Zum Tod von Christoph Schlingensief Wer seine Wunden zeigtSeite 2/2
Wenn Canetti in seinem Tagebuch schreibt: "Mich brennt der Tod", so kann man hinzufügen: Schlingensief schrie unter den Verbrennungen auf, in aller Öffentlichkeit. Und es tat ihm gut. Er war das gebrannte Kind, das seinen Schmerz zeigte.
In Eine Kirche der Angst heißt es, als Verneigung vor Beuys: "Ja, zeig mal deine Wunde. Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt." Das Verbergen ist auch unter Künstlern das Übliche. Einer stirbt, und die anderen halten still. Von Krankheiten wird raunend erzählt, Berichte kursieren über den bedauernswerten Zustand von diesem oder jenem, aber wenn der Tod umgeht, herrscht auch in der Kunstszene das Vorort- und Stadtrand-Schweigen. Die meisten Künstler verfahren mit eigener Krankheit wie alle anderen auch: Sie reden nicht darüber, sie lassen es geschehen, dass man sie abschiebt aus der Öffentlichkeit, dass man sie entlässt in jene Sackgasse aus Fürsorge und Vergessen.
Völlig klar, dass das mit Schlingensief nicht zu machen war. Es war abzusehen, dass er die Krankheit in sein System einbeziehen und sich von ihr nicht willenlos abschleppen lassen würde. Dass Krankheit mit Schmach, Schande, Kapitulation gleichzusetzen sei, akzeptierte er nicht. Er hielt sich nicht an die gesellschaftlichen Vereinbarungen, und im Grunde muss man ihn dafür lieben.
Man hatte sich angewöhnt, Schlingensief für einen gleichsam automatischen Provokateur zu halten, bei dem nie klar war, ob er an Gott innig glaube oder ihn nur als Wurfziel und zentrale Leerstelle in seinem Kunstsystem brauche. Schlingensief zeigte Pornoszenen im Burgtheater, brachte Schwerkranke auf die Bühne, ließ die geografische Lage ausgesuchter KZs im Bühnenquiz erraten, schwelgte in Verfall und Verwesung, immer so, als wolle er Gott herausfordern und ihm sagen: Siehe, es ist nicht gut; Deine Schöpfung taugt nicht.
Man hatte die Erwartung, er würde auch im Angesicht des Todes noch lachen. Aber in der Kirche der Angst hörte man ihn schluchzen. Seine Stimme brach, als er sagte: "Ich hab ja nicht geraucht. Ist noch unbegreiflicher, was das Schicksal da macht." Er hat ja nicht geraucht! Die Unschuld dieser Szene ist peinsam groß, und fast rechnete man damit, dass er in Kinderempörung hinzufügt: Wie ungerecht ist das denn?
Im Lauf des Abends begriff man sein Spiel immer weniger als den Akt eines wahnwitzigen Narzissten, der in unseren Blicken baden wollte. Man kam dahin, Schlingensiefs Aktion auch als Akt der Großzügigkeit zu begreifen: Ein Mann vergesellschaftete seine Angst; er stellte sie uns wie einen Überschuss an Wärme zur Verfügung.
Das Schlingensief-Theater rasselte über Jahre hin mit seinen Ketten, schier wahnsinnig über seine Ohnmacht, sein blindes Allesdürfen. Es forderte die Köpfe berühmter Politiker, und die Leute lachten. Es störte die Ruhe der Toten und wurde gefeiert, es verhöhnte die Kirche, und nichts geschah. Es rüttelte an der "Kunstfreiheit", als wollte es diese dämliche, alles beschattende Leibwächterin los sein und endlich zur Verantwortung gezogen werden. Diesem Zustand ist es mit der Kirche der Angst nahegekommen.
Der Aberglaube warnt davor, das auszusprechen, wovor man sich fürchtet, da es dann gewiss eintreffe, aber Schlingensief sprach schon immer alles aus, wovor er sich fürchtete. 2004, als er in Bayreuth an seiner Parsifal -Inszenierung saß, sagte er, er werde über dieser Arbeit wahrscheinlich krank werden, Krebs bekommen. Seine Zuschauer beschimpfte er als "Durchimmunisierte", denen die rettende Erfahrung des Schmerzes fehle. Er war von der Idee der Krankheit besessen, sie bedeute Entgrenzung, eine Art des Rausches, und fast hatte man den Eindruck, er wolle sie im Sprechen herbeirufen.
Was er tue, hat er mal gesagt, sei bloße Abwehr des Bösen, selbst wenn es sich als das Böse tarne. So funktioniere sein Voodoo-Glaube. Was den Voodoo-Gläubigen vom Christen unterscheide, haben wir damals gefragt. "Der Christ", so Schlingensief, "geht in die Kirche, um Gott zu treffen. Der Voodoo-Mann will selbst Gott werden."
Christoph Schlingensief starb am 21. August im Alter von 49 Jahren an Krebs.
- Datum 10.12.2010 - 17:24 Uhr
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Danke für alle Deine Werke, die Du seit Jahrzehnten, vor allem für Deine letzten: "Mea culpa" und "Kirche der Angst", geschaffen hast!!!
Was ist denn das für ein Denkgebäude, das ausgerechnet von einem Künstler im Angesicht des Todes Demut fordert?! Ja, das im Angseicht des Todes von jedem Sterbenden Demut fordert - denn nichts anderes erwartet Peter Kümmel in seinem Text. Da lauert denn doch der christliche Demuts-Wahn, als ob der nicht-existente Gott dennoch einen bestimmten Plan mit dem einzelnen Sterbenden hätte.
Hat er nicht! - Und darüber hat sich Christopg Schlingensief empört!!! Selbst wenn er kein gläubiger Christ gewesen ist - von klein auf sind ihm, wie uns allen, christliche Irrlehren vom Bescheidensein der Demut, derGröße Gotes und de Todes eingeimpft worden.
Jeder Sterbende, ob 47, 97 oder sieben hat ein Recht, sich über seinen Tod zu empören! Der Tod ist die große Empörung des denkenden Menschen! - Wie richtig, daß Schlingensief ihn zum Thema gemacht hat, den eigenen Tod, die eigene Krankheit. Er wollte eben nicht erdulden, wie es der Mehltau des Christlichen noch immer von uns verlangt!
Dafür haben wir ihm zu danken, daß er die die falsche Menschenliebe des Einlullens und Vertuschens (nichts anderes ist der christliche Glaube) zum Thema machte und dagegen anschrie. So hat er auch den Parzival verstanden - nichts bei ihm von wabernder Erlösungsmystik!
Vor solchem Mut kann man sich verbeugen; vor dem Mut dessen, der nicht Kleinbeigeben will, wie es uns die christliche Religion seit 2000 Jahhren aufoktroyiert.
Außer Ihnen? Sich über eine Krankheit als "unglaubliche Beleidigung" und über die eigene Sterblichkeit zu empören, ist sehr verständlich..., aber auch ein bisschen albern, wenn man (angeblich) an keinen Gott glaubt. Bei wem beschwert man sich denn da? Beim Tod? Der kommt doch aber aus dem eigenen Körper und nicht per Parteibeschluss von Außen. Jeder will leben, das ist klar. Selbst die demütigen Christen wollen das; deshalb sind sie ja auch so demütig, weil sie drohende "Strafen" vermeiden wollen. Man kann trotzdem stiller seinen letzten Kampf annehmen. Bei der Geburt sind auch keine Fernsehshows dabei - da hat jeder seine eigene "Show" durchzustehen. Es geht nach obigem Artikel meiner Meinung nach auch eher ums "Alleinsein"-Können und das Wissen, dass man in manchen Dingen eben verdammt alleine ist. Welche Sterbenskranke kann schon alle Leute anschreien und sagen: Hier, ich sterbe, nehmt es wahr, wieso ich, wieso nicht ihr...
Außer Ihnen? Sich über eine Krankheit als "unglaubliche Beleidigung" und über die eigene Sterblichkeit zu empören, ist sehr verständlich..., aber auch ein bisschen albern, wenn man (angeblich) an keinen Gott glaubt. Bei wem beschwert man sich denn da? Beim Tod? Der kommt doch aber aus dem eigenen Körper und nicht per Parteibeschluss von Außen. Jeder will leben, das ist klar. Selbst die demütigen Christen wollen das; deshalb sind sie ja auch so demütig, weil sie drohende "Strafen" vermeiden wollen. Man kann trotzdem stiller seinen letzten Kampf annehmen. Bei der Geburt sind auch keine Fernsehshows dabei - da hat jeder seine eigene "Show" durchzustehen. Es geht nach obigem Artikel meiner Meinung nach auch eher ums "Alleinsein"-Können und das Wissen, dass man in manchen Dingen eben verdammt alleine ist. Welche Sterbenskranke kann schon alle Leute anschreien und sagen: Hier, ich sterbe, nehmt es wahr, wieso ich, wieso nicht ihr...
Wenn Schlingensief sich empört hat darüber daß Jesus am Kreuz nur "aua" geseufzt, habe, dann ist das ein Schrei nach Leben, nach dem einzigartigen Leben und nicht ein Lob des Todes, wie die Verehrung des Kreuzes uns gebieten will! Wenn also Schlingensief immer wieder den eigenen Tod zu Thema machte, dann nicht aus wie immer wabernder Todessehnsucht und Erlösungsmystik, sondern nur weil er uns dasLeben zeigen wollte, wie es ist!
und auf diesem Irrtum ist auch schon Michael Angele ausgerutscht mit seinem anmaßenden Artikel zu 'Bekenntnisliteratur' 'Wer hat geil Krebs?' http://www.freitag.de/kul... Kommentar 1 dazu ist der erste und letzte von Christoph Schlingensief beim Freitag - was für ein berechtigter Wutausbruch!
Vielen Dank für Ihre beiden Kommentare @Alexander Wolf - Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Chapeau!
und auf diesem Irrtum ist auch schon Michael Angele ausgerutscht mit seinem anmaßenden Artikel zu 'Bekenntnisliteratur' 'Wer hat geil Krebs?' http://www.freitag.de/kul... Kommentar 1 dazu ist der erste und letzte von Christoph Schlingensief beim Freitag - was für ein berechtigter Wutausbruch!
Vielen Dank für Ihre beiden Kommentare @Alexander Wolf - Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Chapeau!
und auf diesem Irrtum ist auch schon Michael Angele ausgerutscht mit seinem anmaßenden Artikel zu 'Bekenntnisliteratur' 'Wer hat geil Krebs?' http://www.freitag.de/kul... Kommentar 1 dazu ist der erste und letzte von Christoph Schlingensief beim Freitag - was für ein berechtigter Wutausbruch!
Vielen Dank für Ihre beiden Kommentare @Alexander Wolf - Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Herr Stenkamp,
ich finde es schäbg wie Sie angesichts des Werkes von Christoph Schlingensief Ihr Haupt mit christlichen Selbstgerechtigkeit erheben! Nichts und niemand hat Christoph Schlingensief erlöst. Er ist erhobenen, nicht gebeugten Hauptes in den Tod gegangen.
Dieser elende christliche Schwachsinn, zubehaupten, kein Leiden sei umsonst! Alles Leiden ist umsonst. Wenn der Sargdeckel geschlossen wird, ist es aus! Hören Sie doch endlich auf, vom Jenseits zu faseln. Mit dieser Botschaft der Erlösung im Jenseits machen Sie ja das Leben im Diesseits so unerträglich.
Wenn wir endlich merken, daß es kein Jenseits gibt und wir nur dieses eine Leben im Diesseits haben, dann werden wir vielleicht etwas vernünftiger und gestalten uns dieses Leben besser füreinander und nicht für den Lieben Gott.
Das war Schlingensiefs Anliegen! Mit Ihren Erlösungssäuselein strafen Sie sein Werk Lügen. Und das ist noch nach dem ode ungerecht!
Es ist schon festzustellen und zu akzeptieren,
dass die Menschen ihre Trauer auf verschiedene Arten ausdrücken dürfen - letzten Endes, um - einen wie auch immer beschaffenen subjektiven - Trost zu finden.
Es ist schon festzustellen und zu akzeptieren,
dass die Menschen ihre Trauer auf verschiedene Arten ausdrücken dürfen - letzten Endes, um - einen wie auch immer beschaffenen subjektiven - Trost zu finden.
...die Verwandten dazu nötigt, sich die Ritterburg, die es gebastelt hat, umgehend anzusehen, zu bewundern und sich darauf bis ins Letzte (wie der Erbauer) einzulassen..., dann nervt das die Verwandten oft, weil sie nicht so recht in dieser Ritterburg ihre Existenz verewigt sehen. Wenn es aber einer schafft, die ganze Prozedur in den Kulturbetrieb zu wuchten und damit die große Bühne sich zu erobern, dann ist das schon bewundernswert - auch wenns genervt hat.
Vielen Dank für Ihren Link!
Die Forderung von Herrn Freitag, man möge sich doch im Krankheitsfalle auf eine "Höhere Ebene" begeben und Kunst machen, anstatt zu protokollieren, was mit einem geschieht, ist wahrlich unverschämt und menschenunwürdig! Letztendlich fordert der Kommentator wieder einmal, "belästigt uns nicht mit eurer Krankheit"! Oder er fordert gar "Größe" und "Haltung"! Wie abgrundtief schäbig.
Die Antwort von Christoph Schlingensief ist wunderbar. Sie zeigt die Totalität der Krankheit und die Totalität des Schreis nach Leben!
Das hat mich sehr beeindruckt, denn mich bewegt immer noch der Schmerzensschrei mehr als das sklavisch gebeugte Haupt des Dulders!
Also noch einmal, herzlichen Dank für den Link!
Entschuldigung, in meinem Furor habe ich Blatt und Kommentator verwechselt, ich meinte natürlich Herrn Angele!
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