Die Kuratoren des deutschen Pavillons an der Architektur-Biennale: Cordula Rau und Eberhard Tröger © Soeren Stache / dpa

Nach dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses hatten wir gar nicht gefragt. Trotzdem wehrt Cordula Rau prophylaktisch ab: "Das Thema Rekonstruktion steht nicht im Mittelpunkt! Es ist nicht unser Ansatz zu sagen, man solle wieder altmodisch bauen. Uns geht es um die Sehnsüchte, die Architekten zu ihrer Arbeit antreiben.“ Cordula Rau, Journalistin, Kuratorin und Architektin in München, bewegt sich lebhaft. Die Frage, die diesmal nicht gestellt wurde, hat sie schon sehr oft beantworten müssen. Spätestens, seit der Staatssekretär im Bundesbauministerium, Jan Mücke, vor einigen Wochen bei der Vorstellung des deutschen Beitrags zur diesjährigen Architektur-Biennale von Venedig (29. August – 21. November) den Bogen von "Sehnsucht“ zu "Schloss“ und gleich auch noch "Identität“ geschlagen hatte, hängt dem Kuratorenteam der Gruppe "Walverwandtschaften“ der Verdacht auf Nostalgie an.

Rau, mit 49 Jahren die Seniorin der Dreiergruppe gemeinsam mit Eberhard Tröger (Jahrgang 1969), Hochschuldozent an der ETH Zürich, und Ole W. Fischer (geboren 1974), in gleicher Funktion in Boston tätig, besorgt die Außendarstellung der "Walverwandtschaften“ – keine leichte Aufgabe, wo es im deutschen Pavillon gerade nicht um die von Staatssekretär Mücke auch noch benannte "Architekturproduktion made in Germany“ gehen soll.

Die "Sehnsucht“, wie der – ironisch in weiße Neonschrift gefasste – Titel des deutschen Beitrags lautet, beginnt ja bereits mit dem Ort: Venedig. Über den Brenner nach Italien sind Generationen von Nachkriegs-Bundesdeutschen gefahren, dann links ab nach Lido di Jesolo mit Tagesausflug nach Venezia. Die Biennale, im jährlichen Wechsel mal Kunst, mal Architektur, hat die deutsche Italiensehnsucht in gewisser Weise konserviert, als Sehnsucht der Kreativen.

Bei der Architektur-Biennale schwanken die nationalen Beiträge zwischen Showroom und Nachdenklichkeit, zwischen Architektur-Marketing und Themenstücken. Die deutschen Beiträge haben sich seit Jahren auf übergreifende Fragen konzentriert, und so wird es auch diesmal sein. "Sehnsucht“ ist gewiss ein deutsches, aber doch kein allein deutsches Thema, und so, wie es die Gruppe "Walverwandtschaften“ versteht, ist es das Movens der architektonischen Tätigkeit überhaupt. Haben Architekten Sehnsüchte, die sie bei ihrer Arbeit bewegen?

Darüber, so Cordula Rau, sollten sie in Gestalt eines DIN-A4-Blattes Auskunft geben, geschrieben, gezeichnet, wie auch immer. 181 Antworten haben die Kuratoren eingesammelt, von deutschen Architekten und von ausländischen Kollegen, die in Deutschland bauen. Namen werden nicht verraten, da hebt Cordula Rau abwehrend die Hände, aber natürlich ist der ein oder andere durchgesickert. Erstaunlich ist, dass Architekten heutzutage überhaupt zeichnen, und manche haben sich erst auf die eigenartige Anfrage hin zu ihrer heimlichen Tätigkeit bekannt. Nur wenige Büros haben sich verweigert, weil sie – wie die Schweizer Stars Herzog und de Meuron zur Antwort gaben – ihre Überlegungen nur an jeweils konkrete Projekte heften. Die aber waren ausdrücklich nicht erwünscht, sondern die Gedanken, die allen Plänen und Entwürfen vorangehen.

"Wir stellen aus, was nie als Zeitzeugnis überliefert wird, was aber eine Generation prägt“, erläutert Rau: "Da ist die Skizzenform eine Annäherung. Es geht uns auch um die Kommunikation der Architekten untereinander – die hat in ganz erheblichem Maße stattgefunden.“ Cordula Rau wollte die Architekten mal aus ihrem Berufsalltag herausreißen. Keine Zeit zu haben, so ihre Beobachtung, scheint ein Grundproblem in der Branche zu sein.

Neben den 181 Skizzen ist der Pavillon selbst als Ausstellungsstück gedacht. Mit der unseligen Diskussion, ihn als Relikt der Nazizeit – was er nicht ist – abzureißen, wollen die "Walverwandtschaften“ nicht identifiziert werden. Sie werden den Hauptraum in einen "Roten Salon“ verwandeln, mit nobler Wandbespannung einer venezianischen Traditionsmanufaktur. "Der Pavillon soll die Sinne ansprechen“, betont Rau. "Unser Beitrag soll Emotionen auslösen. Deswegen wollen wir vorab wenig zeigen – sonst werden nur vorgefasste Bilder verglichen.“ 50 rot bespannte Stühle werden bereitstehen.

Ab 29. August wird die Öffentlichkeit beurteilen können, ob die deutschen Sehnsüchte mehr sind als eine nationale Marotte. Der Name des Kuratorentrios, "Walverwandtschaften“, bezieht sich jedenfalls ausdrücklich auf Goethes "Wahlverwandtschaften“. Der sprichwörtlich gewordene Titel eines Romans, in dem es um die "Chemie“ zwischen den Protagonisten geht. So wie bei Deutschen und Italienern.