Altonaer Museum "Es ist nicht meine Aufgabe, das Museum abzureißen"
Torkild Hinrichsen, der Direktor des von der Schließung bedrohten Altonaer Museums, spricht mit ZEIT ONLINE über die Lethargie der Hamburger, ausgebliebene Neuerungen und bewusste Irreführung durch den Senat.
© Henning Homann

Prof. Torkild Hinrichsen spricht sich bei einer Protestveranstaltung für die Erhaltung des Altonaer Museums aus
ZEIT ONLINE: Herr Hinrichsen, Ihr Haus, das Altonaer Museum, ist akut von der Schließung bedroht. Welche Sorgen plagen Sie zurzeit?
Prof. Dr. Torkild Hinrichsen: Unsere einzige Sorge besteht darin, durchzuhalten. Wir sind nun seit vier Wochen mit der geplanten Schließung des Museums konfrontiert. Der gesetzte Endtermin hierfür ist der 31. Dezember. Das ist noch ziemlich lange hin. Und solange müssen wir die Aufmerksamkeit aufrechterhalten. Wenn wir nachlassen, sind wir vergessen.
ZEIT ONLINE: Zurzeit ist das Altonaer Museum gut im Gespräch. Sogar der Altkanzler Helmut Schmidt hat sich für den Erhalt des Altonaer Museums ausgesprochen. Eine echte Hilfe?
Hinrichsen: Das ist insofern eine Hilfe, als dass immer auf sein Wort gehört wird. Seine Worte werden wie ein weises Orakel behandelt. Das ist so ähnlich, als wenn der Papst spricht. Ob es die bürgerliche Regierung in Hamburg allerdings erweicht, ist eine ganz andere Geschichte. Ich bin guten Mutes, weil man das Gefühl hat, dass man nicht alleine gelassen wird. Unsere Unterschriften gegen die Schließung liegen bei etwas über 40.000. Das sind 10.000 Stück pro Woche. Das ist vorzüglich.
ZEIT ONLINE: Zeigen die öffentlichen Proteste Wirkung im Senat?
Hinrichsen: Ich rechne damit, dass der neue Bürgermeister, Herr Ahlhaus, seinen Kultursenator in Kürze an die Luft setzt. Den Senator wird man immer leicht los, der ist auch schon reif zum Pflücken – nach gerade mal acht Wochen im Dienst. Doch damit ist das Problem nicht gelöst.
ZEIT ONLINE: Große Bürgerproteste wie bei Stuttgart 21 blieben in Hamburg bisher aus. Warum sind die Hamburger weniger protestwillig als andere?
Hinrichsen: Die Hamburger kann man nicht mobilisieren, das war schon immer so. Sie sind sehr zurückhaltend, grummeln lieber vor sich hin. Das ist eben so. Über diese Beschränktheit muss man sich eben im Klaren sein.
ZEIT ONLINE: Wo geht es denn jetzt hin?
Hinrichsen: Das weiß ich nicht. Der Senator sagte mir: "Ihre Exponate und Ausstellungen werden dann in den anderen Museen gezeigt." Das geht aber nicht, weil sie schon jetzt voll sind bis zum Rand. Wenn Sie unsere 640.000 Objekte da reinstopfen, kann man nicht mal mehr der Hausmeister das Haus betreten. Die Magazine sind auch alle voll. Und selbst wenn es ginge: Geld wird benötigt, um aus einzelnen Exponaten eine Ausstellung zu machen. Das ist nicht bloß ein Aufstellen von Dingen, sondern ein Zeigen von Themen. Der Senat weiß gar nicht, wie das Ganze funktioniert. Und er hat auch nicht gefragt. Das ist das Bittere.
ZEIT ONLINE: Der Senat hat also selbst noch keinen konkreten Plan?
Hinrichsen: Nein. Es wird erwartet, dass wir das Know-how liefern, um das Museum dann abzureißen. Ich habe dem Stiftungsrat nun geschrieben, dass ich nicht der erste Museumsdirektor in Deutschland sein möchte, der das Know-how liefert, sein eigenes Museum abzureißen. Meine Expertise steht nicht zur Verfügung.
ZEIT ONLINE: Die Schließung ist juristisch gesehen umstritten. Wo sehen Sie Angriffsflächen?
Hinrichsen: Der Hamburger Senat ist nicht befugt, bestehende Gesetze – und das Stiftungsgesetz ist ein bestehendes Gesetz – in irgendeiner Weise so zu beschädigen, dass ein integraler Bestandteil einfach herausgelöst wird. Nun will der Senat das Gesetz ändern. Er würde somit das Gesetz seinen eigenen Entscheidungen anpassen. Ohne Beteiligung der Bürgerschaft geht das nicht. Außerdem ist der Haushalt 2011 und 2012 noch gar nicht beschlossen. Die Entscheidung über die Schließung fiel also innerhalb eines laufenden Prozesses. Das sind die beiden Stellen, wo man juristisch einhaken kann.
ZEIT ONLINE: Wo spart der Senat die 3,5 Millionen ein, wenn nicht bei Ihnen?
Hinrichsen: Das Dumme ist, dass diese 3,5 Millionen ohnehin von Vornherein nicht bei uns erzielt werden können. Denn 1,5 Millionen davon sind Personalkosten. Nun hat der Senat die Idee, diese 1,5 Millionen einfach auf die Finanzbehörde zu verlagern. Innerhalb des finanziellen Gesamttopfes bewegt sich also überhaupt nichts. Leer bleibt leer und voll bleibt voll, ob ich das nun innerhalb der ersten Sektion in die zweite Sektion schaufle oder von der zweiten in die dritte, das kommt sich gleich. Konkret bedeutet das: Es wird keiner gekündigt, alle Fachleute landen in einer Warteschleife. Die sitzen dann bei vollem Gehalt zu Hause auf dem Sofa rum.
- Datum 19.10.2010 - 13:53 Uhr
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So etwas Langweiliges wie das Altonaer Museum gibt es in jeder Stadt. Aber muss Hamburg diese verstaubte Sammlung deswegen auf ewig geöffnet halten? Wenn wenigstens das Museum für Hamburgische Geschichte etwas zu bieten hätte. Wenn man die Mittel für das Harburger und Altonaer Museum dort für etwas Neues, Aufregendes verwenden würde, kämen vielleicht ein paar Hamburger auf die Idee, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen. Aber so schmoren diese alten Klamotten seit Jahrzehnten in ihrem eigenen Saft. Heutzutage hat doch nur eine Lebensberechtigung, was alle paar Monate mit einer aufregenden Sonderausstellung auf sich aufmerksam macht. Dafür fehlen die Mittel, die Manpower und der Mut. Hamburg hat ein Defizit, und ü b e r a l l muss gespart werden. Am besten da, wo es am wenigsten weh tut.
Es gibt keine langweiligen Museen ! Es gibt nur langweilige Benutzer !
Das Altonaer Museum ist kein Hamburger Museum, sondern aufgrund seiner Geschichte das Museum einer ehemals von Hamburg unabhängigen Stadt (zur Geschichte siehe ausführlich Wikipediaeintrag).
Wir waren neulich im Museum für Naturkunde in (Ost)-Berlin.
Dort sieht ein langweiliger Benutzer nur Steine und Knochen und eine heruntergekommenes Gebäude.
Wer seine Augen jedoch öffnet, sieht dort ein Museum das selbst ein Museum ist und die Sammlung einen unschätzbaren Wert hat.
Ähnlich verhält es sich mit dem Museum Altona. Seine Ausstellungsstücke sind unwiderbringlich.
Natürlich kann man der Museumsleitung vorwerfen in der Vergangenheit nicht immer glücklich agiert zu haben. Auch der Bekanntheitsgrad in der neuerer Generation ist nicht gerade hoch.
Es ist jedoch kein Grund, das Museum jetzt abzuwickeln.
Vor dem Hintergrund der HSH Affäre, dem Bauskandal um die Fischoper, der überzogenen Kosten für die U-Bahn in die HafenCity, sind die 3,5 Mio ein Fliegenschiss für Hamburg.
Die Bundesregierung hat die Bezirke Mitte und Altona in Berlin mit dem begehrten Titel "Vielfalt, Toleranz und Demokratie" ausgezeichnet.
abendblatt.de 23.10.10
An der Vielfalt dürfte es fehlen, wenn das Museum Altona geschlossen wird. Ob die Bundesregierung davon Kenntnis hat ?
Das Altonaer Museum erhält noch einmal eine Chance. Schließung vorerst vom Tisch.
abendblatt.de vom 28.10.10
1.11.2010: Volksinitiative “Altonaer Museum bleibt!” gegründet
http://www.altonaermuseum...
...dass unsere Bundesregierung über eine Millionen ausgibt um für sich zu werben, während wo anders für ähnliche Beträge Menschen ihren Job verlieren, werde ich richtig wütend.
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