Christoph Schlingensief hat sich stets geweigert, zwischen Kunst und Leben zu unterscheiden, er war zu dieser Trennung gar nicht fähig, und so war klar, dass seine verheerende Krebserkrankung, die im Januar 2008 offensichtlich wurde, Teil seines Werks werden würde. Das Stück Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir , vor zwei Jahren während der Ruhrtriennale uraufgeführt, war seine eigene Totenfeier, von Schlingensief selbst geleitet.

In den siebziger Jahren gab es im Fernsehen die Show Das ist Ihr Leben . Einem prominenten Gast wurden lauter Menschen auf die Bühne und in die Arme getrieben, die ihm einmal etwas bedeutet hatten und die er dann aus den Augen verloren hatte. Im Zustand der dauernden höchsten Überraschung, Rührung und Dankbarkeit durchlebte der Stargast den Abend, und man hatte als Zuschauer den Eindruck, einer Trauerfeier beizuwohnen, bei der nur derjenige störte, dem sie galt; denn der stand noch sehr vital mitten unter den Lebenden.

Die Kirche der Angst war etwas Neues: Sie war Das war Ihr Leben, vom Künstler selbst inszeniert. Schlingensief war der abwesende Gast und machtvolle Regisseur des Abends, eines Abends, der davon handelte, wie Krankheit ein Leben beendet, das eines Kindes, und ein neues beginnen lässt, das eines Erwachsenen.

Dieses Großwerk ist ein Das war Ihr Leben vom Ende her, durch das Röntgenbild einer hohlen Brust gesehen. Schlingensief zeigte, woher er kam und was ihn geformt hatte. Szenen, Musiken, Gesichter, Gefährten aus früheren Inszenierungen marschierten auf, Filme der Fluxus-Kunstbewegung waren zu sehen, und der Hasenkadaver aus seinem Bayreuther Parsifal (2004) wurde vor den Augen der Zuschauer noch einmal von Maden und Kleinstlebewesen so rabiat überfallen, dass das Tier unter seinem kalten Fell zu zittern und zu tanzen schien.

Es konnte einen damals wütend machen, wie wichtig Schlingensief sich nahm: völlig unmäßig, dass er sich eine Oscar-Zeremonie für den stärksten Lebenswillen ausrichtete; dass er am Ende das Brot brach und das Abendmahl feierte; dass er die Erkrankung als "unglaubliche Beleidigung" für einen bloß 47-Jährigen bezeichnete (jeden Tag sterben Tausende von Kindern; sind die beleidigt? Welche Kirche haben die?); dass er sich mit Jesus identifizierte, der am Kreuz nicht geklagt, sondern nur "Aua" gesagt habe; dass er in fremder Aufmerksamkeit baden musste; dass er offenbar unfähig war, allein zu sein.

Aber Schlingensief hatte immer die eigene Haut, das eigene Fleisch zu Markte getragen, er bewirtschaftete die eigene Biografie , ein Midas der Kunst, dem alles "Werk" und nichts "privat" ist. Und wieso soll man das Dringendste verschweigen? Warum soll ausgerechnet er Privatsache sein, der Tod?

Die alte Maxime, derzufolge Kunst das große Als-ob, das Instrument des Handelns auf Probe sei, das Spiel, welches den Menschen vom Tier unterscheide – Schlingensief fühlte sich an sie nie gebunden. Für ihn gab es kein Handeln auf Probe, was er tat, schrie danach, Konsequenzen zu haben. Was er auf der Bühne tat, war oft ungeprobt, und es ließ sich nie so einfach zurücknehmen.