Filmfestival in Venedig Verhungern am Ende der WeltSeite 2/2

In Kelly Reichardts Meek’s Cutoff ziehen drei Siedlerfamilien mit ihren Planwagen und einer Handvoll Vieh durch ein Amerika, das aussieht wie die Mongolei: leer, steinig, kein Wasser weit und breit. Als der kleine Treck unter Führung eines grimmigen Cowboys (Bruce Greenwood) vom Pfad abkommt und bald alle zu verdursten drohen, müssen sie auf die Ortskenntnis eines – gefangenen – Indios vertrauen. In dem wohl ungewöhnlichsten Showdown der Westerngeschichte spielt dann aber nicht der Cowboy, nicht der Indio, sondern die Frau eines Siedlers (Michelle Williams) die entscheidende Rolle. Meek’s Cutoff ist ein feiner postfeministischer Western – und ebenfalls plötzlich nur eine Fußnote des Festivals.

Von all diesen teils brillant inszenierten Enden der Welt – auch Pablo Larrains Post Mortem gehört dazu, die in den Tagen um den Sturz von Salvador Allende spielende finstere Liebesgeschichte eines Angestellten im Leichenschauhaus – muss ein Festival irgendwann wieder zum Anfang zurückkehren, zu Aufbrüchen, zum Leben. Zur Halbzeit empfehlen sich für höchste Ehren vor allem so leuchtende Filme wie François Ozons Potiche und Sofia Coppolas Somewhere . Ozon feiert, mit der blendend aufgelegten Catherine Deneuve, das Leben mit wunderbar schamloser Überdeutlichkeit, Coppola tut es, wie es ihre Art ist: beiläufig und zart. Ihr Film über einen unmerklich vereinsamenden Hollywoodstar, der auf einmal begreift, dass er eine elfjährige Tochter hat und darüber endlich erwachsen wird, hat dem Festival – mit Stephen Dorff und Elle Fanning – schon jetzt sein anrührendstes Hauptdarstellerpaar geschenkt.

Aber wer mag heute auf Favoritensuche gehen, zumal Titel wie Abdellatif Kechiches Vénus noire , Saverio Costanzos vielberaunte Einsamkeit der Primzahlen und Tom Tykwers Drei noch bevorstehen? Wer Wang Bings phänomenalen Film gesehen hat, stolpert wie aus einem Stollen zurück ans Licht – unter den kühlen, grauen Himmel eines schmalen Inselchens namens Lido di Venezia, irgendwo am Ende der Welt.

 
Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank für diesen gelungenen Artikel, der mir bildhaft einige der beschriebenen Filme vor Augen geführt hat! (sehen will ich die meisten ja lieber nicht !)

    • joG
    • 07.09.2010 um 13:18 Uhr

    ....oder KZs reden, sollten wir den Inhalt dieses Artikels im Gedächtnis haben und uns fragen, ob wir in der Besprechung der jeweils aktuellen Aufregungen nicht unsere Wortwahl überdenken müssten. Es ist zwar dann schwieriger bspw Guantanamo oder Waterboarding zu verdammen, aber es diente die Perspektive zu behalten und unsere Begründungen und Abwägungen genauer zu durchdenken.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service