Musikfest Berlin Moderner Schall und mentaler Rausch
Das Musikfest Berlin sucht das Sinnliche in der Moderne. Der diesjährige Themenschwerpunkt zu Luciano Berio und Pierre Boulez feiert die geistige Beweglichkeit.
Wenn Orchester auf Tournee gehen, trumpfen sie gerne mit großem sinfonischen Repertoire auf, mit Beethoven-Zyklen, monumentalen Mahler-Sinfonien oder brillanten Strauss’schen Tondichtungen. Von den Musikern, die beim Musikfest Berlin 2010 auftreten werden, hat sich Winrich Hopp, der künstlerische Leiter des aus dem Festwochen hervorgegangenen Festivals, genau das Gegenteil gewünscht: Sie sollen nicht nur als kompakte Masse auftreten, sondern ihre geistige Beweglichkeit unter Beweis stellen, indem sie den Abend in ganz unterschiedlichen Formationen bestreiten, vom Solo über Ensemblebesetzungen bis hin zum bühnenfüllenden Tutti. Eine übrigens ganz traditionelle Überlegung: Bevor sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Abfolge aus Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie entwickelte, waren stilistisch wie personell bunt gemischte Programme in den Konzertsälen der Normalfall.
Orchester herauszufordern, ist Winrich Hopps Leidenschaft: Mit sanftem Nachdruck bearbeitet er die Edelklangkörper so lange, bis sie sich von seinen Ideen anstecken lassen, seinem programmatischen Ansatz zu dem ihren machen. Das gilt für die Bühnenlogistik wie für die inhaltliche Gestaltung. In seinem vierten Jahr als Musikfest-Macher stellt Hopp zwischen dem 2. und 21. September zwei Komponisten in den Mittelpunkt, deren Werke so gar nicht zum gängigen Gastspielrepertoire gehören. Beide sind 1925 geboren, beide haben die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt, beide sind im Klassikalltag weniger präsent, als sie es verdienen. Da ist zum einen der Italiener Luciano Berio, der 2003 verstorbene Meister des akustischen objet trouvé und der musikethnologischen Collagetechnik. Und zum anderen Pierre Boulez, der quicklebendige Doyen der französischen Avantgarde, dessen 85. Geburtstag beim Musikfest nachgefeiert werden soll.
Uraufführungen macht jeder Intendant gerne – weil sie mediale Aufmerksamkeit garantieren und sich hervorragend als Feigenblatt in Subventionsberechtigungsdebatten nutzen lassen. Wer aber die Erinnerung an wegweisende Partituren der Nachkriegszeit wach halten will, muss hart kämpfen, gegen die Beharrungskraft der Apparate und gegen mangelnde Neugier bei weiten Teilen des Publikums wie der Künstler. Der 49-jährige Winrich Hopp stellt sich dieser Herausforderung mit diplomatischer Raffinesse und missionarischer Beharrungskraft. Seine Musikfest-Schwerpunkte zu Ives, Varèse und Debussy, Stockhausen, Messiaen und Bruckner, Schostakowitsch und Xenakis haben ihm Respekt in der hauptstädtischen Klassikszene verschafft, und auch die Zuschauer sind mittlerweile bereit, sich von seiner anspruchsvollen Auswahl überzeugen zu lassen.
Nach dem Blick auf das "Zeitalter der Extreme" im vergangenen Jahr, einem naturgemäß düsteren, aber auch emotional durchrüttelnden Musikfest, wendet sich Hopp diesmal – mit einem Mallarmé-Zitat – dem "reinen, lebensvollen, schönen Heut und Jetzt" zu. Plakate und Programmvorschau zeigen lachende Menschen, die Vorfreude schüren sollen auf die Begegnung mit der sinnlichen Seite der Moderne. So philosophisch tiefgründelnd die beiden Komponisten ihre Werke auch konzipiert haben, im klingenden Entstehen, bei der Übersetzung der Partitur in eine lebendige Aufführung spürt man bei Boulez wie Berio immer, dass echte Leidenschaft den kreativen Prozess antreibt.
Und Neugier: Auf ganz unterschiedliche Weise haben Boulez und Berio fremde Traditionen für sich entdeckt, Einflüsse aus allen Kulturen, aus aller Herren Länder in sich aufgenommen. Die Generation der um 1925 Geborenen, die durch den Krieg viel Leid erfahren und viel Lebenszeit verloren hatten, konnten nach 1945 gar nicht schnell genug Anschluss finden an die internationalen Kunstdiskurse.
Luciano Berio reiste schon 1952 nach Amerika, Pierre Boulez kam auch als gefragter Dirigent viel herum. Ein glücklicher Umstand für die Nachwuchskomponisten war, dass gerade in Deutschland die zeitgenössische Musik intensiv gefördert wurde, weil die Alliierten für den demokratischen Neustart auf die jungen Intellektuellen setzten. Boulez und Berio lernten sich 1956 bei den legendären Darmstädter Ferienkursen kennen und schätzen, wo zwischen den unterschiedlichen Strömungen der musikalischen Avantgarde ultradogmatisch um eine neue, verbindliche Ästhetik gerungen wurde.
- Datum 01.09.2010 - 10:53 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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Es handelt sich um große Musik, die selbstverständlich voller Überraschungen ist. Aber das Party- Konzept wurde doch bei Loveparade 2010 eher zu Grabe getragen, hat im übrigen auch wenig mit der Musik zu tun.
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