Als Harry Mulisch bereits als junger Schriftsteller, Anfang der sechziger Jahre, in einer Autobiografie mit dem Titel "Selbstbildnis mit Turban" Auskunft über seine Herkunft gab, formulierte er den anmaßenden, seinem Ego entsprechenden, aber durchaus treffenden Satz: "Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit liegt mir im Blut."

Geboren 1927 im niederländischen Haarlem als Sohn des ehemaligen, tschechisch-sudetendeutschen k.u.k-Offiziers und Bankers Karl Victor Kurt Mulisch und der aus dem belgischen Antwerpen stammenden Jüdin Alice Schwartz, wurde er von Beginn seines Lebens mit den schlimmsten Widrigkeiten der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Sein Vater war unter der deutschen Besatzung bei einer Bank beschäftigt, die sich auch um die beschlagnahmten jüdischen Vermögen kümmerte. So war es Mulisch senior möglich, seine Ex-Frau, von der er sich 1936 hatte scheiden lassen, und seinen Sohn vor der Deportation zu schützen. Nach dem Krieg musste Vater Mulisch drei Jahre wegen Kollaboration im Gefängnis absitzen.

Nicht nur sein größter und vielleicht bedeutendster Roman "Die Entdeckung des Himmels", der in großen Teilen von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs handelt, bewies dann, wie sehr Harry Mulisch diese Zeit tatsächlich im Blut steckte. Schon in seinem zweiten Roman "Das steinerne Brautbett" aus dem Jahr 1959 wählte er die Bombardements Dresdens durch die Alliierten als Stoff, spielte darin mit den Klischees über die Deutschen in den Niederlanden und führte diese in ihr Gegenteil, um schließlich bei einem nicht weniger klischeebehafteten Antiamerikanismus zu landen.

1961 nahm Mulisch als Zeitungskorrespondent am Eichmann-Prozess in Israel teil, den er kurz darauf in einer literarischen Reportage bewältigte, "Strafsache 40/61". Provozierend beschrieb er darin den Nazi-Mörder als "Symbol des Fortschritts", als eine nur ihren Impulsen gehorchende Menschmaschine.

In Mulischs Werk ist die Konstruktion der Welt immer ein Thema

Nachdem er für "Strafsache 40/61" in seiner Heimat mit einem literarischen Preis ausgezeichnet worden war, bezeichnete sich Mulisch in den folgenden Jahren als "weltberühmt in Holland" – und wurde 1983 wirklich weltberühmt, als sein Roman "Das Attentat" erschien. Darin lässt er den Anästhesisten Anton Steenwijk in fünf Episoden dessen Lebensgeschichte von 1945 bis 1981 erzählen, beginnend mit einem Anschlag von Widerstandskämpfern auf einen Polizisten und Kollaborateur, für den Antons Familie zu Unrecht verantwortlich gemacht wird. Sie wird von den Deutschen hingerichtet, und Anton gelingt es trotz seines Berufes nicht, dieses Geschehen zu anästhesieren, zu verdrängen.

Auch Mulisch bleibt dran, ein letztes Mal, wie er verkündete, 2001 mit dem Roman "Siegfried. Eine schwarze Idylle". Darin dichtet er Hitler und Eva Braun einen Sohn an, der von Pflegeeltern im Berghof auf den Obersalzberg aufgezogen und von diesen auf Geheiß Hitlers 1944 hingerichtet wird. "Ich habe ihn verstanden, weil ich nichts verstanden habe", lautete Mulischs Hitler-Roman-Resümee. Womit er zu verstehen gab, möglicherweise gescheitert zu sein bei dem Versuch, Hitler psychologisch auf den Grund zu kommen, ihn zu profanisieren und wegzurücken von Erklärungen, er sei ein "Phänomen" oder "Naturereignis".

Ein "Phantasieexperiment" nennt Mulischs alter ego in "Siegfried", der Schriftsteller Rudolf Herter, diesen Versuch über Hitler – und Phantasieexperimente waren oft auch Mulischs literarische Studien und Pamphlete über Psychologie, Geschichte, Gesellschaft, Philosophie und Theologie, die sich zumeist nur sehr weitläufig an ursprünglich wissenschaftliche Diskurse anlehnen. Auf diesen Traktaten baut sich das von Mulisch erdachte und in sich schlüssige Universum, das Okkultes, Alchimistisches, Außerirdisches miteinbezieht. In Mulischs Erzählwelt ist die Konstruktion, die Schöpfung dieser Welt immer auch Thema. In seinem 1999 entstandenen Roman "Die Prozedur" widmet Mulisch der Konstruktion von Sprache durch Buchstaben und Wörter ein ganzes Kapitel, und im Verlauf der Erzählhandlung erschaffen seine den Romanfiguren gar einen neuen Menschen.

Mulischs Verhältnis zu seinen Texten war symbiotisch. Sie spiegeln ihn selbst, und er war ein Teil von ihnen. Seine literarische Welt entspricht im Wesentlichen dem Puppentheater aus seinem Erstlingswerk "Archibald Strohalm". Dort gibt es eine imaginäre göttliche Instanz, den Puppenspieler, der "die Puppen tanzen lässt".

Trotz seines frühen niederländischen Weltruhms musste Mulisch in seiner Heimat oft mit Ressentiments kämpfen. Der auf einer Kubareise basierende und Fidel Castro verherrlichende politische Reportageroman "Das Wort zur Tat" war sehr umstritten und brachte ihm das Image eines Salonsozialisten ein. Auch seine dandyhafte öffentliche Darstellung als bedeutender Künstler, der sich in Fernsehshows hingebungsvoll die Pfeife stopfte, wurde ihm in den calvinistischen Niederlanden lange übel genommen.

In diesem Universum aber ist alles Theater, eine Inszenierung nach seinem Gutdünken, bei der der Autor, Regisseur, Dramaturg, Komponist und Bühnenbildner hinter den Kulissen immer sichtbar bleibt. Es ist eine faszinierende Welt, eine eigenwillige und pointierte. Eine Welt, die Mulisch einmal so beschrieben hat: "Ich phantasiere nie. Ich erinnere mich an Dinge, die nie geschehen sind." Am Samstagabend ist Harry Mulisch in seinem Haus in Amsterdam gestorben.