Integration Die Rückkehr der Gefühlsdeutschen
Den Kampfbegriff der Leitkultur hatte man schon fast vergessen. In der hysterischen Integrationsdebatte bekommt er wieder einen Platz. Ein Kommentar
Es muss schlimm stehen um unser Land. Wer dem Gepolter von Horst Seehofer oder seinem Wegbereiter Thilo Sarrazin zuhört, könnte schnell zu diesem Schluss gelangen. In der immer undurchsichtigeren Integrationsdebatte klingt die Erregung nicht ab. Sie nimmt sogar noch mehr Fahrt auf: Die CDU hat zu ihrem Parteitag im November den Entwurf eines Leitpapiers vorgelegt. Der Abschnitt zur Einwanderungspolitik nimmt darin den größten Platz ein. Ein Kernsatz lautet: Die christlich-jüdische Tradition und die historischen Erfahrungen seien die Grundlage für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und bilden die "Leitkultur in Deutschland".
Sollte es sich bei dieser Grundlage, wie Bundespräsident Christian Wulff in Ankara betonte, um die Loyalität aller Bürger zur Verfassung und zu einem christlich, aufklärerischen Wertekanon handeln, könnte man sich fragen: Warum schreibt die Union das nicht? Stattdessen bringt sie, nachdem sie den mythisierten Begriff des Multikulti publikumswirksam entsorgt hat, einen anderen mythisierten Begriff in Stellung: die Leitkultur.
Schlagartig befindet sich die CDU damit wieder in der Rhetorik, bei der manchem schon vor zehn Jahren unbehaglich wurde. Anstelle der zivilisatorischen Verfasstheit (Grundgesetz) zielt sie wieder auf eine eigentümliche innere Einkehr: die Kultur mitsamt historischer Erfahrungen und religiösen Implikationen. Hier spiegelt sich das Muster der Debatte. Es wird nicht mehr gedacht, sondern gefühlt.
Eine Begriffsbestimmung deutscher Kultur ist schwer. In ihrem Namen ließ einst Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen Nietzsche, Goethe und Wagner aufmarschieren gegen die westliche Demokratie. Ihre heutigen Eiferer können nur sagen, was deutsche Kultur nicht ist, der Islam zum Beispiel, dem christlich-jüdisch zu Leibe gerückt wird. Der Ordnungsruf nach der Homogenität einer solchen Kultur allerdings hat deutsche Tradition, verwurzelt in der romantischen Theorie. Aus fester Kultur folgt dort die Einheit der Nation. Ein Konstrukt, das den Kern einer modernen, offenen Gesellschaft nicht trifft: Zivilisation kann integrieren, verordnete Kultur grenzt erst einmal aus.
Die Frage ist, ob es der Union in der Debatte tatsächlich hilft, – sei es aus Überzeugung oder sprachlicher Ohnmacht – sich zum Schleppenträger der gefühlsdeutschen Rhetorik zu machen. Aber vielleicht liegt hier ja gerade der Trick: Je unkonkreter die Partei bleibt, desto länger kann sie sich ausruhen, ohne Druck, sich dem konkreten Alltag deutscher Einwanderungsprobleme zuwenden zu müssen. Vielleicht meldet Horst Seehofer unser Land ja bald sogar als Weltkulturerbe an. Um den Rest kümmert sich dann der Bundesgrenzschutz.
- Datum 20.10.2010 - 16:39 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 470
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wie in der Überschrift bereits zu lesen ist, interessiert mich wie der Künstler des für den Artikel genommenen Gemäldes heisst. off-topic ich weiss, begeistere mich aber für Kunst und konnte leider keine Quellenangabe zu dem Bild finden.
Liebe karina.2709,
es sind die "Wiesen bei Greifswald" von Caspar David Friedrich.
Mit bestem Gruß,
D. Hugendick
Schönen Abend.
Wiesen bei Greifswald
um 1822, Caspar David Friedrich,
mit herzlichen Grüßen
Liebe karina.2709,
es sind die "Wiesen bei Greifswald" von Caspar David Friedrich.
Mit bestem Gruß,
D. Hugendick
Schönen Abend.
Wiesen bei Greifswald
um 1822, Caspar David Friedrich,
mit herzlichen Grüßen
"Zivilisation kann integrieren, verordnete Kultur grenzt erst einmal aus"
Ich stimme Herrn Hugendick voll und ganz zu. Und danke Ihm für den Artikel. Es ist ein Ton der Vernunft, den man hier im Gegensatz zur "Gefühls-Debatte" lesen darf. Die im Artikel aufgezeigte Sicht der Dinge muss mehr erörtert werden, um die Debatte zu einem vernünftigen Ergebnis zu bringen. Hier liegt der richtige Weg.
Danke.
Liebe karina.2709,
es sind die "Wiesen bei Greifswald" von Caspar David Friedrich.
Mit bestem Gruß,
D. Hugendick
Aha, das Gemälde stammt von einem Künstler der deutschen Romantik. Damit passt es zum Thema des Kommentars. Mir ging übrigens durch den Kopf, dass es vielleicht das Dresdner Elbtal darstellt, weil Herr Hugendick ja davon spricht, dass Deutschland Menschen wie Seehofer wie ein Weltkulturerbe am Herzen liegt. Da denkt man an den Kölner Dom, der auch Weltkulturerbe ist und durch unablässige Restauration - nie ist er frei von Baugerüsten - vor dem Verfall bewahrt werden muss... Hier müsste nicht Sarkasmus, sondern Trauer mitschwingen. Denn wir Deutschen sterben aus und mit uns das, was von unserer Kultur noch übrig ist. Wir müssen das anerkennen, aber dazu ist Trauerarbeit nötig (auf die ein Caspar David Friedrich einstimmen könnte)
Aha, das Gemälde stammt von einem Künstler der deutschen Romantik. Damit passt es zum Thema des Kommentars. Mir ging übrigens durch den Kopf, dass es vielleicht das Dresdner Elbtal darstellt, weil Herr Hugendick ja davon spricht, dass Deutschland Menschen wie Seehofer wie ein Weltkulturerbe am Herzen liegt. Da denkt man an den Kölner Dom, der auch Weltkulturerbe ist und durch unablässige Restauration - nie ist er frei von Baugerüsten - vor dem Verfall bewahrt werden muss... Hier müsste nicht Sarkasmus, sondern Trauer mitschwingen. Denn wir Deutschen sterben aus und mit uns das, was von unserer Kultur noch übrig ist. Wir müssen das anerkennen, aber dazu ist Trauerarbeit nötig (auf die ein Caspar David Friedrich einstimmen könnte)
Muss das nicht "Leidkultur" geschrieben werden?
...aber nach der neuen Rechtschreibung dürfte es "Lightkultur" heissen.
...aber nach der neuen Rechtschreibung dürfte es "Lightkultur" heissen.
Schönen Abend.
ich werde das Gefühl nicht los, dass "die Integrationsdebatte" (die in Wahrheit ein Konglomerat aus mehreren Debatten ist: 1) Religion / Kultur, 2) Sozialstaat) vor allem deshalb "hysterisch" ist, weil sie in beinahe jeder ZEIT-Überschrift "hysterisch" genannt wird. fragt sich also, wem hier eigentlich die "Erregung" zukommt.
Kultureller Nachschlag: der Verdacht, Romantik sei eine gefühlsinnerliche Strömung mit reaktionären Hintergrundmotiven ist mindestens so alt wie Heines "Romantische Schule" (dt. 1833) und hängt von ziemlich vielen ideologischen Vorannahmen darüber ab, was "die Romantik" sei. Wer mit solchen verstaubten Diskurskamellen um sich wirft wie Herr Hugendick, sollte - bei allem Respekt - ein bisschen Glashaus-Vorsicht gegenüber dem Vorwurf walten lassen, die CDU falle in veraltete Rhetorik-Muster zurück.
Romantik ist auch eine Gegenreaktion auf Industrialisierung, Verwestlichung, auf die Einführung des american way of life. Auch die Liebe der GRÜNEN zum deutschen Wald - Stichwort: Waldsterben - steht in dieser konservativen (= bewahrenden) romantischen Tradition. Ebenso die im Kommentar erwähnte Schrift von Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen.. da müssen auch Gefühle gestattet sein... Wenn man die eigene Kultur nicht mehr bewahren kann, muss man Trauerarbeit leisten...
Romantik ist auch eine Gegenreaktion auf Industrialisierung, Verwestlichung, auf die Einführung des american way of life. Auch die Liebe der GRÜNEN zum deutschen Wald - Stichwort: Waldsterben - steht in dieser konservativen (= bewahrenden) romantischen Tradition. Ebenso die im Kommentar erwähnte Schrift von Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen.. da müssen auch Gefühle gestattet sein... Wenn man die eigene Kultur nicht mehr bewahren kann, muss man Trauerarbeit leisten...
Wiesen bei Greifswald
um 1822, Caspar David Friedrich,
mit herzlichen Grüßen
analytisch genauso wie deren sprachliches Rauschen
als Leitmotiv in illokutiven Akten[ Jurist Austin ];
und die Sprachendungen des Geheimrats J.W. von Goethe
schlagen vom Wachtturm in metaphysischen Umnachtungen.
mit dem "wohltemperierten Klavier" oder der "Kunst der Fuge" beschäftigt?
Zitat:
"Schon die "Deutsche Klavier-Musik"[Allemande] war nie analytisch"
mit dem "wohltemperierten Klavier" oder der "Kunst der Fuge" beschäftigt?
Zitat:
"Schon die "Deutsche Klavier-Musik"[Allemande] war nie analytisch"
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