Film "Drei"Kein flotter Dreier

Tom Tykwers neuer Film "Drei" wurde beim Filmfest in Venedig verhalten aufgenommen. Das Dreiecksdrama handelt von einem Hetero-Paar, das sich in denselben Mann verliebt. von Jan Schulz-Ojala

Eine von drei Liebesbeziehungen ist die zwischen Simon (Sebastian Schipper) und Hanna (Sophie Rois)

Eine von drei Liebesbeziehungen ist die zwischen Simon (Sebastian Schipper) und Hanna (Sophie Rois)   |  © X-Verleih

Die erste gute Nachricht: Tom Tykwer, lange in Diensten der großen Studios, ist heimgekehrt, mit einem deutschsprachigen Film nach eigenem Drehbuch. Die zweite: Er ist damit im Wettbewerb von Venedig gelandet. Die dritte ist der originelle Plot: Drei erzählt von einem Hetero-Paar, das sich ohne Wissen des Partners in denselben Mann verliebt. Und nun die schlechte Nachricht: Ein flotter Dreier sieht anders aus.

Nicht, dass sich irgendwer in die mattgoldenen Zeiten der deutschen Beziehungskomödie zurückwünscht; eine solche wäre vom Grübler Tykwer ohnehin nicht zu erwarten gewesen. Tatsächlich mixt er Komödie, Tragödie, Romanze, Groteske und Generationenporträt großstädtischer Mittvierziger mit einem diffus ganzheitlichen Volksbildungsimpuls. Woran die kleine, am vorletzten Tag der Filmfestspiele Venedig eher lau aufgenommene Geschichte bereits schwer zu tragen hat. Vor allem aber ist dieser Dreier schon deshalb nicht flott, weil er so unendlich langsam vor sich geht.

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Also: Die Kulturgut -Fernsehmoderatorin Hanna (Sophie Rois) und der Kunstbaubetriebsleiter Simon (Sebastian Schipper) leben seit 20 Jahren so unverheiratet wie kinderlos wie vollinhaltlich verwohnt in Berlin zusammen. Da stirbt Simons Mutter (Angela Winkler) ruckzuck an Bauchspeicheldrüsenkrebs, und Simon selbst muss sich, ruckzuck und schnippschnapp, einer Hodenkrebsoperation unterziehen. Hanna verliebt sich derweil bei einem Kongress in den Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow). Womit die erste Hälfte des Zweistundenfilms erschöpfend wiedergegeben wäre.

Zwecks Reha begibt sich der nunmehr einhodige Simon aufs Spree-Badeschiff und nimmt, wie Badegast Adam ihm nach einer ersten Masturbationsbehilflichkeit nahelegt, "Abschied vom deterministischen Biologieverständnis". Will heißen: Alle Menschen sind bi. Simon weiß davon nur neuerdings und Adam, der anderswo noch Exfrau und Sohn hat, schon länger. Pünktlich eine Viertelstunde vor Filmschluss kommt es zur Konfrontation: Hanna überrascht Simon bei Adam – und ist auch noch schwanger.

Situationskomik? Nur dieses Mal. Sonst bloß eine Serie von – auch mal per Splitscreen – abgehäkelten Situationen. Figurenentwickung? Am ehesten noch bei Simon zu ahnen. Womit füllt Tykwer dann seinen Film? Mit der minder erheblichen Elaboration der beruflichen Hintergründe aller Beteiligten und vor allem mit Bildungsgut: Tanztheater, Robert Wilson, Hermann Hesse, dazu umfängliche Vorträge zur Embryonenforschung. Ja, man lernt allerhand in Drei . Ein bisschen spät und sehr nebenbei auch fürs Leben.

Der Dreier selbst gerät dann, zum Abspann, elegisch-harmonisch. Nur für Angela Winkler als Simons Mama kommt die schöne neue Zeit zu spät. Zum Trost ist sie als proper ausgeweidetes Muskel-Monster, hokuspokus einszweidrei, in die ewigen Jagdgründe des Gunther von Hagens eingegangen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Zack34
    • 11. September 2010 12:41 Uhr

    ... schlage schon die nächste bahnbrechende Arbeit vor:
    ein homosexuelles Paar, das sich dann aber in eine - o tempora o mores - lesbische (!) Giraffe verliebt.

    ...

    • Blogger
    • 11. September 2010 18:04 Uhr

    Bisher habe ich zwar nur Ausschnitte gesehen (muss wohl "Kulturzeit" auf 3-sat gewesen sein) und Kritik(en) gelesen, aber trotzdem ... :-)

    Warum, lieber Tom Tykwer, "brauchen Sie als Rechtfertigung" für die Mann-männliche Sex-Beziehung soviel "Vorwand"?

    Krankheit - Tod - Schwangerschaft ..., puh !!!

    Das Leben ist doch viel weniger dramatisch :-)
    Wenn Mann Lust auf Mann hat, ja und?
    Dafür muss doch nicht erst die Ehe zerrüttet, ein Hoden amputiert, die (Schwieger-)Mutter gestorben und dann auch noch die Frau von einem anderen schwanger sein, oder! :-)

    Glauben Sie mir, ich habe (als schwuler Mann) mit etlichen verheirateten (heterosexuellen) Männern Sex gehabt ...; lief meist ziemlich undramatisch und ohne irgendwelche Rechtfertigungsversuche ab. Wenn man(n) Lust hat, hat man(n) Lust, sonst läßt man es eben ... aus die Maus :-)

    PS Erinnert mich so etwas an die unsäglichen Hollywood Teenie-Schinken, in denen diejenigen Boys & Girls, die es wagen sich sexuelle Freiheiten herauszunehmen, anschließend regelmäßig ganz schlimme Schicksalsschläge erleiden :-) Das ist so vorhersehbar, dass ich es unfreiwillig komisch finde ... Und sowas ähnliches jetzt von Tykwer? Hallo Junge! Wir sind inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen, die 1950er Jahre sind abgehakt, oder willst Du, dass das Kinopublikum sich vor Lachen auf die Schenkel schlägt?

  1. Von den Bildern her. Ansonsten musste ich leider schon bei der Storybeschreibung gähnen...

  2. Das ist der Film Threesome, den Tom Tykwer aber nicht kannte. Da hat ihn einer aber ganz schön reingelegt.

    Threesome ist von Andrew Flemming mit Stephen Baldwin.

    Tja, das ist ja dumm gelaufen. Das hat ihm jemand geschickt bzw. gefragt, ob er den Film macht. Der dachte er würde mir eine Story stehlen. Jaja diese Neider. Bei The Good Heart hat er es auch versucht und da gibt es jetzt rechtliche Probleme und der Film ist auf mein Anraten aus den Kinos hier verschwunden.

    Und da dieser Eintrag wieder zensiert und gelöscht wird, kann das noch jahrelang so weitergehen. Wobei die zeit nicht mit drinsteckt, aber das spielt keine Rolle. Da kommt ein Anruf oder es wird von vorneherein gelöscht.

    PS. Wie fandet ihr den Enterprise Film mit dem Roten Kryptonit aus Superman?

  3. Story ohne Spannung, Peinlichkeiten ohne Ende (die als Engel schwebende Mutter usw), Geschmacklosigkeiten, Stilbrüche, völlig unglaubwürdige Personen, ein grauenhaftes Klischee einer Quotenfrau im Ethikrat, die Soziologendeutsch redet, das sie selbst nicht versteht, ansonsten aber unbeholfen und dümmlich ist und von Gentechnik auch keine Ahnung hat (typische durch Uni verbildete Frau, Herr Tykwer?), so schlechtes Kino kann man nur mit deutscher Filmförderung machen....

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  • Schlagworte Tom Tykwer | Angela Winkler | Hermann Hesse | Bauchspeicheldrüsenkrebs | Drehbuch | Robert Wilson
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