Vuvuzelas Weltmeisterliche Röhren

Die Fußball-WM schafft, was Stockhausen und Ligeti immer versucht haben: Vuvuzelas öffnen den Massen die Ohren und befreien sie vom Zwang zur Harmonie.

Wer aus der Vuvuzela einen Ton bekommen will, muss auf die richtige Lippenspannung achten

Wer aus der Vuvuzela einen Ton bekommen will, muss auf die richtige Lippenspannung achten

Vierteltontrauben in sich überlagernden Metren. Musique pure , polyrhythmisch, Karlheinz Stockhausen nannte es "intuitive Musik". Figurativ ist sie kein bisschen, diese zweimal 45 Minuten lange kollektive Klangflächenkomposition, sie schwillt vielmehr an und ab, mit minimalistisch sich verschiebender Tonhöhe und suggestiv schwankender Dezibelstärke.

Die weltmeisterlichen Vuvuzela-Konzerte sind ein Fest für die Neue Musik. Ihre Glissandi und Sekundakkordcluster entgrenzen das Hören – der Klang wird hier zum Raum: György Ligetis Atmosphères als Ein-Ton-Symphonie der Zigtausend. Adorno irrte doch, als er die Regression des Hörens beklagte und feststellte, dass die gute alte Dur-Moll-Tonalität aus unseren wohltemperierten Hirnen einfach nicht wegzukriegen ist: Die Vuvuzela befreit auch all jene vom Zwang der Harmonie, die Serielle Musik für die Bezeichnung einer Klassik-Aboreihe halten.

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Das Blasinstrument gehört zur Hauptgruppe 4, zu den Aerophonen, den Luftklingern. Untergruppe Naturtrompeten, Unter-Untergruppe Röhrentrompeten (ohne Mundstück). "Der Wind", schreiben Erich M. Hornbostel und Curt Sachs in ihrem Lexicon der Musikinstrumente von 1914, "erhält durch Vermittlung der schwingenden Lippen des Bläsers stoßweisen Zutritt zu der in Vibration zu setzenden Luftsäule", vulgo: Tröööt.

Musikethnologen verweisen darauf, dass ein geübter Spieler der zylindrischen, ursprünglich aus Tierhorn oder Bambusholz gefertigten afrikanischen Signaltrompete sehr wohl eine Vielzahl von Tönen zu entlocken versteht. Durch Überblasen, also speziellen Blasdruck samt Lippenspannung, werden die Natur-, sprich: Obertöne zum Klingen gebracht, die Oktave, die Quinte, die Superoktave, die große Terz und so weiter. Und die ganz Gewieften, die die Renaissancetechnik des Clarinspiels beherrschen, der allein mittels Lippenstellung bewerkstelligten Tonhöhenvariation, können gar regelrechte Melodien anstimmen.

Wer hingegen, wie beim Alphorn, dem australischen Didgeridoo oder der israelischen Schophar (Jericho!) die Zirkularatmung zur Anwendung bringt, also die Luft bei gleichzeitiger Nasenatmung durch den Mund strömen lässt, der kann jenen Dauerton auch alleine erzeugen, der schon in der Antike kriegerischen oder kultischen Zwecken diente. Das Horn, in welches der Mensch stößt, ist schon immer ein Instrument höherer Gewalt gewesen.

Aus dem Tagesspiegel vom 15. Juni 2010 .

 
Leser-Kommentare
  1. ...kann man nichts machen. Aschewolken und Klangwolken sind Naturereignisse. Das muß man hinnehmen.

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    Ich finde es ein wenig heftig und anmaßend, ein Kulturgut einer anderen Kultur mit einer Naturkatastrophe wie einem Vulkanausbruch zu vergleichen.

    Ich finde es immer wieder amüsant, die Spiele zu sehen und sowohl Spieler als auch Trainer aller Nationen irritiert über den Platz laufen zu sehen.

    Südafrika ist Gastgeber dieses Turniers und als solches haben wir als Gäste die kutlurellen Geflogenheiten zu achten und zu respektieren.

    Oder wollen sie sich beim Public-Viewing die Fahne verbieten lassen, weil die Person hinter ihnen sich dadurch gestört fühlt?!

    Ich finde die Südafrikaner haben eine erfrischende und ausgelassene Art und Weise ihren Fussball zu feiern, wenn ich mir dagegen die rythmischen, zombiegleichen Grölchöre in deutschen Stadien anschaue...naja sagen wir, Intelligenz steckt da nicht dahinter.

    Nehmt die Dinge so hin wie sie sind und respektiert andere Kulturen auch wenn ihr sie nicht versteht!
    Und wen es nervt, der kann statt Fussball-WM ja auch immer noch den Tatort gucken, denn die Vuvuzela abzuschaffen oder zu verbieten ist keine Option!

    Ich finde es ein wenig heftig und anmaßend, ein Kulturgut einer anderen Kultur mit einer Naturkatastrophe wie einem Vulkanausbruch zu vergleichen.

    Ich finde es immer wieder amüsant, die Spiele zu sehen und sowohl Spieler als auch Trainer aller Nationen irritiert über den Platz laufen zu sehen.

    Südafrika ist Gastgeber dieses Turniers und als solches haben wir als Gäste die kutlurellen Geflogenheiten zu achten und zu respektieren.

    Oder wollen sie sich beim Public-Viewing die Fahne verbieten lassen, weil die Person hinter ihnen sich dadurch gestört fühlt?!

    Ich finde die Südafrikaner haben eine erfrischende und ausgelassene Art und Weise ihren Fussball zu feiern, wenn ich mir dagegen die rythmischen, zombiegleichen Grölchöre in deutschen Stadien anschaue...naja sagen wir, Intelligenz steckt da nicht dahinter.

    Nehmt die Dinge so hin wie sie sind und respektiert andere Kulturen auch wenn ihr sie nicht versteht!
    Und wen es nervt, der kann statt Fussball-WM ja auch immer noch den Tatort gucken, denn die Vuvuzela abzuschaffen oder zu verbieten ist keine Option!

  2. fast ohne bewegung, so im stadium sitzen sehe,denke ich an den spruch mit den zaunlatten.nichts fuer ungut.....

  3. Diese Vuvuzelas sind nicht traditionell, sondern ausschließlich von Marketingfirmen erfunden. Und sie sind eine Plage. Den ganzen Tag höre ich hier die Tröten, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und ehrlich gesagt ist da, was ich damit verbinde, auch nicht Fußball, sondern Ruhestörung.

  4. Ich finde es ein wenig heftig und anmaßend, ein Kulturgut einer anderen Kultur mit einer Naturkatastrophe wie einem Vulkanausbruch zu vergleichen.

    Ich finde es immer wieder amüsant, die Spiele zu sehen und sowohl Spieler als auch Trainer aller Nationen irritiert über den Platz laufen zu sehen.

    Südafrika ist Gastgeber dieses Turniers und als solches haben wir als Gäste die kutlurellen Geflogenheiten zu achten und zu respektieren.

    Oder wollen sie sich beim Public-Viewing die Fahne verbieten lassen, weil die Person hinter ihnen sich dadurch gestört fühlt?!

    Ich finde die Südafrikaner haben eine erfrischende und ausgelassene Art und Weise ihren Fussball zu feiern, wenn ich mir dagegen die rythmischen, zombiegleichen Grölchöre in deutschen Stadien anschaue...naja sagen wir, Intelligenz steckt da nicht dahinter.

    Nehmt die Dinge so hin wie sie sind und respektiert andere Kulturen auch wenn ihr sie nicht versteht!
    Und wen es nervt, der kann statt Fussball-WM ja auch immer noch den Tatort gucken, denn die Vuvuzela abzuschaffen oder zu verbieten ist keine Option!

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    ...falls Mißverständnis: Das Blasen der Vuvuzela ist ein Naturereignis. Wie alle kulturellen Errungenschaften. Die man hinnehmen soll, ja hinnehmen muß. Ich habe nichts gegen die Vuvuzela - ganz im Gegenteil.

    ...falls Mißverständnis: Das Blasen der Vuvuzela ist ein Naturereignis. Wie alle kulturellen Errungenschaften. Die man hinnehmen soll, ja hinnehmen muß. Ich habe nichts gegen die Vuvuzela - ganz im Gegenteil.

    • oannes
    • 15.06.2010 um 15:06 Uhr

    Ich habe vorgestern, als "Nichtfußballfan", 10 min Fußball im Fernshen angeguckt.
    Nach 5 min war ich von dem Dauergetröte absolut genervt, nach 10 min soweit, dass ich abgeschaltet habe und am liebsten dem Nachbarn an den Kragen gegangen wäre, weil der so ein Ding in seiner Wohnung benutzt.
    Lärm macht bekanntermaßen krank - da hilft auch das Gesülze über "Kulturgut" nichts.

    Ich schlage vor, wir ( die Lärmgeplagten), kaufen uns ein paar von diesen Deppentröten, finden heraus wo die Hersteller und Vertreiber wohnen und blasen ihnen wöchentlich für ein paar Stunden einen.

  5. ...falls Mißverständnis: Das Blasen der Vuvuzela ist ein Naturereignis. Wie alle kulturellen Errungenschaften. Die man hinnehmen soll, ja hinnehmen muß. Ich habe nichts gegen die Vuvuzela - ganz im Gegenteil.

  6. Ein Plastikrohr made in China ist ein Kulturgut? Beim Fußballspiel, welches bekanntermaßen ja ebenfalls ein urafrikanisches Kulturgut ist?

    Es mag ja sein dass es in Südafrika zufällig mal eine Signaltrompete gab die so ähnlich aussieht, aber in Österreich stellen sie sich ja auch keine Alphörner ins Stadion und nerven alle mit dem Getute.

    Nich alles was sich in den letzten Jahren irgendwo etabliert hat muss dauernd eingesetzt werden, selbst Dinner for One macht an Sylvester gelegentlich Pausen!

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    Früher war dieses Horn mal ein Signalhorn der Nomadenstämme, aber im afrikanischen Fussball hat sich die Vuvuzela seit Jahren etabliert, genauso wie hierzulande Rasseln, Klappern und die allseitsbeliebten mit Druckluft betriebenen Hörner, die wie ich mir zu schätzen erlaube um ein zehnfaches lauter sind.
    Die Vuvuzela gehört nunmal zur Fussballkultur dazu, wie für uns Deutsche Fahnen, Schals und schmantige Jeansjacken mit hunderten von Vereinsaufnähern der letzten 50 Jahre.
    Gehen sie mal ins Stadion von Dortmund oder Schalke und propagieren sie das Verbot dieser Gegenstände!
    Wenn sie diese Aktion überleben, berichten sie mir bitte von den Reaktionen.
    Ich bin persönlich nun wahrlich kein Fussballfan und werde mit Sicherheit noch so meinen Spass haben, wenn vor meinem Fenster tausende Autos hupend vorbeifahren während ich an meiner Abschlussarbeit schreibe.

    Man kann nicht alles verbieten was einem nicht in den Kram passt, schon gar nicht wenn es um die Kultur eines Landes oder einer Art und Weise den Fussball zu zelebrieren.

    Und glauben sie mir, wie gerne würde ich bis zum Anschlag betrunkene, grölende, stinkende, schmantige, dreckige, ungepflegte und rüpelhaft dreißte Fussballfans aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verbannen!!

    Ich fahre regelmäßig mit dem Regionalexpress durch das Ruhrgebiet, Mönchengladbach, Gelsenkirchen, Duisburg usw..Dagegen sind Vuvuzelas eine willkommene Erholung.

    Früher war dieses Horn mal ein Signalhorn der Nomadenstämme, aber im afrikanischen Fussball hat sich die Vuvuzela seit Jahren etabliert, genauso wie hierzulande Rasseln, Klappern und die allseitsbeliebten mit Druckluft betriebenen Hörner, die wie ich mir zu schätzen erlaube um ein zehnfaches lauter sind.
    Die Vuvuzela gehört nunmal zur Fussballkultur dazu, wie für uns Deutsche Fahnen, Schals und schmantige Jeansjacken mit hunderten von Vereinsaufnähern der letzten 50 Jahre.
    Gehen sie mal ins Stadion von Dortmund oder Schalke und propagieren sie das Verbot dieser Gegenstände!
    Wenn sie diese Aktion überleben, berichten sie mir bitte von den Reaktionen.
    Ich bin persönlich nun wahrlich kein Fussballfan und werde mit Sicherheit noch so meinen Spass haben, wenn vor meinem Fenster tausende Autos hupend vorbeifahren während ich an meiner Abschlussarbeit schreibe.

    Man kann nicht alles verbieten was einem nicht in den Kram passt, schon gar nicht wenn es um die Kultur eines Landes oder einer Art und Weise den Fussball zu zelebrieren.

    Und glauben sie mir, wie gerne würde ich bis zum Anschlag betrunkene, grölende, stinkende, schmantige, dreckige, ungepflegte und rüpelhaft dreißte Fussballfans aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verbannen!!

    Ich fahre regelmäßig mit dem Regionalexpress durch das Ruhrgebiet, Mönchengladbach, Gelsenkirchen, Duisburg usw..Dagegen sind Vuvuzelas eine willkommene Erholung.

  7. Ich empfande den Artikel übrigens als feingeistige Ironie, auch wenn mein Geist nicht fein genug sein mag um jede Anspielung darin zu begreifen.

    Aber "entgrenzendes Hören" und "befreiung vom Zwang zur Harmonie" klingen in meinen Ohren doch (wenn auch liebevoll) ironisch

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