Temporäre Kunsthalle Kein Spielplatz mehr für KunstSeite 2/2

Zweites Beispiel: C/O Berlin. Die Fotogalerie, die gerade vom Investor aus dem alten Postfuhramt vertrieben wird, hatte mit dem maroden Charme des Gebäudes oft genug zu kämpfen. Unzulängliche klimatische Bedingungen waren eine Belastung für Kunst und Besucher, und wenn die Kunst nicht stark genug war, drohte der Raumeindruck übermächtig zu werden.

Dass musste selbst Annie Leibovitz erfahren, die mit der Inszenierung ihrer Fotoausstellung in Berlin schwer zu kämpfen hatte und nur in der ehemaligen Turnhalle im Obergeschoss, dem größten Raum des Hauses, zum überzeugend monumentalen Auftritt fand. Vielleicht kein Zufall, dass C/O-Berlin-Mitbegründer Ingo Pott erklärt, er würde am liebsten selber bauen: "Bisher haben uns die bestehenden Gebäude geformt, nun würden wir gerne einen Solitär selbst gestalten.“

Die Liste lässt sich fortsetzen: Die Berlinische Galerie kann im neutralen Raum des ehemaligen Glaslagers an der Alten Jakobstraße großzügig inszenieren. Das Museum für Fotografie in der Jebenstraße macht den ehemaligen Kaisersaal zum Showcase für Architekturfotografie. Christoph Tannerts Künstlerhaus Bethanien nimmt bei Auszug aus dem historischen Gebäude am Mariannenplatz nur den eingeführten Namen als Marke mit und bespielt in der Kottbusser Straße nun unbelastetere Räume. David Chipperfields gefeierte Restaurierung des Neuen Museums entfaltet ein solches Feuerwerk an Raumeindrücken, dass die Ägypter-Sammlung schwer zu kämpfen hat. Nicht umsonst sind es die modern gehaltenen Räume, der Glaskubus für die Amarna-Porträts, die neuen Galerieräume mit den Figurengruppen, die aus Museumssicht am meisten überzeugen.

Verfall und Zerstörung und die ihnen innewohnende Faszination gibt es in Berlin quasi gratis dazu, auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung samt des sie begleitenden Baubooms. Und viele haben mit übermächtigen Räumen zu kämpfen: Christian Boros in seinem Kunstbunker zum Beispiel, der mit seinen monströs monumentalen Räumen die Kunst schier zu erdrücken scheint. Eine Ausstellung von Dresdner Kunststudenten im Luftschutzbunker an der Fichtestraße wurde hingegen zu einem Geheimtipp dieses Kunstsommers. Weil die jungen Künstler, anders etwa als die Stars bei Boros, sensibel und mit Witz auf den Ungeist des Ortes reagierten. Und doch erklärten gleich mehrere, ihnen wäre ein neutraler Raum eigentlich lieber gewesen.

Was also lehrt das zweijährige Interimsspiel am Schlossplatz in Hinblick auf eine künftige Kunsthalle? Vielleicht, dass Berlins Künstler inzwischen so professionalisiert sind, dass sie nicht mehr die romantischen Räume suchen, sondern Museumsbedingungen für ihre Kunst. Auch Berlins Galerien bieten zunehmend museale Präsentationen. Und nicht umsonst hat Udo Kittelmann einem Gegenwartskünstlerstar wie Thomas Demand die Halle der Neuen Nationalgalerie angeboten. Die Zeit der Zwischennutzungen und Experimente, die Berlin in den Neunzigern zum Abenteuerspielplatz für Künstler aus aller Welt gemacht hatte, scheint vorbei. Man mag das, siehe John Bock, durchaus als Verlust empfinden.

Währenddessen wächst auf dem Schlossplatz die Infobox heran: ein Monstrum aus Beton, gebaut wie für die Ewigkeit. Ob man sie überhaupt braucht, während der Schlossbau gerade aufgeschoben wird, ist noch die Frage. Vielleicht bleibt von allen Rekonstruktionsträumen am Ende nur dieses Betonungetüm, als Mahnmal für Berliner Größenwahn. Die kleine Kunsthalle räumt indes am Mittwoch den Platz. Die Zeit des Temporären ist vorbei.

Am Dienstag, 31. August 2010, verabschiedet sich die Kunsthalle ab 20 Uhr mit Konzert und Feier am Schlossplatz.

Erschienen im Tagesspiegel

 
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