatar als der virtuelle Repräsentant in einer simulierten Gesellschaft, die stark an die realistische Lebenswelt der Zuschauer angelehnt ist.

Haug: Genau. Mit diesem Actor, Avatar oder Repräsentant lernt man als Zuschauer umzugehen und dabei den Controller einzusetzen. Dann wird man geboren und – das ist das Prinzip des Spieles – fängt an, individuelle Entscheidungen zu treffen: Möchte ich ein Mann sein oder eine Frau? Möchte ich, dass alle das gleiche Startgeld haben? ? Individuelle Fragen also – aber auch solche, die das Spiel und die sich formende Gesellschaft betreffen und bei denen mehrheitlich abgestimmt wird.

Die Fragen sind entlang des fortschreitenden Alters angesetzt – mit zehn Jahren entscheide ich eher darüber, ob mein Actor eine Leseratte sein soll oder ein Computerspieler, mit 23 wähle ich einen Präsidenten und kann ihn anschließend in einer Revolution stürzen, exekutieren oder ins Exil schicken...

ZEIT ONLINE: Jede Entscheidung hat also Konsequenzen.

Haug: In diesem Fall für die Berufswahl – ohne moralisch zu sein. Am Anfang steht der Spaß des Spiels. Man trifft aus Spiellust heraus Entscheidungen, die dann später bestimmte Wege versperren oder öffnen.