Er ist schon ein netter Kerl. Ein bodenständiger Österreicher aus dem Salzkammergut, dem der frühe Starruhm kein bisschen zu Kopfe gestiegen ist. Seit zehn Jahren wird Martin Grubinger als Heilsbringer der Klassik herumgereicht, tritt als Multipercussionist, als trickreich trommelnder, virtuos Marimba-, Vibra- und Xylophon spielender Entertainer der ernsten Musik in den Musikmetropolen auf, die großen Festivals reißen sich um ihn. Am 14. August will er jetzt sogar die Berliner Waldbühne füllen, zusammen mit zwei weiteren Stars der Branche, dem Dirigenten Andris Nelsons und der Pianistin Hélène Grimaud. In der kommenden Saison gastiert er neben Lang Lang und Anna Netrebko als Premiumkünstler in der neuen Berliner Konzertreihe First Classics .

Die kommerziellen Veranstalter spekulieren mit Martin Grubingers rasant wachsendem Marktwert – ihn aber scheint das gar nicht zu stören. Er hat einfach nur Spaß an seinem Erfolg. Mit glühenden Wangen kommt er aus dem Aufnahmestudio, wo er im Auftrag der Deutschen Grammophon gerade Gregorianische Gesänge betrommelt hat. Die Plattenfirma will gleichzeitig auf der Popularitätswelle der Mönche und auf der von Grubinger surfen. Also versammelt der 27-Jährige ein paar Perkussionisten-Kumpels, verpasst der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit einen rhythmischen Puls, legt bis zu 40 Tonspuren darüber und bastelt 15 Stunden lang an einem Track, der auf der CD nur vier Minuten dauern wird. Und vielleicht macht er ja wirklich etwas Neues daraus. Weil er Crossover ganz authentisch angeht, ernsthaft nämlich, ohne David-Garrett-Hintergedanken , ohne auf die Popcharts zu schielen.

Martin Grubinger trägt nicht nur denselben Namen wie sein Vater, auch beruflich ist er in dessen Fußstapfen getreten – um ihn bald schon zu überholen. Grubinger senior arbeitet zwar noch als Percussion-Dozent an der Salzburger Musikhochschule, vor allem aber reist er als Coach seines hochbegabten Sohnes durch die Lande, ringt in der Probenphase mit ihm leidenschaftlich um Interpretationsdetails, hilft beim Aufbau der komplexen Schlagwerk-Installationen, die der Junior abends traktiert – manchmal drei Stunden lang. Perkussionisten sind die Hochleistungssportler unter den Musikern, für seine Auftritte macht sich Grubinger mit extensivem Ausdauertraining fit, pro Konzert schwitzt er dann an die drei Kilo Körpergewicht weg.

Die Zukunft hat er dabei klar vor Augen. Seit kurzem ist er mit der Pianistin Ferzan Önder verheiratet, im Herbst erwarten sie ihr erstes Kind. Wenn die Gesundheit mitspielt, will sich Martin Grubinger bis zu seinem 40. Geburtstag weiter auf der Bühne verausgaben – und dann etwas ganz anderes machen. Geschichte studieren zum Beispiel. Und sich gesellschaftlich engagieren, für die Umwelt und gegen Fremdenfeindlichkeit trommeln, so wie es in der Popmusik Altstars wie Elton John oder Bono tun.

Und dann redet sich Grubinger in Rage, schimpft wortreich auf das sozial total ungerechte Sparpaket der deutschen Regierungskoalition, erzählt, wie er – zum Entsetzen seines Managements – ein Konzert im rechtslastigen österreichischen Bundesland Kärnten abgesagt hat, angetrieben von seinem rebellierenden Gerechtigkeitssinn, durchglüht vom naiven Feuer, das die Seelen sensibler junger Menschen entflammt. Wirklich ein netter Kerl!

Die nächsten Konzerttermine: 14. August, Berlin; 18. September, Nürnberg, 25. September, Bonn

Erschienen im Tagesspiegel