Tag des offenen Denkmals Die Zeit der Bauvisionen ist vorbei
Proteste gegen Abrisse und Neubauten öffentlicher Gebäude häufen sich. Ist noch eine gute Zeit für Architektur? Überlegungen zum Tag des offenen Denkmals.
© Marijan Murat dpa/lsw

Auf die Barrikaden: Protestierende Bürger in Stuttgart
Sie werden lauter. Und sie werden mehr. Werden sie auch mächtiger? Wacher? Wichtiger? Bürger, die sich für Architektur stark machen, auf der Straße, im Internet, in der Öffentlichkeit: Man findet sie derzeit überall, von Stuttgart über Köln bis Bonn, Hamburg und Berlin. Es geht um ein Milliardenprojekt im Stadtumbau, um den Abriss eines historischen Bahnhofsflügels, es geht um ein Schauspielhaus und eine Konzerthalle der fünfziger Jahre, es geht um Großmarkthallen, Kinos, historische Stadtviertel, um den Flughafen Tempelhof oder den Bau einer Elbbrücke. Beim Kölner Schauspielhaus war der Bürgerprotest erfolgreich, bei der Bonner Beethovenhalle gab der Investor auf. Auch im Hamburger Gängeviertel haben die Investoren nachgegeben. In Stuttgart ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Nur in Dresden haben die Brückengegner verloren.
So viel Aufregung um Architektur, besonders um Architektur des 20. Jahrhunderts, auch um Verkehrsarchitektur. Das war nicht immer so. Noch der Abriss des Ahornblatts von Ulrich Müther in Berlin erregte zwar die Fachwelt, die Öffentlichkeit nahm den Verlust des markanten, zackigen Gebäudes eher gelassen hin. Als die Stadt Potsdam wegen ihres monströsen Bahnhofsbaus sowie der Bebauung des Glienicker Horns in der Sichtachse zwischen Babelsberg und der Innenstadt Mitte der Neunziger seinen Welterbetitel zu verlieren drohte, war die Empörung nicht so groß. Stattdessen diskutierte man lieber über Stadtschlossfassaden – Wiedergutmachungsträume, die von der unversehrten Stadt fantasieren, die andernorts gerade willkürlich aufs Spiel gesetzt wird.
Dabei ist es nicht so, dass allgemein ein Misstrauen gegen moderne Architektur besteht. Gerade Berlin wurde in den Neunzigern auch wegen seiner Neubauten zum Besuchermagneten. Bis heute gibt es Warteschlangen vor Norman Fosters Kuppel des Reichstagsgebäudes, oder bei den Tagen der Offenen Tür im Kanzleramt und Ministerien, vor den Botschafts- und Ländervertretungen. Daniel Libeskinds Jüdisches Museum ist vor allem wegen seiner Architektur ein Touristenmagnet. Das von David Chipperfield wiederhergestellte Neue Museum hat, ein Jahr nach seiner Wiedereröffnung, gerade den einmillionsten Besucher begrüßt.
Auch am Wochenende werden sie sich wieder auf den Weg machen – Architekturfans in ganz Deutschland. Beim "Tag des offenen Denkmals“ stehen in diesem Jahr passenderweise Bauten zu Reisen, Handel und Verkehr im Zentrum, als hätten sich die Stuttgarter Bahnhofsfans das Thema bestellt. Es geht also um Wasserstraßen und Schienennetze, Pilgerwege und Wallfahrtsorte, Gasthäuser und Poststationen, Häfen, Bahnhöfe oder historische Verkehrsmittel. In Berlin, das wie immer ein ziemlich buntes Programm auffährt, geht das Spektrum vom Anhalter Bahnhof bis zum Baerwaldbad, von der Kant-Garage bis zum AVUS-Motel, vom Rundlokschuppen in Rummelsburg bis zum Grenzübergang Dreilinden.
So vielfältig ist Architektur. Verkehrsbauten und Kulturbauten, Wohnbauten und Technikdenkmäler, Landschaftsarchitektur und Spielplätze. Wo es kleinteilig wird, wird es interessant. Etwa in der BDA Galerie, die derzeit mit der Jahresausstellung Gartenwelten Freiraumgestaltungen in Köpenick und Oberschöneweide vorstellt, die immer auch Umgang mit dem Vorhandenen sind, vom Campus der HTW bis zur Köpenicker Schlossinsel (Mommsenstr. 64, noch bis 12. 9.).
Stadtheilung, Stadtrettung – das hat in Berlin die IBA 1987 schon einmal probiert. Hans Christian Müller, der unlängst verstorbene Architekt und Senatsbaudirektor, hat hier viel bewirkt, an behutsamer Stadterneuerung. Da galt es Lücken zu schließen und das Wohnen im Zentrum wieder attraktiv zu machen. Auch wenn manche IBA-Bauten derzeit durch Abriss oder unfachgemäße Renovierung zur Disposition stehen – ohne großen öffentlichen Protest übrigens –, ist das Thema akut geblieben. In Stuttgart wie in Berlin.
- Datum 09.09.2010 - 17:38 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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von Wirtschaftkrise, Globalisierung und Umweltzerstörung ist der Wunsch sich sein bekanntes Umfeld zu bewahren nachvollziehbar.
Der wäre aber nicht so ausgeprägt wenn nicht die jahrzehntelangen Fehlleistungen der Stadtplanung in Deutschland den Menschen nicht das Vetrauen in einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren Lebensräumen genommen wäre.
Selbstverständlich zieht der Potsdamer Platz Heerscharen von Touristen an - aber die müssen dort auch nicht leben. Der Gigantomanie, diesen riesigen Flächen sind Menschen einfach nicht gewachsen, es ist ihnen kein Leben einzuhauchen.
Das gilt leider auch für Stuttgart 21. Die Plätze sind zu groß, die Gebäude zu hoch, die Wege zu lang und Beton dominiert die Wahrnehmung.
Zu begutachten am LBBW Gebäude neben dem Bahnhof. Dort hält sich freiwillig, Pardon, kein Schwein auf. Die Angestellten kommen morgens und gehen abends. Möglichst weit weg, zumindest aber dahin wo es ein mehr an Wärme und ein weniger an lebloser Architektur hat.
Bitter daran ist, dass das Gesamtkonzept, den Bahnhof zu verlegen und die Sadt Richtung Norden, der einzigen natürlichen Öffnung, Erschliessungsraum zu geben an der Unfähigkeit der Architekten (um die Verantwortung nicht immer nur an die nicht von Geisterhand erschaffene "Architektur" zu delegieren) nicht schaffen ihr Ego, ihren Größenwahn oder den ihrer Auftraggeber auf menschliches Maß zu reduzieren.
Dazu kommt dass Entwürfe wie die von Hadith und Kollegen lange schon gestrig sind - sie werden den Ansprüchen an Nachhaltigkeit und umweltfreundliches Bauen in keiner Weise gerecht.
ist der Protest zutiefst irrational, gerade Stuttgart hat es mit zähem Ringen geschafft die Bausünden der 50er zu einem guten Teil wieder zu revidieren.
Man denke an die Proteste gegen den Abriss der Freitreppe - sowohl die Galerie der Stadt Stuttgart als auch das angrenzende Einkaufszentraum sind mit das beste was ich kenne an integrativer Leistung.
Obwohl das Kaufhaus riesig ist, hat die Architektur der alten Börse nichts von ihrer Wirkung verloren. Die neue, viel kleinere Freitreppe ist entgegen aller Bedenken im Sommer prima besetzt.
Zusammen zieht das Ensemble nicht nur Touristen sondern auch die Ein- und Anwohner in rauhen Mengen an.
So kann es eben auch gehen, und diese Chance darf sich Stuttgart nicht entgehen lassen. Egal was deshalb an bullshit auf dem neuen Bahnhofsgelände geplant ist - hauptsache die Gleise kommen weg.
Schade auch dass man die Chance vertan hat den ganzen Bahnhof einzureissen - der Rest liegt nämlich wie ein Riegel in der Nord- Süd Achse der Stadt und kann ein enormes Hindernis für die Belebung dahinter darstellen.
Zitat: "Das gilt auch für die aktuellen Proteste. Es ist eher eine Blüte der Bürgerbeteiligung als eine Auseinandersetzung mit Architektur. Es geht weniger um Bauen als vielmehr um Nichtbauen."
Einspruch. Es ist in jedem Fall eine Auseinandersetzung mit Architektur und es geht um das, was gebaut werden sollte. Die berechtigte Kritik an dem was momentan gebaut wird, als Blüte der Bürgerbewegung zu diffamieren, ohne dabei zu reflektieren, woraus diese Kritik wirklich erwächst, zeugt lediglich von Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen Ist-Zuständen, sowie einem Unverständnis grundlegender demokratischer Wahrheiten. Nun hängt es davon ab, ob die Architektur fähig sein wird, sich damit auseinanderzusetzen und eventuell die eine oder andere heilige Kuh zu schlachten, oder sich doch lieber schmollend zurückzieht, wie schon so oft geschehen. Sollte ersteres jedoch gelingen, könnte ihr das wahrhaftig zu neuer Blüte verhelfen, womöglich sogar verdienter Weise.
Nun, ganz im Windschatten dieser Debatte verschwindet die klassische Moderne langsam aus den Stadtbildern. Auch wenn bei einem Großteil der Betonbauten der 1960er/70er Jahre, deren Stilbezeichnung Brutalismus manchem eher von brutal als von "béton brut" hergeleitet schien, kaum jemand nachtrauert, so ist doch auch die elegante Architektur der 1950er und so manches durchaus erhaltenswerte Gebäude aus den 60ern und 70ern, teils trotz Denkmalschutz, bedroht.
Als konkretes Beispiel sei hier die nordrhein-westfälische Metropole Düsseldorf angeführt:
Ein besonderer Blickfang dieser Stadt bei Einfahrt vom Norden her, war das Stufenhaus des Architekten Schneider-Essleben. Es verschwand in den 1990ern. Wer in diesen Woche die Prachtmeile der Stadt betritt, dem wird auffallen, dass ein eleganter Rundbau aus den 1950ern gegenüber dem Eingang zum Prachtboulevard abgerissen wurde.
Selbst die denkmalgeschützte Hochstraße "Tausendfüßler", die jahrzehntelang zusammen mit dem Drei-Scheiben-Haus der Architekten Hentrich und Petschnigg eines der häufigsten Postkartenmotive Düsseldorfs bildete, wird wohl bald der Abrissbirne zum Opfer fallen.
Ein paar Kilometer rheinabwärts, in der Domstadt Köln, haben die Bürger immerhin ihr Schauspielhaus aus den 1950ern retten können.
...in der Tat ist im Vergleich zu aktueller Rohbauarchitektur aus Betonwürfeln selbst 50er Chic noch opulent und verspielt. Wenn ich mir dann aber Jugendstilviertel in München anschaue werd ich richtig sentimental ob der Schönheit und architektonischen Heiterkeit.
Unsere Städte wurden dermaßen zerfasert und de-urbanisiert dass die Menschen inzwischen einfach alles was irgendwie noch an Stadt erinnert verteidigen. So auch in Stuttgart. Der bisherige Bahnhof ist meiner Meinung nach eine absolute Scheußlichkeit aber es ist noch ein klassischer Bahnhof, mit ebenerdigem Zugang zu hoher Bahnhofshalle, inklusive all den Geräuschen und Blickbeziehungen. Da wird auch der Pendler ab und zu romantisch. Das neue Bauwerk schaut fesch aus ist aber wieder vorallem funktionell und nicht den Stadtraum "möblierend".
Es geht dabei weniger um die konkrete Architektur als um Parzellierung, Zuschnitte, Blickbeziehungen, Maßstäbe - beispielsweise kann man in Historismus ebenso menschenverkleinernd bauen wie in Glas und Stahl.
...in der Tat ist im Vergleich zu aktueller Rohbauarchitektur aus Betonwürfeln selbst 50er Chic noch opulent und verspielt. Wenn ich mir dann aber Jugendstilviertel in München anschaue werd ich richtig sentimental ob der Schönheit und architektonischen Heiterkeit.
Unsere Städte wurden dermaßen zerfasert und de-urbanisiert dass die Menschen inzwischen einfach alles was irgendwie noch an Stadt erinnert verteidigen. So auch in Stuttgart. Der bisherige Bahnhof ist meiner Meinung nach eine absolute Scheußlichkeit aber es ist noch ein klassischer Bahnhof, mit ebenerdigem Zugang zu hoher Bahnhofshalle, inklusive all den Geräuschen und Blickbeziehungen. Da wird auch der Pendler ab und zu romantisch. Das neue Bauwerk schaut fesch aus ist aber wieder vorallem funktionell und nicht den Stadtraum "möblierend".
Es geht dabei weniger um die konkrete Architektur als um Parzellierung, Zuschnitte, Blickbeziehungen, Maßstäbe - beispielsweise kann man in Historismus ebenso menschenverkleinernd bauen wie in Glas und Stahl.
...in der Tat ist im Vergleich zu aktueller Rohbauarchitektur aus Betonwürfeln selbst 50er Chic noch opulent und verspielt. Wenn ich mir dann aber Jugendstilviertel in München anschaue werd ich richtig sentimental ob der Schönheit und architektonischen Heiterkeit.
Unsere Städte wurden dermaßen zerfasert und de-urbanisiert dass die Menschen inzwischen einfach alles was irgendwie noch an Stadt erinnert verteidigen. So auch in Stuttgart. Der bisherige Bahnhof ist meiner Meinung nach eine absolute Scheußlichkeit aber es ist noch ein klassischer Bahnhof, mit ebenerdigem Zugang zu hoher Bahnhofshalle, inklusive all den Geräuschen und Blickbeziehungen. Da wird auch der Pendler ab und zu romantisch. Das neue Bauwerk schaut fesch aus ist aber wieder vorallem funktionell und nicht den Stadtraum "möblierend".
Es geht dabei weniger um die konkrete Architektur als um Parzellierung, Zuschnitte, Blickbeziehungen, Maßstäbe - beispielsweise kann man in Historismus ebenso menschenverkleinernd bauen wie in Glas und Stahl.
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