Musikfest Berlin Moderner Schall und mentaler RauschSeite 2/2
© Erich Auerbach/Getty Images

Luciano Berio (1925-2003) im Juni 1966
Ihre Freundschaft hielt über die Jahrzehnte, auch wenn sie sich in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelten: Berio wurde zum Klangsammler, interessierte sich für die Quellen nationaler Folkloretraditionen aber auch für Jazz, Alltagsgeräusche – und Gustav Mahlers multistilistische Musik. Boulez dagegen differenzierte Schönbergs Reihentechnik maximal bis in alle Parameter musikalischer Ausführungsvorschriften aus, wollte als Kopfmensch ergründen, wie man nach dem Ende der Tonalität noch "den schöpferischen Rauschzustand organisieren" kann. Vorbild war ihm dabei Bachs Kunst der Fuge, die darum auch am 2. September vom Keller Quartett im Kammermusiksaal aufgeführt wird, als Präludium der offiziellen Musikfest-Eröffnung tags darauf in der Berliner Philharmonie.
Auch wenn Winrich Hopp diesmal keine amerikanischen Spitzenorchester aufbieten kann, hat er mit London Symphony Orchestra und dem London Philharmonic Orchestra, dem Amsterdamer Concertgebouworkest und dem Pariser Ensemble Intercontemporain doch feinste Vertreter aus old europe dabei. Aus Bayern reisen die Bamberger Symphoniker sowie Kent Nagano mit seinem Staatsorchester an, aus NRW die Musikfabrik, aus dem Norden der NDR-Chor, aus Stuttgart das SWR-Sinfonieorchester samt Vokalensemble. Zusammen mit den Berliner Orchestern stemmen sie zehn Berio- und 17 Boulez-Stücke, von denen einige seit Jahrzehnten nicht mehr in Berlin zu hören waren. Als dritter Mann wird übrigens auch Igor Strawinsky eine wichtige Rolle spielen: als ästhetische Leitfigur für beide Komponisten – und Kompromissangebot an jene Orchester, die bei ihrer Programmplanung dann doch nicht ganz so mutig sind wie Winrich Hopp.
Am Beginn steht Berio im Mittelpunkt, zur zweiten Musikfest-Hälfte stößt Pierre Boulez höchstselbst hinzu, direkt aus Luzern, wo er die Festival Academy für junge Künstler leitet. Mit den Berliner Philharmonikern wird er sein explosante-fixe erarbeiten, und außerdem mit Strawinskys Le Rossignol jenes Stück aufführen, das ihn 1942 dazu inspirierte, sich ganz der Musik zu widmen. Zum Abschluss gibt es dann – typisch Hopp – statt einer eventhaften Geburtstagsgala einen Werkstattabend zu Ehren des 85-Jährigen: Daniel Barenboim wird Boulez-Werke erklären, die Notations in der Urfassung als Pianist selber interpretieren sowie in der Orchesterversion mit der Staatskapelle spielen. Die Chancen stehen gut, dass aus diesem Musikfest eine echte Überraschungsparty wird.
Weitere Informationen zum Musikfest Berlin finden Sie hier
- Datum 01.09.2010 - 10:53 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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Es handelt sich um große Musik, die selbstverständlich voller Überraschungen ist. Aber das Party- Konzept wurde doch bei Loveparade 2010 eher zu Grabe getragen, hat im übrigen auch wenig mit der Musik zu tun.
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