Melt-Festival Optimiere dich selbst

Bin ich im Trend? Das Melt-Musikfestival bei Dessau führt ins Herz der Biopolitik: Das Publikum arbeitet hier an seinem sozialen Status und pflegt sein kulturelles Kapital.

Das Festivalpublikum nimmt Abschied vom verantwortungsvollen Subjekt: Masken über alles!

Das Festivalpublikum nimmt Abschied vom verantwortungsvollen Subjekt: Masken über alles!

Die erste Neuerung, die dieses Jahr ins Auge sticht, sind die Leute in blauen T-Shirts mit Festival-Logo auf der Brust und der Aufschrift auf dem Rücken: "Ich bin freiwillig hier!" Freiwillig? Wer wäre denn nicht freiwillig hier? Die Musikliebhaber, die aus Schweden und Schottland anreisen, weil das Elektro-Festival bei Dessau mit seinem ausgesuchten Programm europaweit als Geheimtipp gilt? Die Künstler, die vom stilsicheren Publikum schwärmen und von der einzigartigen Atmosphäre unter den alten Förderbaggern des Industrieparks Ferropolis? Oder die Journalisten, die neueste Entwicklungen aufspüren und Poptheorien spinnen wollen? Wir sind doch alle freiwillig hier.

Doch den Melt Volunteers, die Flyer verteilen und Besuchern den Weg zeigen, muss man das wohl extra auf den Rücken schreiben. Sie sind Studentinnen, Auszubildende, Dauerpraktikanten, das Fußvolk der Kreativindustrien. Sechs Stunden arbeiten sie hier täglich, Festivalticket und Verpflegung sind ihnen Bezahlung genug. Der größte Lohn scheint allerdings im Versprechen des Dabeiseins zu liegen. Teil des Events zu sein, nicht als Konsument mit Campingticket, sondern als Produzent mit Schlafplatz nahe bei den Bühnen am See.

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Die Digitalisierung hat das Bedürfnis nach geteilten, "echten" Erfahrungen befeuert, heißt es immer, wenn es um den boomenden Livemusikmarkt geht oder um Public Viewing zur WM. Doch warum ist jenes Gefühl des Dabeiseins so wichtig geworden? Die Logik der Berichterstattung verlangt es, dieses Gefühl zu reproduzieren, indem die Höhepunkte des Wochenendes nacherzählt werden. Etwa das Set des Kritikerlieblings Kode 9 auf der Strandbühne am Samstagmorgen; die vornehme Show der New-Order-Epigonen Hurts aus Manchester, Schnösel im Anzug mit Opernsänger; die lässig-verspulte Show von Rapper Dendemann; oder jene neue mediale Live-Erfahrung in der Show von Chris Cunningham, dessen Musikvideos für Aphex Twin oder Björk aus den Neunzigern sich ins Pop-Gedächtnis eingebrannt haben, auf drei Bildschirmen, angeordnet wie die Flügel eines Altars.

Nun ist das Pressebüro des Festivals voller Berichterstatter, die in Blogs, Fotos und Videos umgehend online stellen, was passiert, und das Gefühl des Dabeiseins nach draußen tragen. So schafft sich das Event seine eigene Berichterstattung. Was bleibt da dem Kulturreporter? Viele Feuilletonleser dürften die Melt-Musiker ohnehin kaum kennen. Und: Sind Spezialfragen wie jene, ob The XX mit ihrem entschleunigten Mitternachts-Set auf die Hauptbühne passten oder nicht, wirklich relevant?

Popkritik ist ins Hintertreffen geraten. Seit bald drei Jahren diskutiert sie intensiv ihr Relevanzproblem. Bevor die Musik über das Internet direkt vom Künstler zum Hörer kommen konnte, durfte der Kritiker mitentscheiden über die Abwertung etablierter und die Durchsetzung neuer Künstler. Heute, wo der Musikkonsum sich vom Tonträger gelöst hat und im Live-Ereignis aufgeht, bleibt nur das Hinterherrennen. So entstehen Texte, die immer neu die Konsumentenperspektive fortschreiben. Dabei geht es vielleicht gerade um die Ablösung vom Urteil über gut und schlecht.

Popfeuilleton im Live-Zeitalter könnte vor allem zweierlei leisten: Ökonomiekritik und Ethnografie. Es ist nicht selbstverständlich, dass 20.000 Menschen Tagesreisen unternehmen, um sich an einem bestimmten Ort eng zusammenzudrängen. Warum wird so ein Event geschaffen – und wie? Anders gefragt: Würde ein Ethnograf vom Jupiter im Industriemuseum Ferropolis landen – was würde er wahrnehmen?

Leser-Kommentare
    • RobJir
    • 19.07.2010 um 12:26 Uhr

    In gewisser Weise liegt der Autor auch richtig: Für viele dieser Indi/Underground/Alternative - "Musik-Fans" ist doch der Style der Band und die Akzeptanz in diversen Musikblogs oder von NME und RollingStone wichtiger als die Musik an sich geworden. Außerdem achten die Hipster-Kids mehr auf ihren "individuellen Style" als auf die Musik bei solchen Festivals. Ironischerweise laufen dann am Ende auch alle gleich rum - Siehe Wayfarer, Keds, V-Necks usw...

  1. Von lemminghaften Selbstdarstellern, die sich an Sonnenbrillen und muskulösen Oberarmen aufgeilen, soll die Zukunft verhandelt werden? Jetzt kommen die "Ballermänner" doch noch zu Ehren...lach...

    • Cat123
    • 19.07.2010 um 17:25 Uhr

    Gerade zurückgekehrt vom kleineren, musikalisch und demografisch anders orientierten Burg Herzberg Festival in Hessen mit "nur" 17-18000 Besuchern, 5 Tage ungeduscht auf dem Acker mit Gewitter, Regen und Sonne bin ich einfach nur dankbar, dass es diese Abschaltpause im Jahr gibt. Und dass es Menschen gibt, die so etwas organisieren.

  2. hoechst wahrscheinlich haben die jungs und maedels sich nicht vorher bei facebook abgesprochen und ihre t-shirts gedruckt.
    die leute arbeiten auf der party, ansonsten haetten sie kein bares hinter her um wieder nach haus zu kommen. ausbeutung? schade fuer den schoenen artikel, der letzte absatz!

  3. Dass jene, die da waren, sich den letzten Absatz nicht bieten lassen und zirkuläre Begründungsstrategien anwenden, um jenen zu entkräften, gibt dem Vorwurf der Kritiklosigkeit solcher Events Recht. Für Kritik ist auf dem Schmelz! nun aber auch nicht der Platz. Es ist aber auch kein Ort, der Kulturtheorie anwendet. Es ist ein Raum, der ein Versprechen hält. Selten war Spaß so planbar. Selbst wieder dagewesen, wieder so viel Spaß gehabt.
    Die Entdeckungen des Herrn Autoren Reichert verdecken eines: Das Melt! ist gerade auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Leuchtkraft und sieht damit dem Untergang seiner goldenen Zeiten entgegen. Trends werden - wenn denn - nun auf anderen, kleineren Festivals geformt; es sei denn: Trendsetting sollte sich selbst zum Trend stilisieren. Das Melt! ist ein Spaß-Label, das bestimmte Strömungen kanalisiert und sie sehr gekonnt an einem Wochenende inszeniert. Es ist keine kulturelle Keimzelle, die die Interpretationshoheit der nächsten zehn Jahre für sich beansprucht. Dafür ist das Festival viel zu sehr ein Catwalk- Festival, das zwar einen modischen Stellungskrieg sondergleichen befeuert, sich des inhaltlichen Vakuums aber sehr bewusst ist.
    Pop kills the Pop Star. Aber doch nicht auf dem Melt!

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