Richard Wagner & Israel Versöhnung oder Kapitulation in Bayreuth

Wagner und Israel gehen nicht zusammen. Der alte Konflikt wird nun angeheizt durch einen geplanten Auftritt des israelischen Kammerorchesters in Bayreuth.

Am Sonntag erst konnte man in den Tagesthemen einen rundum glücklichen Campino am Strand von Tel Aviv bewundern. Toll, toll, dass das jetzt möglich sei, diese Atmo, dieses Waaahnsinns-Publikum! Das Israel-Debüt der Toten Hosen war ein Sensationserfolg. Dass die Punkrock-Band aus Deutschland kommt und auch deutsch singt, schien niemanden groß zu interessieren (mal abgesehen davon, dass man die Texte ohnehin nicht versteht) – im Gegenteil: Bei den jungen Israelis ist alles Deutsche gerade superhip.

Auch bei Richard Wagner versteht man nicht viel vom Text. Für sein israelisches Publikum aber, für viele Ältere, ist er bis heute tabu. Der Holocaust mag mehr als 60 Jahre her sein: In Israel wird Wagner – der 1883 starb und als Lieblingskomponist Adolf Hitlers gilt – mit den Gräueltaten der Nazis nahezu gleichgesetzt. Öffentlich gespielt wird er kaum, und die Versuche, den Boykott zu brechen, sind Legende: 1981 Zubin Mehta mit dem Israel Philharmonic Orchestra, 2001 Daniel Barenboim mit der Berliner Staatskapelle, beide Konzerte endeten im Eklat.

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Neue Nahrung bekommt der historische Konflikt nun durch die Ankündigung des österreichisch-jüdischen Dirigenten Roberto Paternostro, mit dem israelischen Kammerorchester am 26. Juli 2011 in der Bayreuther Stadthalle aufzutreten. Schirmherrin des Gastspiels ist (als Privatperson) die Festspielleiterin Katharina Wagner, auf dem Programm stehen neben Wagners Siegfried-Idyll Werke von Mahler und Mendelssohn. Für Katharina Wagner soll das Konzert ein "Akt der Versöhnung zwischen der Wagner-Familie mit ihrer Nazi-Vergangenheit und Israel" sein.

Die Kommentatoren im Nahen Osten wollen dies offenbar um jeden Preis vermeiden. So nennt der Journalist Noah Klieger Wagner den "spirituellen Vater der Rassentheorie" und den geplanten Auftritt eine "Kapitulation"; und Efraim Zuroff, der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, bezichtigt Daniel Barenboim, weil’s grad so schön passt, noch a posteriori der "kulturellen Vergewaltigung" des israelischen Publikums.

Barenboim nun wäre der Letzte, der die Gefühle von Überlebenden der Schoah nicht respektierte. Allerdings, so sagt er, dürfe man jüngeren Generationen das Recht auf Auseinandersetzung mit Wagner nicht nehmen. Gelegenheit dazu bieten in naher Zukunft gleich zwei Berliner Veranstaltungen: Das Gesprächskonzert Lange Nacht der Nibelungen – Die Juden und ihr Wagner am 9.Oktober im Jüdischen Museum sowie das international besetzte Symposion Wagner und das Judentum am 16. und 17. Oktober in der Staatsoper im Schiller Theater.

Aus dem Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Wagner ist Musik und Musik ist Musik so wie eine Rose eine Rose ist!

  2. ... einen Komponisten schätzen, so diskreditiert das offenbar den Komponisten ? Oder wie soll die Sentenz ".... Lieblingskomponist ... oben im Text verstanden werden ? Ich kenne andere A.....löcher, die den Komponisten J.S. Bach geschätzt haben. Muss der jetzt auch weg ?

  3. Wieso zum Teufel sollte sich irgendjemand "aussöhnen" oder "zuammen gehen" wollen - außer natürlich Bayreuth in Deutschland, mit einem eigenen Fest...

    • FranL.
    • 08.10.2010 um 21:39 Uhr

    Tatsächlich waren und sind viele Juden begeisterte, bisweilen sogar fanatische Wagnerianer. Wagner war schon zu seinen Lebzeiten ein Lieblingskomponist der jüdischen Intellektuellen. Und ein jüdischer Dirigent (Levi) hat die Uraufführung des "Parsifal" dirigiert. Insofern knüpft Katharina Wagner nur an alte Bayreuther Traditionen an.

    • CHHN
    • 09.10.2010 um 1:11 Uhr

    Die Einstellung zur Schuld, Suehne und Vergebung ist in den Kulturen unterschiedlich und differenziert. Man muss den Juden ihre Gefuehle zustehen. Aus ihrer Sicht sind sie auch ueber die Zeit noch verstaendlich. Das heisst allerdings nicht, dass sich der einzelne Deutsche, Oestereicher, Ukrainer usw heute hinsichtlich der Shoa mitschuldig fuehlen und emotional bevormunden lassen muss. Es bleibt eine persoenliche und private Angelegenheit sich als Deutscher fuer Teile seiner (Kultur-)Geschichte zu schaemen und auf andere Teile stolz zu sein, inklusive Wagner. Es besteht keine Bringschuld der Deutschen gegenueber dem israelischen Staat, seinem einzelnen Buerger oder den ueber alle Welt verstreuten Juden, mit Ausnahme gegenueber den noch lebenden Opfern direkt und persoenlich. Daher halte ich eine "deutsche" oeffentliche Reaktion, wie beschrieben, zur Entschuldigung und Versoehnung fuer unangebracht,unglaubwuerdig,und realitaetsfremd, da es von Leuten kommt und an ebensolche gerichted ist, die unbeteiligt waren. Den Betreibern anti-deutschen Sentiments in Israel oder sonstwo geht es weniger um deutsche Suehne und Reue als um ihr Nicht-Vergessen und innere und persoenliche Gefuehle. Ressentiments gegen alles, was mit Deutschland zu tun hat, ist eine Form-frust der eigenen Vergangenheitsbewaeltigung, die bei Juden der Nach-Shoa-Generationen weitaus staerker vertreten ist als bei den eigentlichen ueberlebenden Opfern. Denn die meisten waren Deutsche juedischer Abstammung.

    • cmaul
    • 09.10.2010 um 6:08 Uhr

    Die Programmauswahl gefällt mir. Wenn man das vernünftig macht kann man zeigen, wieviel Wagner gerade von Mendelssohn geklaut hat.

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